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„Manni“ hilft

Al-Ani untersucht die Kinder einer sechsköpfigen syrischen Familie, welche seit mehreren Monaten in einem Zimmer im Flüchtlingsheim wohnt.

Manhal Al-Ani arbeitet am SRH Zentralklinikum Suhl als Assistenzarzt und kümmert sich in seiner Freizeit um Flüchtlinge –Menschen, die aus dem Land seiner Eltern kommen. 

„Wer bist du eigentlich?“ – über diese Frage eines syrischen Flüchtlings hat Manhal Al-Ani vor Kurzem zum ersten Mal nachdenken müssen. Der 29-jährige deutsche Arzt mit dem arabischen Namen arbeitet am SRH Zentralklinikum Suhl. In seiner Freizeit dolmetscht er für die vielen Arabisch sprechenden Menschen, die in den letzten Monaten in der thüringischen Stadt angekommen sind und oft medizinisch versorgt werden müssen. „Die Leute wundern sich immer, wenn ich sie auf Arabisch anspreche“, sagt Al-Ani, dessen Eltern aus Syrien stammen. 

Er selbst ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Und deshalb liegt die Antwort auf die Frage nach seiner Identität für ihn auch eigentlich auf der Hand: „Ich bin ein deutscher Moslem. Außer wunderschönen Sommerferien in der Kindheit hat mir Syrien nichts gegeben.“ Seine Schulzeit hat Al-Ani in Arnsberg im Sauerland verbracht. Dort betreiben seine Eltern seit vielen Jahren eine Arztpraxis. Studiert hat er – wie sein Vater und seine beiden älteren Brüder – in der Slowakei, nicht zuletzt ein Zugeständnis an den hohen Numerus clausus, der Abitu­rienten den Zugang zum Medizinstudium hierzulande oft erschwert. Eigentlich schade, findet der angehende Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der am Zentralklinikum auf seinen Facharzttitel hinarbeitet. „Mit 18 Jahren hat man schließlich nicht immer nur seine Noten im Kopf, und ein guter Arzt braucht auch noch andere Fähigkeiten.“ Schon als junger Mann habe er zum Beispiel gerne handwerklich gearbeitet und an Fahrrädern oder Mofas geschraubt. 

Während seines Medizinstudiums – „übrigens keinen Deut leichter als in Deutschland“ – hat Al-Ani zwar ganz bewusst auch praktische Erfahrungen auf anderen medizinischen Fachgebieten wie Chirurgie und Kinder­heilkunde gesammelt. Doch Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde ist für ihn einfach das perfekte Betätigungsfeld. Einerseits kann er seine Patienten hier auch konservativ, also nichtoperativ behandeln. „Aber trotzdem hat man auch anspruchsvolle OPs und kann mit seinen Händen arbeiten“, sagt er. Für Suhl hat sich der junge Assistenzarzt 2014 ganz bewusst entschieden, weil er hier bei einem sehr breiten Spektrum an Operationen assistieren kann und, anders als in anderen Kliniken, wöchentlich im OP-Saal steht. Er freut sich über den Teamgeist und den freundschaftlichen Umgang untereinander. „Die meisten Kollegen nennen mich einfach Manni“, erzählt er lachend.

Verständnis für Spannungen

Auch wenn Suhl mit seinen rund 36.000 Einwohnern im August wegen einer gewaltsamen Auseinandersetzung unter Asylbewerbern in die Schlagzeilen geriet, kann Al-Ani die angeblich gerade in Ostdeutschland voranschreitende Ausländerfeindlichkeit nicht bestätigen. Im Gegenteil: „Ich bin sehr stolz darauf, Deutscher zu sein, wenn ich sehe, wie hilfsbereit die Menschen hier sind“, sagt er. 

Allerdings findet er es wichtig, die vielen Flücht­linge möglichst rasch zu integrieren: „Diese Menschen sind jetzt hier, und viele werden auch bleiben“, sagt er. Davon könne sein Heimatland Deutschland profitieren, voraus­gesetzt Zuwanderung und Eingliederung werden gut organisiert. Hier sieht er durchaus noch Defizite, die schlimmstenfalls – wie im Sommer – in Aggression und Gewalt enden können. So leben im Erstaufnahmelager in Suhl derzeit 1.800 Menschen aus verschiedensten Na­tionen und mit unterschiedlichen Religionen auf engem Raum zusammen. Fast alle haben Schlimmes erlebt und sorgen sich um ihre Zukunft oder um zurückgelassene Angehörige. „Das ist so, als ob Sie 1.800 Fans von verschiedenen Fußballclubs in ein Haus stecken, wo sie den ganzen Tag lang nichts zu tun haben und nicht wissen, wie 
es morgen für sie weitergeht“, verdeutlicht Al-Ani, „jeder würde in so einer Situation reizbar werden.“ 

Gemeinsame Sprache schafft Nähe

Nicht zuletzt Verständigungsprobleme sorgen auf allen Seiten für Frust und Stress. In seiner Freizeit betätigt sich der junge Arzt, der fließend Arabisch spricht, deshalb im Krankenhaus und im Flüchtlingsheim als Dolmetscher. Neben den Flüchtlingen aus Syrien sprechen auch Menschen aus dem Irak und einigen afrikanischen Ländern Arabisch. 

Auch wenn ihm der ehrenamtliche Einsatz viel Freude macht, stößt Al-Ani zeitlich regelmäßig an seine Grenzen: „Wir sind hier im Krankenhaus nur drei Arabisch sprechende Kollegen. Wenn die anderen im Urlaub oder verhindert sind, dann glüht mein Piepser“, sagt er. Vor allem in der Medizinstation des voll belegten Erstaufnahmeeinrichtung würde er sich zusätzliche Dolmetscher dringend wünschen. Denn aufgrund von Verständigungsproblemen schicken die Einsatzkräfte dort immer wieder Menschen als Notfälle ins Krankenhaus, die eigentlich nur eine Schmerz­tablet­te oder etwas Ruhe bräuchten. 

Nicht zuletzt durch die gemeinsame Sprache kommt „Manni“ Al-Ani den Flüchtlingen sehr nah. Viele seien schüchtern und verängstigt, oftmals sogar traumatisiert, weiß er aus vielen Gesprächen. Aber sie tauen schnell auf, zeigen Freude und Dankbarkeit, wenn man ihnen Verständnis entgegenbringt: „Ich bin überzeugt, dass sie sich gut in unsere Gesellschaft integrieren werden­, wenn man ihnen offen begegnet“, sagt er. Im Kleinen ließe sich das schließlich schon heute im Krankenhaus beobachten, wo Ärzte verschiedener Nationen und Reli­gionen tagsüber Patienten versorgen und abends als Freunde zusammen ausgehen. Ein syrischer Arzt, der Anfang des Jahres als Flüchtling in Suhl ankam, wird bald im Zentralklinikum anfangen, sobald er seine Berufserlaubnis erhalten hat. Der Vertrag ist bereits geschlossen. Manhal Al-Ani freut sich auf die Verstärkung.

 Text Kirstin von Elm

Fotos Roger Hagmann

 

 

 

Dr. Manhal Al-Ani behandelt den Sohn eines irakischen Christen auf der Pädiatrie-Station im SRH Zentralklinikum Suhl.

Der Mediziner spielt im Flüchtlingsheim mit einem syrischen Jungen.

Das SRH Zentralklinikum Suhl ist mit 603 Betten, 21 Fachdisziplinen und sechs zertifizierten Zentren das größte Krankenhaus Südthüringens. Pro Jahr werden rund 30.000 Patienten stationär und etwa 45.000 ambulant behandelt. Die Klinik ist Akutkrankenhaus und akademisches Lehrkrankenhaus des Uniklinikums Jena.

www.zentralklinikum-suhl.de

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