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In der Fremde daheim

Dieses syrische Flüchtlingsmädchen lebt mit seiner Familie in einem einfachen Zelt.

Kann ein Flüchtlingscamp Heimat sein? Im Libanon haben Studenten von drei SRH Hochschulen gelernt: Das geht. Mit viel Kaffee, Gesprächen und Herzlichkeit.

Schon die Fahrt ins Flüchtlingscamp an der libanesisch-syrischen Grenze war ein Abenteuer für die Studenten aus Deutschland. Von der libanesischen Hauptstadt Beirut aus, die an der Mittelmeerküste liegt, ging es durchs karge Hochgebirge in die Bekaa-Ebene zu einem der größten Flüchtlingslager des Landes. Zwei Stunden war die Gruppe in ihrem Kleinbus auf staubigen Straßen unterwegs, auf denen das Gesetz des Nervenstärkeren gilt.

„Von oben blickten wir in das Tal, in dem das Camp liegt. Die meisten der rund 2.400 Bewohner sind Frauen und Kinder ohne echte Zukunftsperspektive“, erzählt Manuel Genolet. Der 23-Jährige studiert Kommunikationsdesign an der design akademie berlin, SRH Hochschule für Kommunikation und Design. Er war einer der 35 Teilnehmer eines Hochschulprojekts, das sich mit dem Thema „Fremd und Fremdheit“ auseinandersetzte. Im Sommer dieses Jahres trafen die Studenten der 
SRH Hochschulen Heidelberg und Berlin sowie der design akademie berlin mit Studenten der Académie Libanaise des Beaux-Arts Beirut zusammen – in Deutschland und im Libanon. Unter anderem, um gemeinsam das Flüchtlingscamp zu besuchen. Initiiert hat das Projekt Professor Gilbert Beronneau von der design akademie berlin. Er stellte auch die Kontakte in den Libanon her.

Lehmhütten sind neues Zuhause

„Die Campbewohner haben uns sehr herzlich empfangen – ohne Berührungsängste“, sagt Manuel Genolet. Sie luden die Studenten in ihre Unterkünfte ein, erzählten von ihren Fluchterlebnissen und ihrem Alltag. „Wir haben so viel Tee und syrischen Kaffee getrunken, dass ich fast einen Koffeinschock hatte“, sagt Genolet.„Dort habe ich gemerkt: Fremdheit ist ein sehr persönliches Gefühl. Es hängt damit zusammen, wer du selbst bist und was du erlebt hast“, fasst der 23-Jährige zusammen. Mit libanesischen Filmstudenten und einem syrischen Architekten hat er im Flüchtlingscamp einen Film gedreht. Hauptperson ist die neunjährige Zainab, ein Mädchen, das im Camp aufwächst und genau wie ihre zwei Brüder keine andere Heimat kennt. „Die Kinder erinnern sich oft nicht mehr an Syrien“, erzählt der Berliner Student. Während die meisten Erwachsenen nach dem Bürgerkrieg zurück möchten, sind für die Kinder die einfachen Lehmhütten und Zelte des Lagers längst ihr Zuhause geworden. „Die Kinder wirken nicht unglücklich. Sie spielen, machen Sport. Als wir ankamen, hatten einige Mädchen ihre Gesichter bemalt und sich als Tiger verkleidet.“ Während die Fahrt ins Camp eine Reise in eine andere Welt war, empfanden die jungen Studenten aus Deutschland die libanesische Hauptstadt gar nicht fremd. „Ich hatte mir die Stadt viel konservativer vorgestellt, dabei ist der Lifestyle ähnlich wie in Berlin“, erzählt Genolet, dem Bekannte vor der Reise geraten hatten, sich vorsichtshalber den auffälligen Bart abzurasieren, um nicht aufzufallen. Doch es stellte sich heraus: In Beirut laufen genauso viele Männer mit Hipsterbärten herum wie in Berlin. Ähnlicher gesellschaftlicher Hintergrund, ähnliche Forschungsinteressen – die deutschen und libanesischen Studenten eint weit mehr als sie trennt.

Sich mit den Wurzeln auseinandersetzen

Das sieht Targol Dalirazar ähnlich. Die Musiktherapeutin studiert Soziale Arbeit an der SRH Hochschule Heidelberg. „Ich habe mich überhaupt nicht fremd gefühlt in Beirut. Die Arbeit an unserem gemeinsamen Projekt hat uns verbunden, und wir haben auch viele private Dinge diskutiert“, sagt die Masterstudentin. „Wo fühle ich mich zugehörig, wo fremd?“ In diesen Gesprächen ging es um mehr als um das Heimatland oder Nationalität. 

Das Austauschprogramm hat Dalirazar persönlich bewegt. „Meine Eltern kamen mit mir aus dem Iran nach Deutschland, als ich zwei Jahre alt war. Ich bin hier aufgewachsen, und als Kind war für mich meine Herkunft kein Thema“, erzählt sie. Durch ihre Arbeit als Musik­therapeutin mit geflüchteten Jugend­lichen, ihr Stu­dium und dieses Hochschulprojekt setzt sie sich aber seit ei­nigen Jahren intensiv mit dem Thema Fremdheit aus­einander.

Dalirazar ist nicht die einzige deutsche Teilnehmerin mit ausländischen Wurzeln. „Drei Viertel haben einen Migrationshintergrund in unterschiedlicher Form“, sagt Prof. Gilbert Beronneau von der design akademie berlin. „Ich bin zum Beispiel Österreicher mit französischen Wurzeln und lebe in Deutschland.“ 
Wenn aus Fremden Freunde werden „Für viele unserer Studenten war das DAAD-Projekt auch ein biografischer Selbsterfahrungsprozess“, ergänzt Prof. Dr. Bettina Wuttig, Leiterin des Studiengangs Soziale Arbeit an der SRH Hochschule Heidelberg, die das Projekt ebenfalls begleitete. Die Eltern von Manuel Genolet stammen aus Venezuela. „Meine Eltern waren in der ­Opposition und haben ihr Heimatland verlassen, als ich zwölf war“, erzählt er. Die Themen Fremdheit, Identität und Heimat beschäftigen ihn aber erst jetzt als Erwachsenen bewusst. „Ich frage mich, wo meine Heimat ist. Lateinamerika ist es nicht mehr. Ist es Deutschland?“ Indem er den Film über Zainab gedreht und sich auf intensive Begegnungen mit den libanesischen Studenten eingelassen hat, tastet er sich an seine eigene Geschichte heran. 

Beirut hat Manuel Genolet als bunte Metropole erlebt: „Man sagt, die Stadt sei wie eine Frau mit Tat­too, Nasenpiercing und Hidschab, dem traditionellen Kopftuch. Das ist ein passender Vergleich.“ Land und Leute haben ihn so fasziniert, dass er bereits ein weiteres Mal dorthin gereist ist. Diesmal wohnte er bei Studenten, die er über das Projekt kennengelernt hat. Aus Fremden sind Freunde geworden.  

Text Katrin Heine Fotos Max Fortmüller

 

Spielen, Lachen, Sport machen: Für die Kinder ist das Camp ein Zuhause geworden.

Im Flüchtlingscamp leben rund 2.400 Menschen, vor allem Frauen und Kinder.

Die Studenten Manuel Genolet (l.) und Targol Dalirazar (r.)

Der Libanon grenzt im Norden und Osten an Syrien, im Süden an Israel und im Westen ans Mittelmeer. Das arabische Land hat, gemessen an seiner Einwohnerzahl, mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land. Nach UN-Schätzungen werden allein dort bald mehr als 1,5 Millionen Syrer als Menschen mit Flüchtlingsstatus registriert sein – mehr als ein Drittel der libanesischen Bevölkerung.

Das Kunst-, Kommunikations- und Forschungsprojekt „This is (not) my story“ zum Thema „Fremd und Fremdheit“ führte Studenten aus Deutschland und dem Libanon im Rahmen eines DAAD-Projekts für zwei Workshops in Berlin und Beirut zusammen. Gemeinsam entstanden Filme, Foto­­serien, Illustrationen, Installationen und Essays.

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