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Bildung04.12.2012

Wie ein Mädchen und eine Studentin Freunde werden

Mein Balu und ich

Im „Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling nimmt der Bär Balu den Jungen Mogli unter seine Fittiche. Das literarische Gespann war Vorbild für das bundesweite Mentorenprojekt „Balu und Du“, dessen Ziel es ist, Grundschüler zu fördern. Hier hat auch die siebenjährige Eileen ihren ganz eigenen Balu gefunden – Katja Jung, eine Studentin der SRH Fachhochschule für Gesundheit Gera.

Eileen und Katja (Bild: Timo Volz, Mannheim)

Einmal pro Woche holt Katja Jung ihren Schützling Eileen von der Schule ab. Dann geht's meistens in den Park oder auf den Spielplatz

Aufgeregt hüpft Eileen neben Katja Jung her. Als das Ziegengehege des Parks in Sicht kommt, ist die Siebenjährige nicht mehr zu halten. Sie rennt zum Zaun und lockt die Tiere mit Grasbüscheln. „Katja, guck mal“, ruft das Mädchen seiner Begleiterin zu. Die Studentin geht in die Hocke, und gemeinsam streicheln die beiden die herankommenden Ziegen. Doch bald schon will Eileen weiter. „Katja, komm, zu den Kaninchen und dann zum Spielplatz“, ruft sie, während sie weiterstürmt. Die 22-Jährige schaut ihr lächelnd hinterher. „Für Eileen ist es toll, wenn sie sich so richtig austoben kann“, sagt sie, während sie sich bemüht, mit ihrem Schützling Schritt zu halten.

Gemeinsam Spass haben

Ein halbes Jahr kennen sich die Grundschülerin und die Studentin für interdisziplinäre Frühförderung nun schon. Und sie verstehen sich prächtig. „Natürlich mussten wir uns erst aneinander gewöhnen“, erinnert sich Katja Jung. „Aber inzwischen ist unser Verhältnis echt locker, wir unterhalten uns über vieles. Und obwohl Eileen ihren eigenen Kopf hat, hört sie meistens auf mich.“ Einmal pro Woche holt die Studentin das Mädchen von der Schule ab und bringt sie abends nach Hause; die Termine bespricht sie mit Eileens Mutter.

Entstanden ist der Kontakt im Rahmen des Projekts „Balu und Du“ (siehe Kasten), an dem die SRH Fachhochschule für Gesundheit Gera seit März 2012 teilnimmt. Katja Jung ist eine von zehn Studierenden, die sich nun ein Jahr lang um Grundschüler kümmern, die zusätzlich gefördert werden sollen. „Das Programm wirkt sich positiv auf die kindliche Entwicklung aus. Und unsere Studierenden sammeln wichtige praktische Erfahrungen im Umgang mit Kindern, die einen erhöhten Förderbedarf haben, und übernehmen Verantwortung“, sagt Kirsten Lamschus, Projektleiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule. Die Dozenten begleiten das Projekt eng. So gibt es unter anderem alle zwei Wochen ein verbindliches Reflexionsseminar für alle Balus. Einmal im Jahr findet zudem ein thüringenweites Balu-Treffen statt. Hier können sich diese austauschen und thematische Workshops besuchen, etwa zu den Themen Kindeswohlgefährdung oder kreative Spielideen.

„Als ich von ‚Balu und Du‘ erfuhr, hatte ich sofort Lust, mitzumachen. Es ist ein tolles Projekt für die Kinder, aber auch für uns Balus. Und es bringt mir natürlich auch viel fürs Studium und meinen späteren Beruf“, erzählt Katja Jung. „Aber da ich in Greiz lebe, etwa 35 Kilometer von Gera entfernt, hätte ich es nicht geschafft, zusätzlich zum Studium auch noch ein Kind in Gera zu betreuen.“ Auf der Suche nach geeigneten „Moglis“ besuchte Kirsten Lamschus daher nicht nur Grundschulen in Gera, sondern auch im Landkreis Greiz. So wurde sie auf Eileen aufmerksam. Das Mädchen ist sehr aktiv, hat aber ein paar schulische Probleme und wurde daher von ihrer Klassenlehrerin für das Programm vorgeschlagen.

Bereits beim ersten Treffen mit ihrem Mogli war Katja Jung schnell klar: Nur stillsitzen, das ist nichts für Eileen. „Daher versuche ich bei unseren Treffen immer, ihr die Möglichkeit zu geben, sich auszutoben. Manchmal ist das natürlich anstrengend. Aber mir macht es sehr viel Spaß, mit ihr unterwegs zu sein.“ Das sieht Eileen genauso. Sie mag es am liebsten, mit „ihrer“ Katja ins Schwimmbad oder auf den Spielplatz zu gehen. Und dann fällt ihr noch etwas ein: „Ich war sogar schon bei Katjas Eltern zu Hause“, erzählt sie stolz.

Mit Spaß fördern

Eileen und Katja (Bild: Timo Volz, Mannheim)

2002 ging das ehrenamtliche Mentorenprogramm „Balu und Du“ an den Start. Träger ist der gleichnamige gemeinnützige Verein mit Sitz in Osnabrück. Seither ist ein bundesweites Netzwerk an mehr als 50 Standorten entstanden, über 4.000 Grundschüler haben bereits einen Paten gefunden.

Ziel ist es, sie über Familie und Schule hinaus zu fördern und Lernfreude zu wecken. Mindestens ein Jahr lang sollen sie von ihren Mentoren – engagierten Menschen im Alter zwischen 17 und 30 Jahren – begleitet werden.

Durch das Programm, das von der Universität Osnabrück wissenschaftlich begleitet wird, sollen die Kinder neue Erfahrungen machen und außerschulische Lernanregungen erhalten.

www.balu-und-du.de/

Einmal im Mittelpunkt stehen

Lachend saust Eileen die Kinderseilbahn hin und her, mit ihren Füßen wirbelt sie Staub auf. „Katja, du musst mich anschubsen, sonst wird’s langweilig“, ruft sie. Gesagt, getan. Geduldig läuft die Studentin neben dem Mädchen her, schiebt sie immer wieder an. Doch bald hat Eileen eine neue Idee. „Wir schauen, wer von uns höher schaukeln kann“, ruft sie und ist schon bei der Schaukel. „Katja, du kannst das bestimmt nicht stehend.“ „Klar kann ich das. Ich hab’ schließlich schon viel von dir gelernt.“

Solange sie herumtoben kann, ist Eileen in ihrem Element. Sie fährt gerne Fahrrad, macht Karate. „Sie hat total viel Energie, klettert wie ein Äffchen“, erzählt Katja Jung. Lesen hingegen liegt Eileen da zum Beispiel schon sehr viel weniger. „Darin ist sie nicht so gut. Sie wird schnell ungeduldig, wenn sie Fehler macht. Daher hat mich ihre Lehrerin gebeten, ab und an mit ihr zu üben“, berichtet die Studentin.

Dennoch geht es bei „Balu und Du“ nicht um Nachhilfe. Wichtiger ist, dass die Kinder etwas Neues erleben, das ihre Neugier anregt. „Die Lehrerin hat Eileen auch deshalb vorgeschlagen, weil sie anderen Kindern gegenüber sehr schüchtern ist“, sagt Katja Jung. „Bei den Treffen mit mir soll sie einfach einmal im Mittelpunkt stehen und dadurch an Selbstvertrauen gewinnen.“

Gewachsenes Vertrauen

Eileen und Katja (Bild: Timo Volz, Mannheim)

Wichtig für die Entwicklung; Katja Jung schenkt ihrer kleinen Freundin Aufmerksamkeit.

Eileen stürmt weiter, ins Naturkundehaus neben dem Spielplatz. Hier gibt es jede Menge Schaukästen mit Insekten und ausgestopften Tieren. „Iiih, guck mal, Katja, eine Schlange“, ruft das Mädchen. Dann entdeckt sie den Fühlkasten. „Was ist das?“, fragt Eileen. „Da musst du hineingreifen und ertasten, was in den Fächern liegt.“ Doch Eileen zögert: „Ich trau mich nicht.“ Also nimmt Katja Jung Eileens Hand in ihre, und gemeinsam ertasten sie nacheinander Federn, Kastanien, Steine. Das Mädchen errät fast alles richtig. Dann hält sie etwas Grün-Braunes hoch, mit Stacheln. „Was ist das?“, will sie wissen. „Bucheckern, die kann man sogar essen, schmecken so ähnlich wie Nüsse“, erklärt ihr Katja Jung.

Zehn Euro bekommt die Studentin monatlich, etwa für Eintrittsgelder, die sie für Eileen bezahlt. Ihre eigenen Kosten trägt sie selbst. „Das ist okay“, findet sie. Immerhin gehört Eileen inzwischen schon fast zur Familie. „Sogar mein Freund kommt manchmal mit. Das hätte ich vorher nie gedacht. Aber die beiden verstehen sich wirklich super. Eileen ist ein sehr aufgewecktes Mädchen: offen, unkompliziert und ehrlich. Wir können beide so sein, wie wir sind. Und wir sind uns in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich.“ Kein Wunder also, dass sich sowohl die Schülerin als auch die Studentin auf jedes Treffen freuen. Und wer weiß, vielleicht hält ihre Freundschaft ja über das geplante Jahr hinaus – eben so wie bei Balu und Mogli.

Gabriele Jörg

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