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Im Dauereinsatz

Familienbande: Gemeinsam mit ihrer Mutter betreiben die Brüder Dogru einen Kiosk in ihrer Heimatstadt Oer-Erkenschwick.

Sie eröffneten einen Kiosk, um ihr Studium zu finanzieren, und gründeten parallel zu Seminaren und Vorlesungen ein Logistik-Unternehmen. Den Brü­dern Tolga und Boran Dogru liegt die Selbstständigkeit im Blut. 

Der Kiosk hat zwar keinen Namen, aber „den kennt in Oer-Erkenschwick trotzdem jeder“, sagt Tolga Dogru. Vor sieben Jahren hat der damals 20-Jährige zusammen mit seinem Bruder Boran ein kleines Startkapital zusammengekratzt und den Kiosk in seiner Heimatstadt in der Nähe von Recklinghausen eröffnet. „Zum Glück waren unsere ersten Kunden sehr tolerant“, erinnern sich die Brüder heute. Viele Zigarettenmarken konnten die Jung­unternehmer nicht anbieten, weil das Geld für ein komplettes Sortiment fehlte. Die Leute kamen trotzdem immer wieder.

Die Mutter unterstützen

Der Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit gab den Impuls zum Gründen: „Mein Bruder und ich haben nach dem Abitur überlegt, wie wir Geld verdienen können“, erzählt Tolga, dem sein ein Jahr jüngerer Bruder gerne das Reden überlässt. Ihre alleinerziehende Mutter verdiente mit Akkordarbeit in einer Fleischfabrik wenig – keine einfachen Zeiten für die dreiköpfige Familie. Doch die Geschäftsidee mit dem Kiosk zündete. „Wir wohnen schon unser Leben lang in Oer-Erkenschwick. Daher wussten wir genau, wie die Leute hier ticken“, sagt Tolga. Die Brüder bewiesen den richtigen Riecher. Ihre Mutter konnte den Job in der Fleischfabrik kündigen – sie führt jetzt den Kiosk, während die Söhne eifrig an ihrer Karriere arbeiten: Sie studieren an der SRH Hochschule für Logistik und Wirtschaft Hamm den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen Logistik, mittlerweile im siebten Semester. Denn Kioskbetreiber wollten sie nicht ihr Leben lang bleiben. Die Entscheidung für das Studienfach Logistik war eine Kopfentscheidung. Die Logistik-Branche ist eine mit guten Zukunftsperspektiven. Das hat die beiden jungen Männer aus bescheidenen Verhältnissen überzeugt. 

Chancen der Boombranche nutzen

Inspiriert durch ihr Studienfach und ihren Vater, der in Nürnberg als Spediteur selbstständig ist, entschlossen sie sich, schon während des Studiums ein Transportunternehmen zu gründen – zunächst mit einem gemieteten Transporter, später kamen weitere geleaste Fahrzeuge hinzu. Der Vater stellte einen Kontakt zur Deutschen Post her, und die Brüder nutzten den Türöffner: „Wir mussten die Verantwortlichen überzeugen, dass die Zusammenarbeit für uns kein Abenteuer ist und wir, obwohl wir Studenten ohne praktische Erfahrungen in der Transportbranche waren, zuverlässige Arbeit abliefern“, sagt der heute 27-jährige Tolga.Hindernisse räumten die Logistik-Studenten pragmatisch aus dem Weg: Weil die nötige EU-Lizenz fehlte, um Güter über 3,5 Tonnen transportieren zu dürfen, meldete Boran sich bei der Industrie- und Handelskammer zur Fachkundeprüfung an – und bestand. Im Juni 2015 fuhren sie ihren ersten Auftrag für die Deutsche Post und sammelten Päckchen und Pakete bei Mittelständlern ein. „Wir überzeugten mit harter Arbeit, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit“, sagt Tolga stolz. Ihr erster Angestellter wurde ihr Onkel, der einen Lkw-Führerschein besitzt. „Er ist heute unser Disponent, organisiert den Fuhrpark und die 16 Leute, die mittlerweile für uns arbeiten.“ Neben der Deutschen Post gehört ein weiterer Logistikriese, Dachser, zu ihren Kunden, für den sie vor allem Lebensmittel transportieren. Quer durch Nordrhein-Westfalen und in Franken sind die Fahrer unterwegs.

Rund um die Uhr aktiv 

Trotz Studiums packen die Brüder mit an, fahren nach der Vorlesung oft direkt ins Büro oder sitzen neben einem neuen Fahrer auf dem Beifahrersitz, um Abläufe und Strecken mit ihm durchzugehen. Und auch im Kiosk helfen sie, denn der ist täglich bis spätabends geöffnet. „Das kann unsere Mutter nicht alleine machen“, sagt Tolga. Die Mutter zu unterstützen, hat für die Jungunternehmer Priorität: „Sie hat uns alleine großgezogen und einen sehr anstrengenden Fabrikjob angenommen, um uns durchzubringen.“ Jetzt seien sie an der Reihe, für ihre Mutter zu sorgen, finden die Brüder. Auch geschäftlich sind die jungen Männer sich ­einig. Von Bauchentscheidungen halten sie nichts. „Wir wussten, ohne Businessplan, Jahresziele und klare Strukturen läuft unsere Firma nicht“, sagt Tolga. Von Anfang an unterstützte sie der Dekan des Fachbereichs Logistik an der SRH Hochschule, Professor Dr. Frank Czaja. Bis heute steht er für alle Fragen zur Verfügung und ist praktisch wie ein Mentor für die Existenzgründer. „An unserer Hochschule kennen die Professoren alle Studenten persönlich und haben immer Zeit für Gespräche“, erklärt ­Tolga, „einen Coach zu bezahlen, der uns ständig mit Rat zur Seite steht, hätten wir uns nie leisten können.“Dass die Brüder das Gründer-Gen haben, ist dem Dekan schon früh aufgefallen. Bereits bei einer Erst­semester-Exkursion haben sie ihren Professor mit Fragen bombardiert. „Die Brüder sind bemerkenswert neugierig und geschäftstüchtig. Solchen Studenten gebe ich gerne Tipps und sage auch manchmal: Lasst besser die Finger davon“, erzählt Czaja lachend.

Immer neue Gründungsideen 

Dass Tolga und Boran Dogru ihr Studium voraussichtlich in neun statt wie vorgesehen sechs Semestern abschließen werden, sieht ihr Professor gelassen. Denn es ist fraglich, ob je ein Personaler die Lebensläufe der beiden in die Finger bekommt. „In zehn Jahren sieht ihr Geschäftsmodell wahrscheinlich wieder anders aus, aber sie werden immer noch selbstständig sein“, ist er überzeugt.Diese Ansicht teilt auch Tolga: „Wir sind jung und können hart arbeiten.“ Zwei Tage hintereinander mit nur vier Stunden Schlaf? Das geht mal, finden die Brüder, deren Telefon selbst nachts um zwei klingelt, wenn ein Fahrer Probleme mit der Fracht oder einer Route hat. Kundenabsprachen, Strecken­planungen, Buchhaltung, Fahrer einweisen und nicht zuletzt die Schichten im Kiosk – da kommen mindestens vierzig Stunden pro Woche zusammen. Zusätzlich zum Studium. „Später können wir uns ausruhen“, lacht Tolga. Und Boran ergänzt: „Wenn ich 40 bin, will ich ab 17 Uhr das Handy ausschalten können.“ Bis dahin sind die beiden Gründer noch Tag und Nacht im Dauereinsatz. 

 

Text Katrin Heine Fotos Dominik Asbach

„Wir sind jung und können hart arbeiten.“

Tolga und Boran Dogru, Gründer und Logistik-Studenten

Die SRH Hochschule für Logistik und Wirtschaft Hamm ist spezialisiert auf Energiewirtschaft und Logistik. Es lässt sich dort aber auch Betriebswirtschaftslehre und ­So­ziale Arbeit studieren. Rund 670 Studenten lernen derzeit in den vier Bachelor- und vier Masterstudiengängen. Sie können zwischen Präsenz- und Fern­studium, dualem Studium und einer berufsbegleitenden Ver­sion wählen.

www.fh-hamm.de

Die Logistik-Branche ist nach der Automobilwirtschaft und dem Handel Deutschlands drittgrößter Wirtschaftszweig mit etwa drei Millionen Beschäftigten. Nicht zuletzt durch die geografisch zentrale Lage Deutschlands in Europa boomt die Branche, zu der als Arbeitgeber neben Spe­ditionen unter anderem Hafen- und Flughafenbetreiber, Post- und Paket- dienste sowie Verkehrsbetriebe wie Fluggesellschaften und 
Bahnunternehmen zählen.

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