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Bildung20.12.2010

Das etwas andere IT-Praktikum

Eishockey-WM als Lernbühne

Michael Wieland (r.), der im SRH BBW Neckargemünd eine Ausbildung zum IT-Kaufmann macht, war während der Eishockey-WM einer der Helfer von Michael Janz, Leiter IT-Support, SAP ARENA.

Unter Stress Leistung zu bringen ist selbst für kühle Köpfe nicht immer einfach. Bei der Eishockey-WM 2010 haben Auszubildende des SRH Berufsbildungswerks Neckargemünd Fachkenntnis und starke Nerven bewiesen – und als IT-Praktikanten in der SAP ARENA Mannheim zum Gelingen der Megaveranstaltung beigetragen.

Das Spiel Schweden gegen Dänemark läuft auf Hochtouren. Während die Zuschauer gebannt das Geschehen auf der Eisfläche verfolgen, eilen Felix Schmidt (Name von der Redaktion geändert) und Michael Wieland im Laufschritt zum Pressebereich. Dort haben dänische Sportjournalisten, die über das Spiel berichten, keine Verbindung mehr zum Internet und brauchen dringend Unterstützung. Obwohl ihre Schicht seit zehn Minuten zu Ende ist, beginnen die beiden konzentriert, Kabel, WLAN-Anschluss und Rechner zu prüfen. Währenddessen startet Patrick Jung am anderen Ende der SAP ARENA gerade in den Arbeitstag. Und schon ruft auch ihn die Pflicht: In der Kabine der schwedischen Nationalmannschaft funktioniert der DVD-Player nicht. Jung macht sich auf den Weg, ausgestattet mit Funk­gerät und Werkzeug.

Die drei jungen Männer sind Auszubildende des SRH ­Berufsbildungswerks (BBW) Neckargemünd (siehe Kasten). Dass eine Behinderung oder Krankheit sie daran gehindert hat, eine „normale“ Lehre zu machen, spielt bei ihrem Praktikum keine Rolle: Wie alle anderen Helfer im Hintergrund stehen sie ihren Mann und sorgen so hinter den Kulissen für einen reibungslosen technischen Ablauf.

Die Spiele beginnen

Mit viel Engagement meistert Janz’ Team die Herausforderung, innerhalb kürzester Zeit die gesamte Technik auf die Beine zu stellen. Als im Eröffnungsspiel am 8. Mai die Teams aus Kanada und Italien aufeinandertreffen, läuft alles reibungslos. Doch an Zurücklehnen ist nicht zu denken. Schließlich wollen in den kommenden Wochen Organisatoren, Teams und rund 300 Sportjournalisten etwa aus Norwegen, Russland oder Schweden technisch betreut sein. „Anfangs hatte ich schon Muffensausen, erstens wegen der Verantwortung und zweitens, weil wir ja nicht wussten, ob wir mit unserem Englisch klarkommen würden“, erinnert sich Jung.

Die Auszubildenden arbeiten nun im Schichtbetrieb, und zumindest der Start in den Arbeitstag folgt einem festen Rhythmus. „Erst haben wir Herrn Janz Hallo gesagt. Danach sind wir in den Pressebereich, um die WLAN-Router zu überprüfen und zu konfigurieren“, erzählt Michael Wieland. „Und dann kamen meist auch schon die ersten Journalisten.“ Ab diesem Zeitpunkt läuft nichts mehr nach Schema F. Denn die Reporter haben ständig andere Probleme und Fragen, und die Azubis müssen schnell reagieren – auch wenn unerwartete Hürden auftauchen. „Zwar konnten alle Englisch, doch am Anfang fiel es mir schwer, mich auf den russischen Akzent einzustellen. Und auf der kyrillischen Tastatur hab’ ich mich ständig vertippt“, erzählt Patrick Jung und grinst. „Doch auch daran hab’ ich mich gewöhnt.“

So finden sie für fast alles eine Lösung – egal, ob der Chef des schwedischen Fernsehens heimatliche Sender empfangen möchte, ein Kollege vom Einlass krank wird und Felix Schmidt spontan einspringt und selbst Tickets kontrolliert oder in der Spielpause der Fernseher in der kanadischen Kabine nicht funktioniert. „Da sich die Kanadier Spielzüge anschauen mussten, haben wir uns mit der Reparatur ganz schön beeilt. Dafür haben sie uns ein Bier spendiert“, berichtet Schmidt, und Wieland ergänzt: „Einmal sind Felix und ich sogar in der Schweizer Kabine mitten in eine Teambesprechung geplatzt, aber Trainer und Spieler haben sich von uns gar nicht stören lassen.“ Patrick Jung wiederum wird spontan zum Interviewpartner für schwedische Journalistinnen. „Sie wollten, dass ich etwas über zwei ihrer Nationalspieler sage. Sie sprachen Schwedisch, ich Deutsch. Das war irgendwie witzig.“ Und für den Fall, dass sie wirklich einmal nicht weiterwissen, stehen sie ständig über Handy und Funkgerät mit Michael Janz in Kontakt. „Ich musste aber so gut wie nie einspringen“, betont dieser. „Überhaupt haben sie immer vollen Einsatz gezeigt und waren mit Begeisterung dabei, auch wenn’s mal später wurde.“

"Meine Praktikanten haben immer vollen Einsatz gezeigt und waren mit Begeisterung dabei, auch wenn’s mal später wurde."

Michael Janz, Leiter IT-Support, SAP ARENA

Ein reizvoller Job

Anfang Februar 2010 kontaktiert Michael Janz, Leiter des IT-Supports in der SAP ARENA, das BBW. Dort hat er Anfang der 1990er-Jahre selbst eine Ausbildung zum Büroinformationselektroniker gemacht (siehe Ausgabe 2/2007, Seite 10). „Als feststand, dass die SAP ARENA einer der Austragungsorte der WM sein würde, wusste ich, dass ich Unterstützung brauche“, berichtet er. „Und da ich regelmäßig Auszubildende des BBW als Praktikanten beschäftige und damit immer gut gefahren bin, habe ich dort angefragt.“ Insgesamt acht Prak­tikumsplätze im Bereich Informationstechnologie hat Janz zu vergeben. ­Zu den Auserwählten gehören Patrick Jung, Aus­zubildender für IT-Systemelektronik, Florian E., der eine Ausbildung zum Fachinformatiker macht, und Michael Wieland, der IT-Kaufmann werden möchte. „Als ich erfuhr, dass ich einen der Plätze ergattert hatte, habe ich mich riesig gefreut. Wir wussten ja: Das wird ein großes Ding“, erzählt der 21-jährige Jung.

Ende April, zwei Wochen vor Beginn der Spiele, treten die Auszubildenden ihr vierwöchiges Praktikum an – und haben von Anfang an alle Hände voll zu tun: So helfen sie Janz und seinem Team unter anderem, die Computer-Arbeitsplätze für Reporter und Organisationskomitee einzurichten. Sie verlegen Leitungen, schließen eine Netzwerkkamera an, konfigurieren Laptops und installieren Flachbildschirme. „Ich weiß nicht, wie viele Meter Kabel wir verlegt haben, aber es war auf jeden Fall eine ganze Menge“, berichtet der 19-jährige Michael Wieland. „Für mich war der Aufbau die stressigste Phase. Schließlich musste alles in sehr kurzer Zeit fertig sein, und es gab ja keinen Puffer nach hinten.“ So spüren die Auszubildenden hautnah, wie es ist, unter großem Zeitdruck zu ­arbeiten – eine Erfahrung, die keiner der drei missen möchte. „Natürlich hat das an den Nerven gezehrt“, betont der 25-jährige Felix Schmidt. „Ich weiß noch, dass ich einmal, als ich spät zu Hause und richtig erledigt war, gedacht habe: ‚Jetzt bist du an deine Grenzen gekommen.‘ Aber es ist wirklich ein gutes Gefühl, zu wissen, dass ich diesem Druck standhalten kann.“

Selbstbewusstsein tanken

Ab und an bleibt den dreien sogar Zeit, sich ein Spiel anzusehen, etwa das Viertelfinale Deutschland gegen Schweiz. Darüber freut sich vor allem Eishockeyfan Patrick Jung. Doch auch seine Kollegen finden Gefallen an der Sportart. Über den Originalpuck, den jeder von ihnen als Geschenk erhält, freuen sich daher alle drei. Er ist aber nicht das Einzige, was sie mit nach Hause nehmen. „Ich werde nie vergessen, wie ich vor der tschechischen Kabine gewartet habe, und alle Spieler beim Herauskommen meine Hand abgeklatscht haben. Das war toll“, erzählt Jung begeistert. Felix Schmidt hat es Spaß gemacht, sich mit Journalisten und Spielern aus aller Welt auszutauschen. „Und es hat mir sehr viel gebracht, das, was ich bisher in meiner Ausbildung gelernt habe, praktisch umzusetzen.“ Und auch Michael Wieland möchte die Zeit in der SAP ARENA nicht missen: „Es war großartig, solch ein Event mitzuerleben, ich bin dankbar für diese Chance.“ Dass alle drei diese genutzt haben, beweisen ihre Zeugnisse von Michael Janz. Stolz können sie allerdings auch auf ihre starken Nerven sein – und mit dem Wissen, diese Herausforderung gemeistert zu haben, künftige Aufgaben selbstbewusst auf sich zukommen lassen.

GABRIELE JÖRG

Praxisnah fördern

Das SRH Berufsbildungswerk (BBW) Neckargemünd bietet jungen Menschen mit speziellem Förderbedarf vielfältige stationäre und ambulante Dienstleistungen der beruflichen Rehabilitation und Arbeitsmarktintegration. Es bildet in mehr als 35 staatlich anerkannten Berufen aus und kooperiert dazu mit zahlreichen Unternehmen in der Region, aber auch europaweit. „Wir legen Wert auf eine qualifizierte und praxisnahe Ausbildung“, betont Jörg Porath, Geschäftsführer des BBW. „Durch unsere zahlreichen nationalen und internationalen Unternehmenskooperationen können wir unsere Auszubildenden systematisch auf den Berufseintritt vorbereiten. Ein tolles Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der SAP ARENA.“

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SRH BBW Neckargemünd

Stationäre und ambulante Dienstleistungen der beruflichen Rehabilitation und Arbeitsmarktintegration für junge Menschen mit besonderem Förderbedarf

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