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Gesundheit16.09.2013

Eine Operation verhilft Iryna Kolesnikowa zu neuer Kraft

Mehr Luft zum Atmen

Ostrowski und Kolesnikowa auf dem Bett (Foto: Sabine Kress)

In einer vierstündigen OP stabilisierte Dr. Gregor Ostrowski Irynas Wirbelsäule.

Ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Aufgrund einer schweren Skoliose arbeiteten Lunge und Herz nur noch ­eingeschränkt. Eine mehrstündige Rückenoperation am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach hat der 21-jährigen Ukrainerin mehr Luft zum Atmen verschafft – und damit die nötige Energie, ihren Traumberuf auszuüben. 

Hoch konzentriert zieht Iryna Kolesnikowa eine feine Linie um ihre Lippen, pudert sie kurz ab und trägt dann vollflächig Lipgloss auf. Man merkt ihr an, wie viel Kraft sie diese kleinen Handgriffe kosten, doch die auffallend hübsche junge Frau mit den kupferroten Haaren und den grün-braunen Augen lächelt tapfer. „Durch die Operation habe ich keine Schmerzen mehr, und ich bekomme viel besser Luft“, sagt die Ukrainerin. Mit Farben, Pinseln und Schwämmchen zu zaubern, das ist ihre große Leidenschaft. Dann ist sie ganz bei sich.
Zu ihrem Traumberuf Visagistin hat sie über das Fernsehen gefunden. Dort erzählte Iryna, die Sozialarbeit studiert, begeistert von ihrem Hobby. Ein russischer Starvisagist sah zufällig die Sendung und bot ihr spontan eine Ausbildung an. Es sind Zufälle wie diese, die ihrem Leben immer wieder eine glückliche Wendung geben. Einem Leben, in dem sie vieles hart erkämpfen musste, was für andere selbstverständlich ist: Bisher war jeder Atemzug und jede Bewegung ihres 27 Kilogramm leichten Körper extrem anstrengend.

Schleichende Verschlechterung

Iryna Kolesnikowa ist zwei Jahre alt, als die Ärzte eine neuromuskuläre Skoliose diagnostizieren. Infolge einer angeborenen Muskelschwäche verbiegt sich die Wirbelsäule. Die Krankheit verläuft schleichend, und sie verschlimmert sich mit jedem Zentimeter, den Iryna wächst. Die Wirbelsäule verkrümmt und versteift zunehmend, da sich die Wirbelkörper nicht nur verdrehen, sondern infolge des einseitigen Drucks teilweise auch vorzeitig verknöchern. Aufgrund ihrer Krankheit ist Iryna schon früh auf einen Rollstuhl und auf Hilfe angewiesen. Sie kann keine Schule besuchen, die Lehrer unterrichten sie zu Hause. „Meine Eltern behandelten und erzogen mich wie meinen Bruder. Daher habe ich mich weder als Außenseiter noch als etwas Besonderes gefühlt“, sagt sie. Ihre Krankheit war in der Familie nie Anlass, mit dem Schicksal zu hadern oder sie zu bedauern. Sie wird nach Kräften gefördert und unterstützt. Die gelebte Normalität macht Iryna stark und gibt ihr Selbstvertrauen. Sie trifft sich mit Freunden, tauscht sich online mit Betroffenen aus, macht ihr Abitur und beginnt, an der Staatlichen Pädagogischen Hochschule in ihrer Heimatstadt Melitopol Sozialarbeit zu studieren. 

Unverhoffte Hilfe

Iryna Kolesnikowa vor dem Spiegel (Foto: Sabine Kress)

Aus ihrem Hobby will Iryna Kolesnikowa einen Beruf machen und als Visagistin arbeiten.

Doch Irynas Gesundheitszustand verschlechtert sich, eine Operation wird unausweichlich. Durch die fortschreitende Skoliose wölbt sich der gesamte Brustkorb nach vorne. Lunge und Herz haben zu wenig Raum und können nur noch eingeschränkt arbeiten. Verzweifelt suchen Iryna und ihre Familie nach einer Klinik. Doch sie wird immer wieder abgewiesen mit der Begründung, dass aufgrund ihrer begrenzten Lungenkapazität eine Anästhesie zu riskant sei. Durch Zufall wird sie auf das SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach aufmerksam. Eine ehemalige Patientin empfiehlt Iryna, sich dem Wirbelsäulenexperten Dr. Gregor Ostrowski vorzustellen. Das Haus, eines der führenden Wirbelsäulenzentren in Deutschland, nehme auch besonders schwere Fälle auf. „Ich war überglücklich, als Dr. Ostrowski einwilligte, mich zu operieren“, erzählt Iryna. Der einzige Haken: das Geld für die Operation und den anschließenden Krankenhausaufenthalt aufzutreiben. Doch der Chirurg und alle Ärzte des Klinikums, die an ihrer Behandlung beteiligt waren, verzichteten auf ihr Honorar, und eine großzügige Spende des gemeinnützigen Vereins „Hamburger mit Herz e.V.“ deckt die restlichen Kosten ab.

Der komplexe Eingriff dauert vier Stunden. Wegen der eingeschränkten Lungenfunktion führt Dr. Ostrowski die Operation vom Rücken her (dorsal) durch, um eine belastende Thoraxöffnung zu vermeiden. Er verschraubt die einzelnen Wirbelkörper vom ersten Brustwirbel bis zum Kreuzbein. Vertikal verlaufende Stäbe verbinden die Schrauben miteinander, sie stabilisieren die Wirbelsäule und richten sie auf. Durch gezieltes Durchtrennen falsch stehender Knochen werden die Verknöcherungen gelockert. „In dem erweiterten Brustkorb hat die Lunge wieder ausreichend Platz und mehr Kapazität. Dadurch wird das Herz entlastet“, erklärt Dr. Ostrowski. Ein künstlich angelegter Ausgang an der Luftröhre hilft Iryna, sich rasch zu erholen.

Voller Energie

Nach vier Wochen Reha kann Iryna die Klinik verlassen. Die Wunde ist gut verheilt. „Ich sitze jetzt deutlich stabiler und bequemer. Durch die Operation habe ich nicht nur Lebensqualität gewonnen, sondern auch Lebensjahre geschenkt bekommen“, meint die junge Frau dankbar. Dennoch: Mit Ausruhen will sie keine Zeit verlieren, ihr eiserner Wille treibt sie unermüdlich an. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Hamburg, wo sich Iryna bei ihren Sponsoren bedanken will, kehrt sie mit ihrer Mutter wieder in ihre Heimat zurück. Im Sommer hat sie ihr Studium der Sozialarbeit beendet. Ihr großer Traum ist es, anschließend für einen Hilfsfonds zu arbeiten und Geld für
bedürftige Kinder einzusammeln – ehrenamtlich. Den Lebensunterhalt will sie sich als Visagistin verdienen. „Ich möchte Menschen helfen, die ein ähnliches Schicksal haben, und ihnen Mut machen“, sagt Iryna voll neuer Lebensenergie. 

Heike Link

SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach

Das Klinikum – Fachkrankenhaus und Akutklinik in einem – verfügt über 538 Betten in den Bereichen Wirbelsäulenchirurgie, Orthopädie, Neurologie, Innere Medizin, Gefäßchirurgie und Psychiatrie.

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