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„Ich vermiss’ nichts von früher“

Seit mehr als vier Jahrzehnten sorgt Christian Schottmüller für die Patienten am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach. Über Begriffe wie „Urgestein“ und „altgedient“ kann er trotzdem nur schmunzeln. Pflege hält jung, findet der 65-Jährige. 

„Früher war das hier alles Wald“, erklärt Christian Schottmüller mit einem Blick aus dem Fenster, und seine Geste schließt alle Gebäude des weitläufigen Klinikgeländes ein. Aus dem vierten Stock, wo ein Teil „seiner“ Station für Querschnittpatienten, der Paraplegiologie, untergebracht ist, hat man einen grandiosen Ausblick. Über das SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, auf den kleinen, gleichnamigen Ort weiter unten im Tal und die Ausläufer des Schwarzwaldes und des Kraichgaus am Horizont. „Als Kind bin ich mit meinem Opa noch zwischen den Tannen spazieren gegangen“, erinnert sich der Krankenpfleger. Das war Ende der 1950er-Jahre, und bis zum Aushub für die ersten Klinikgebäude sollte es tatsächlich noch bis in die Sechziger dauern. 
Seinen ersten richtigen Kontakt zum Klinikum – damals noch als Südwestdeutsches Rehabilitationskrankenhaus Langensteinbach – hatte Schottmüller Anfang der Siebziger. „Weil ich nicht zur Bundeswehr wollte, habe ich in der Klinik meinen Ersatzdienst abgeleistet. So etwas kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen: Eine Pflegehelferin und ich – der noch nie mit Kranken gearbeitet hatte – als Spätschicht auf einer geriatrischen Station mit 16 Betten. Ich hatte ordentlich Bammel und bin schon am Kaffeekochen gescheitert“, lacht er. 
Trotzdem fand der junge Mann Gefallen an dem Beruf und machte, um die Zeit als Zivi sinnvoll zu füllen, gleich eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer. Die Rückkehr in seinen alten Job als Drogist „in einer kleinen Klitsche ohne Arbeitsschutz und Perspektiven“ fiel entsprechend kurz aus. Die Leidenschaft für den Pflegeberuf siegte, und „Schotti“, wie er von allen nur genannt wird, begann am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach als Krankenpflegehelfer auf einer neurologischen Station. 
40 Jahre ist das nun her. Heute ist Christian Schottmüller Teamleiter auf den beiden Stationen für Querschnittlähmungen im „ZWOT“, dem Zentrum für Wirbelsäule, Orthopädie und Traumatologie. In der Spitze können hier bis zu 42 Patienten betreut werden. 
Viel Zeit seines Jobs verbringt Schottmüller mittlerweile am Laptop. Er schreibt die monatlichen Dienst- und Urlaubspläne für die 50 Mitarbeiter der beiden Sta­tionen, kümmert sich um Ersatz, wenn Kollegen krank sind, sorgt dafür, dass alle Neuerungen in der Pflege geschult und umgesetzt werden. Da ist es dem erfahrenen Krankenpfleger umso wichtiger, die restliche Zeit in die Patienten zu investieren. „Ein gelähmter Mensch kann – abhängig von seiner Lähmungshöhe – nur wenig selbst machen. Sie waschen ihn, füttern ihn, halten ihm das Telefon ans Ohr und begleiten ihn durch seine Zeit in der Klinik. Da entstehen ganz enge Bindungen und Freundschaften“, erklärt er seine Liebe zur Pflege von Querschnittpatienten. „Es ist toll, wenn man die Fortschritte sieht. Viele dieser Menschen gehen mit der Einstellung ‚Ich habe zwar eine Behinderung, aber ich kann trotzdem überall hin‘ durchs Leben und beißen sich durch. Ihr Wille und ihr Mut faszinieren mich immer wieder.“

Spannende Fortschritte in der Pflege

Zu Beginn seiner Laufbahn steckte die Behandlung von Querschnitten noch in den Kinderschuhen. „Anfangs hat man zum Beispiel einen Patienten erst mal nur ruhig gestellt.“ In den 1980er-Jahren begann man, frühzeitig zu operieren. Mit sensationellen Erfolgen: „Nach kurzer Zeit konnten wir die Patienten schon in den Rollstuhl setzen. Und wir haben damals erstmals eine transorale OP, den Eingriff durch den Mund, durchgeführt.“ Patienten aus ganz Deutschland kamen, prominente Sportler, Politiker. Auch durch diese neuen Behandlungsverfahren sei die Taktung viel schneller geworden. Früher blieb ein Tetraplegiker, ein vollständig Gelähmter, im Schnitt ein Jahr, ein Paraplegiker ein halbes Jahr. Heute sind es rund 40 Tage. „Wir haben viel weniger Zeit, uns auf die Menschen einzustellen. Wie sind sie so drauf? Was hilft ihnen weiter? Wie stark können wir sie fordern?“Habe man früher nur einige Punkte wie Blutdruck, Puls, Temperatur und Medikation in die Patientenakte eingetragen, müsse ein Pfleger heute pro Schicht und Patient 25 bis 30 Parameter dokumentieren, erklärt Christian Schottmüller und blättert in einer dicken ­Pa­tien­tenakte. Jedes Detail – vom Umlagern bis zum Haare­kämmen – wird in der Pflegeplanung erfasst. Der Vorteil: „Jeder Pfleger weiß immer über alles Bescheid. Einiges in der Dokumentation ist zudem erlösrelevant und deshalb wichtig, damit es später ordnungsgemäß abgerechnet werden kann. Aber das ist auch lästig und kostet Zeit.“ Zeit, die Schotti lieber in persönliche Gespräche mit einem Patienten als in eine Akte investieren würde. „Die Geschwindigkeit und die Anforderungen an unsere Arbeit haben sich kolossal erhöht“, stellt der Krankenpfleger nüchtern fest. Trotzdem ist er kein Kandidat für Sprüche wie „Früher war alles besser.“ „Mein erstes Auto war ein alter VW. Ein schöner Wagen. Aber ich bin doch froh, dass die Dinger heute moderner sind. Genauso ist es mit unserem Beruf.“ Früher habe es zum Beispiel viel weniger gut geschultes Personal gegeben und weniger Hilfsmittel, die einem die Pflege erleichtern. Statt 38,5 Stunden waren 42 Stunden pro Woche zu arbeiten. „Ich vermiss' nichts von früher“, sagt Christian Schottmüller resolut. So hat er die Computerisierung in den 1990ern auch eher als Segen denn als Fluch erlebt. „Bei aller Kritik an der Datenerfassung, und auch wenn ich auf einige Auswüchse gut verzichten kann: Der Zettelwirtschaft von früher heul ich nun wirklich nicht nach. Was haben wir damals an Röntgenbildern gesucht …“

Konstanter Wandel

An einen Wechsel habe er in all der Zeit nie gedacht. „Es wird mir zwar kaum jemand glauben, aber es war immer spannend und inspirierend. Ich habe mich permanent weiterentwickeln können.“ Wozu also woanders hin? „Viele meiner Pflegeschüler und Patienten sind 40, 50 Jahre jünger als ich. Darauf muss ich mich einstellen. Da kann ich nicht als alter Opa aufkreuzen.“ Von Smart­phone über Tattoos bis zur Jugendsprache – alles kreuzt seinen Weg. Das halte jung und flexibel, meint der Vater zweier erwachsener Kinder. Klar, es habe auch schwierige Zeiten gegeben. In den 1980ern standen mal Lohnverzicht und die Schließung im Raum. Später zwangen diverse Gesundheits­reformen zum Sparen und Umstrukturieren. „Aber“, so fügt der ehemalige Betriebsrat hinzu: „Ich habe in all den Jahrzehnten immer pünktlich zur Monatsmitte mein Gehalt bekommen. Das ist viel wert. Das vergisst man gerne mal.“ In seinen Jahren auf dem Klinikhügel erlebte Christian Schottmüller, wie das gesamte Krankenhaus und nahezu jede Station vergrößert wurden. „Es gab nie lange Stillstand.“ Klar sei es früher kleiner und familiärer gewesen. „Aber ohne Erneuerung und Spezialisierung lässt sich heute keine Klinik mehr wirtschaftlich betreiben.“ Nach 51 Berufsjahren steht für Christian Schottmüller im Sommer nun die Rente an. Ein bisschen gruselt es ihn davor. „Bis jetzt rede ich mir noch ein, dass mir Nordic Walking dann ausreicht. Obwohl …“ 

www.klinikum-karlsbad.de

 

 

Trotz jeder Menge organisatorischer Aufgaben als Teamleiter verbringt Christian Schottmüller so viel Zeit wie möglich mit seinen Patienten.

Gewinnen Sie das Buch zum SRH Jubiläum

Das Porträt von Christian Schottmüller erscheint – mit den Erinnerungen weiterer SRH Mitarbeiter – auch in einem Jubiläumsband zum 50-jährigen Bestehen der SRH. Er beschäftigt sich mit der ereignisreichen Geschichte der SRH, vor allem aber denkt er Bildung und Gesundheit in die Zukunft. Das Buch wird in limitierter Zahl aufgelegt und ist nicht im Handel erhältlich. perspektiven verlost aber zwei Exemplare. Beantworten Sie uns einfach folgende Frage: In welchem Jahr wurde die SRH gegründet? Schicken Sie uns Ihre Lösung per E-Mail an gewinnspiel@srh.de. Aus allen richtigen Antworten ermitteln wir die Gewinner. Einsendeschluss ist der 30. September 2016. Mitarbeiter der SRH dürfen nicht teilnehmen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Der Wille und der Mut meiner Patienten faszinieren mich immer wieder. Christian Schottmüller, Teamleiter auf den Querschnitt-Stationen

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