direkt zum Inhalt

Gesundheit07.03.2013

Auf Schwerstkranke Patienten spezialisiert

INTENSIVPFLEGE MIT FEINGEFÜHL

Mit Feingefühl, Geduld und Humor meistern Simone Köhnlein, Christina Schön und Hildegard Weber-Krauß die täglichen Herausforderungen ihrer Arbeit auf der Intensivstation des SRH Fachkrankenhauses Neresheim. Ihr Ziel: schwer kranken Patienten Stück für Stück zurück ins Leben zu helfen.

Simone Köhnlein (Foto: Timo Volz, Mannheim)

Simone Köhnlein kümmert sich um eine schwerstkranke Patientin.

Ein Unfall, eine Hirnblutung, ein Atemstillstand – sie können das Leben von einem Moment auf den anderen total verändern. Einen solch tief greifenden Einschnitt haben die Patienten erlebt, die mit schwersten Hirnschädigungen auf die Intensivstation des SRH Fachkrankenhauses Neresheim kommen. Anfangs sind sie kaum oder nicht bei Bewusstsein, müssen beatmet und intensivmedizinisch überwacht werden, können nicht sprechen.

Doch Simone Köhnlein, Christina Schön, Hildegard Weber-Krauß und ihre Kollegen verstehen es auch ohne Worte, mit den Schwerkranken zu kommunizieren. Ihnen genügen ein Lidschlag, ein Händedruck, die Analyse der Körperfunktionen, um zu wissen, wie es einem Patienten geht. Diese Beobachtungsgabe zu entwickeln sei die große Herausforderung an ihrer Arbeit, sagen die drei. „Da braucht es einiges an Wissen und Erfahrungen – täglich lernen wir dazu. In der Behandlung von Hirnschädigungen gibt es keine Standards, wir entscheiden bei jedem Patienten individuell, was er oder sie braucht“, erklärt Pflegefachkraft Simone Köhnlein, und Christina Schön, Fachkrankenschwester für Intensivmedizin, ergänzt: „Alles, was wir tun, zielt darauf ab, diese Menschen zurück in einen lebenswerten Alltag zu führen.“

Enger Kontakt

Christina Schön (Foto: Timo Volz, Mannheim)

Christina Schön möchte ihre Patienten zurück in einen lebenswerten Alltag führen.

Für die Fachpflegekräfte der Intensivstation, die über zwölf Betten verfügt, gibt es immer viel zu tun: Sie verabreichen Medikamente, füttern und waschen ihre Patienten, überwachen deren Körperfunktionen am Monitor. Sie wechseln Verbände, erstellen Wunddokumentationen, nehmen an Visiten und Teambesprechungen teil. Im Schichtdienst kümmert sich das 30-köpfige Team rund um die Uhr um die Patienten im Alter von 16 bis 80. Dabei arbeitet es eng mit Ärzten verschiedener Fachrichtungen, Neuropsychologen und Therapeuten zusammen. „Der interdisziplinäre Austausch ist wichtig, nur gemeinsam können wir unseren Patienten helfen. Da ist es von Vorteil, dass wir in einem recht kleinen Haus arbeiten, in dem jeder jeden kennt“, betont Fachkrankenschwester Hildegard Weber-Krauß.

Eine weitere Besonderheit: Im SRH Fachkrankenhaus Neresheim, das auf die Versorgung von Menschen mit schwersten Schädel-Hirn-Verletzungen spezialisiert ist, gilt das Prinzip der Bezugspflege. Jede Pflegekraft betreut also immer die gleichen drei bis vier Patienten – über die gesamte Zeit hinweg, die diese auf der Station bleiben. Bei vielen sind das bis zu drei Monate. So entsteht meist ein enges Verhältnis zwischen Pflegekraft und Patient, und auch der Kontakt zu den Angehörigen ist entsprechend intensiv. „Die meisten Familien sind natürlich verunsichert und hilflos. Daher versuchen wir, offen für ihre Sorgen zu sein, sie einzubeziehen und zu informieren, ihnen Halt zu geben“, erklärt Köhnlein. Die häufigste Frage aber, nämlich die, wie es weitergeht, können sie und ihre Kollegen nicht beantworten, dafür ist der Verlauf der schweren Erkrankungen zu unsicher. „Manche möchten das zunächst gar nicht akzeptieren, doch letztendlich beruhigt es sie, zu sehen, dass wir alles für die Patienten tun, was in unserer Macht steht.“

Dazu gehört neben der Grundversorgung auch die neuro­rehabilitative Therapie, die bereits frühzeitig startet, selbst wenn die Patienten noch intensivmedizinisch versorgt werden. „Je früher wir beginnen, die Ressourcen eines Patienten und seine Wahrnehmung zu fördern, desto besser“, erklärt Schön. Die Pflegekräfte sind deshalb nicht nur intensivmedizinisch geschult, sondern auch mit verschiedensten Therapiekonzepten wie Bobath, Basale Stimulation in der Pflege oder dem Affolter-Modell® (s. Artikel: Die Welt wiederfinden) vertraut. Individuell entscheiden sie, welches Konzept am besten zu einem Patienten passt. Oftmals kombinieren sie auch verschiedene Therapieansätze.

Auf Fortbildung setzen

Hildegard Weber-Krauß (Foto:Timo Volz, Mannheim)

Hildegard Weber-Krauß: „Mit der Zeit habe ich gelernt, nicht mehr jedes Schicksal mit nach Hause zu nehmen.“

Der Umgang mit den schwer verletzten Patienten sei sehr fordernd, betonen die drei Fachpflegekräfte. Neben Erfahrung und Geduld brauchen sie vor allem Fachwissen. Daher sind schon jetzt die meisten Mitarbeiter der Intensivstation Fachpflegekräfte mit intensivmedizinischer Ausbildung. Dennoch ist Fortbildung wichtig, und einmal pro Woche findet eine anderthalbstündige Schulung im Haus statt – zu Themen wie EKG-Auffälligkeiten, Lagerungstechniken oder Rehakonzepten und vielen mehr. Neue Kollegen werden vier Wochen lang eingearbeitet. Für jedes Therapiekonzept wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die ihr Wissen an das Team weitergibt. „Das Fortbildungsangebot hier im Haus ist wirklich toll und motivierend“, betont Weber-Krauß.

Diese Motivation ist wichtig für die Mitarbeiter, kann ihre Arbeit doch mitunter frustrierend und traurig sein – etwa, wenn ein Patient nicht mitarbeitet, sich einfach kein Therapie­erfolg einstellt oder sogar jemand stirbt. „Leider können wir nicht jedem Patienten so helfen, wie wir es gerne würden, dazu sind die Verletzungen zum Teil zu schwer“, erklärt Weber-Krauß. In solch schwierigen Situationen hilft es den drei Frauen enorm, sich im Team austauschen und gegenseitig unterstützen zu können. Und auch ihre Erfahrung trage dazu bei, Rückschläge besser zu verarbeiten. „Mit der Zeit habe ich gelernt, nicht mehr jedes Schicksal mit nach Hause zu nehmen. Trotzdem kann es mir passieren, dass ich mich dazu zwingen muss, negative Gedanken wegzusperren“, sagt auch Simone Köhnlein. „An manchen Tagen fühle ich mich auch mal kraftlos. Dann versuche ich eben, bestimmte Situationen oder schwierige Gespräche an diesem Tag zu meiden.“

So hat jeder aus dem Team sein persönliches Rezept, mit den emotionalen Tiefs der Arbeit umzugehen. Wichtig sei vor allem, mit sich im Einklang zu sein, sagt Weber-Krauß. Und einen gesunden Humor zu besitzen, ergänzt Schön: „Mitleid hilft unseren Patienten nicht. Für sie ist eine positive Grundstimmung viel entscheidender. Tatsächlich haben wir mit den meisten Patienten sogar viel Spaß, wir lachen oft und freuen uns gemeinsam über ihre Fortschritte.“ Doch am schönsten ist es für Simone Köhnlein, Christina Schön und Hildegard Weber-Krauß, wenn ein Patient nach einem Jahr plötzlich vor ihnen steht, wieder laufen und sich unterhalten kann. Und auf diese Erfolge sind sie auch ganz besonders stolz.

Gabriele Jörg

Kommentar hinzufügen


* Pflichtfeld

Kommentare

Keine Kommentare

SRH Fachkrankenhaus Neresheim

Das SRH Fachkrankenhaus Neresheim ist ein zugelassenes Akutkrankenhaus lt. der Krankenhausbedarfsplanung des Landes Baden-Württemberg zur Versorgung von Patienten mit schwersten Schädel-Hirn-Verletzungen und Hirnschädigungen der zweiten Akutphase (Neurologische Frührehabilitation) mit 42 Betten.

Weitere Artikel "Bildung"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Bildung" finden Sie hier

Weitere Artikel "Gesundheit"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Gesundheit" finden Sie hier