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Bildung04.06.2013

Blitzlichter aus dem Leben einer Autistin

JULIAS WELT

Mit drei Jahren sprach Julia Sommer noch kein Wort. Dann hat sie sich Schritt für Schritt ins Leben gekämpft. Inzwischen ist sie fest angestellt in der Großküche am SRH Standort Neckargemünd – eine einzigartige Erfolgsgeschichte.

Julia Sommer (Foto: Timo Volz)

Julia Sommer beim Schöpfen von Desserts. Sie muss jeden Handgriff mühsam erlernen.

Julia Sommer schöpft Joghurt aus einem großen Behälter in Dessertschälchen. Ihre Augen folgen konzentriert der Kelle. Kein Tropfen geht daneben. Dutzende Schälchen befüllt sie auf diese Weise. Nichts scheint sie aus der Ruhe zu bringen: kein Geräusch, kein Rufen, auch nicht das Wirbeln und Flachsen der Kolleginnen und Kollegen um sie herum. 

Was für uns wie reine Routine aussieht, ist für Julia Schwerstarbeit. Jede einzelne Bewegung muss sie mühsam erlernen – und während der Arbeit obendrein ein irres Potpourri an Geräu- schen und Stimmen ertragen. Denn Julia ist Autistin und nimmt alle Geräusche um sie herum ungefiltert wahr. 

Eine Welt voller Details

Autisten leiden an einer unheilbaren Entwicklungs- störung des Gehirns. Von Geburt an leben sie in einer eigenen Welt voller unzähliger verwirrender Details. Ironische Bemerkungen und eine bildhafte Sprache verstehen sie nicht. Selbst ein lächelndes oder trauriges Gesicht können sie nicht deuten. Jede Art von Mimik bleibt ihnen ein großes Rätsel. Geräusche wie das Surren eines Spielzeugautos machen ihnen Angst, und wenn ihnen jemand zu nahe kommt, reagieren sie panisch. 

Besonders auffallend ist die Unfähigkeit von Autisten, sich in andere Menschen hineinzuverset- zen. Autismusexperten sprechen in diesem Zusammenhang von „Seelenblindheit“. Die Betrof- fenen reagieren deshalb oft anders, als wir es erwarten, und es kann im Alltag mitunter zu unan- genehmen Situationen kommen: Jemand erzählt etwa traurig vom Verlust eines ihm nahestehenden Menschen. Ein Autist lacht dann womöglich, anstatt sein Mitgefühl auszudrücken. 

Derartige Verhaltensauffälligkeiten machen es für Autisten äußerst schwer, sich sozial zu integrieren. Sie benötigen jemanden, der sie begleitet und der die Menschen in ihrem Umfeld über die Ängste und das besondere Verhalten aufklärt. Doch selbst dann ist es für Autisten nahezu unmöglich, im Ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Julia Sommer ist dieses kleine Wunder gelungen. Seit Januar dieses Jahres arbeitet sie von 8 bis 12 Uhr in der Großküche am SRH Standort Neckargemünd, wo Tag für Tag rund 1.600 Mittagessen für Schulen und Kindergärten in der Umgebung zubereitet werden.

Das Ringen um Ordnung

Julia Sommer (Foto: Timo Volz)

Man sieht ihr an, dass sie ihre Arbeit wirklich gerne macht.

Die Sozialarbeiterin Roswitha Lechtenberg, die Julia während ihrer Arbeitszeit begleitet, bewertet die Leistung von Julia als außergewöhnlich. „Sie lernt diszipliniert und kann sich Rezepte sehr gut einprägen. Man sieht, dass sie ihre Arbeit wirklich gerne macht.“ Julia putzt Salat, bereitet Salatsaucen, paniert Schnitzel und sorgt für ein vollständiges und aufgeräumtes Gewürzregal. „Gerade Letzteres macht sie hervorragend, denn Autisten wie Julia ringen verzweifelt um Ordnung. Auch die Saucen schmecken lecker, denn sie hält sich strikt an die Rezepte“, sagt Roswitha Lechtenberg und ergänzt: „Beim Lernen und Einüben neuer Aufgaben kommt es darauf an, diese exakt zu beschreiben und Abläufe für sie vorhersehbar zu machen.“ Das gibt Julia die nötige Sicherheit. Und wenn es doch einmal hektisch wird oder eine Aufgabe sie überfordert – etwa wenn eine Rezeptur verändert werden muss –, macht sie eine Pause und nimmt dann einen neuen Anlauf.

Ein Leben für die Küche

Wann immer die Rede vom Backen und Kochen ist, erwacht Julia aus ihrer Versunkenheit; dann huscht ein Strahlen über ihr Gesicht, und sie beginnt lebhaft zu erzählen. „Schon im Kindergarten haben wir viel gebacken und gekocht.“ Und auch daheim bei ihren Großeltern und Eltern sei sie am liebsten in der Küche. Es war klar: Wenn Julia eine Chance auf eine feste Arbeit haben wollte, dann in der Küche.

„Als Julia nach der Schule bei uns wegen eines Praktikums anfragte, waren wir zunächst skep- tisch“, sagt Hermann Müller, Leiter der Großküche am SRH Standort Neckargemünd. Aber er wollte ihr die Chance geben und sei das Risiko bewusst eingegangen. „Mit ihrer Lernbereitschaft und ihrem Engagement hat sie ja dann auch alle Zweifel zerstreut. Allerdings hat es einige Überzeugungskraft gekostet, bis der Rhein-Neckar-Kreis die Stelle bewilligte, denn Julia braucht ja eine Begleitung“, ergänzt Müller. Unterstützt wurde das Ganze vom Integrationsfachdienst. 

Als Julia von der Zusage erfuhr, wirkte sie wie befreit. „Sie ist seitdem deutlich ruhiger und aus- geglichener“, bestätigt Roswitha Lechtenberg. Das zeige sich in ihrem Verhalten. Sie sei jetzt viel offener und selbstständiger. Beispielsweise hat sie inzwischen gelernt, alleine mit dem Aufzug ins Lager zu fahren und dort Gewürze zu holen. Seit Neuestem nimmt sie sogar an den morgend- lichen Teambesprechungen teil. „Das ist ein wichtiger Fortschritt, denn so erlebt sie sich als Teil des Teams“, sagt Roswitha Lechtenberg.

Manchmal steht sie auch am Bedienschalter, portioniert Salate, stellt Geschirr, Servietten und Gläser bereit und bringt bei Bedarf die Tabletts auch an den Tisch. Auch wir bekommen zum Abschied ein Mittagessen serviert. Beim Dessert angelangt, sehen wir hinten in der Küche Julia stehen. Sie schaut zu uns herüber und lächelt.

GEORG HAIBER

 

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SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd

Stationäre und ambulante Dienstleistungen der beruflichen Rehabilitation und Arbeitsmarktintegration für junge Menschen mit besonderem Förderbedarf

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