direkt zum Inhalt

Gesundheit09.03.2012

Eine Schmerztherapie hilft Gotthold Golze

Mit neuem Appetit und Lebensmut

Gotthold Golze

Auch wenn Gotthold Golze heute mehr als früher auf seine Ernährung achten muss, ist er glücklich: Denn die starken Schmerzen, unter denen er lange Zeit nach jedem Essen litt, sind fast verschwunden.

Fast ein Jahr lang litt Gotthold Golze unter heftigen Magen- und Bauchschmerzen, er konnte nichts essen und trinken, ohne sich anschließend zu übergeben. Ein Eingriff im Interdisziplinären Zentrum für Schmerztherapie am SRH Wald-Klinikum Gera verhalf dem Rentner zu neuer Lebensfreude.

Gotthold Golze lächelt wieder. Zwar kann sich der 79-Jährige im Sitzen noch nicht richtig anlehnen; die Operationsnarbe am Rücken ziept noch ein wenig. Auch der Hemdkragen des 1,90 Meter großen, weißhaarigen Rentners sitzt lockerer als früher. Doch das alles stört ihn nicht. Er freut sich vielmehr, dass es ihm endlich besser geht. Innerhalb eines Jahres hatte der pensionierte Biologie- und Chemielehrer 18 Kilo abgenommen. Unerbittlich kamen nach jedem Essen die Krämpfe, dann das Erbrechen. Gotthold Golze vertrug weder Tee noch Brei oder Suppe. „Das war eine wirklich aufreibende Situation“, sagt er rückblickend. Dass er inzwischen wieder nahezu schmerzfrei essen und trinken kann, verdankt er einem kleinen Implantat in der Nähe des Rückenmarks.

Plötzlich ausgebremst

Seit der Schulzeit treibt der gebürtige Jenaer begeistert Sport – trotz eines angeborenen Herzklappenfehlers. Er wandert gerne und spielt Volleyball. Doch dann, er ist Anfang 60, bremsen ihn Schmerzen in den Beinen förmlich aus. „Im Lauf der Zeit wurden sie immer stärker – ein Gefühl, als würde ein Schraubstock um meine Oberschenkel gelegt“, erzählt der Rentner. Die Diagnose: Er leidet an der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK), einer Folge von Arteriosklerose. Die Arterien in seinen Beinen sind verengt, werden nicht mehr richtig durchblutet. Selbst bei kurzen Strecken muss Gotthold Golze immer häufiger stehen bleiben. Doch seine Frau und er richten sich darauf ein. „Ich weiß zum Beispiel genau, welche Geschäfte in Gera die besten Sitzgelegenheiten haben“, sagt der 79-Jährige und lächelt verschmitzt.

Im Sommer 2010, viele Jahre nach der Diagnose, setzen plötzlich Magen- und Bauchschmerzen ein. „Nach jedem Essen bekam ich so heftige Krämpfe, dass mir übel wurde und ich mich übergeben musste“, berichtet er. Eine Odyssee von Arzt zu Arzt beginnt. Doch die Ursache findet sich zunächst nicht; alle Versuche, die Symptome zu lindern, scheitern. Die Gastroenterologen des SRH Wald-Klinikums Gera liefern schließlich die richtige Diagnose: Die Arteriosklerose hat zu einer Angina abdominalis geführt. Wie die Arterien in Gotthold Golzes Beinen sind auch die Gefäße verengt, die seinen Darm mit Blut versorgen. Dieser wird nicht mehr richtig durchblutet und funktioniert nur eingeschränkt. Die Ärzte setzen dem Patienten einen Stent, der die betroffenen Arterien aufweitet und so einen ungehinderten Blutdurchfluss ermöglicht. „Danach ging es mir viel besser“, berichtet der Rentner. Doch nach wenigen Wochen ist alles wie zuvor: Essen wird zur Qual, er verliert weiter an Gewicht. „Mir war ständig schwindlig, ich hatte Angst, zu fallen, und fühlte mich furchtbar hilflos“, erinnert er sich.

Ich bin dem ganzen Team sehr dankbar für die neue Lebensqualität, die es mir geschenkt hat.

Gotthold Golze

Schmerzen therapieren

Gotthold Golze im Gespräch mit dem leitenden Arzt, PD Dr. Michael Kretzschmar.

Im November 2011 erhält der Rentner die lang ersehnte Hilfe – im erst kurz zuvor eröffneten Zentrum für Interdisziplinäre Schmerztherapie am SRH Wald-Klinikum Gera. Zwar kann auch das dortige Team Gotthold Golzes Grundproblem – die Arteriosklerose – nicht beheben. „Doch wir können die chronischen Schmerzen lindern sowie Darmfunktion und Durchblutung verbessern“, betont der leitende Arzt, PD Dr. Michael Kretzschmar. Der Experte für Schmerztherapie weiß, dass Patienten mit PAVK sehr gut auf das schmerzlindernde Therapieverfahren SCS (siehe Kasten) ansprechen. Allerdings wird dieses bislang nicht bei Angina abdominalis eingesetzt. „Bei dieser Indikation gehören wir zu den ersten Anwendern weltweit. Wir sind aber davon ausgegangen: Was bei den Beinen funktioniert, müsste theoretisch auch zwei Etagen höher wirken“, sagt der Arzt.

Im Dezember 2011 implantiert das Team Gotthold Golze eine kleine Elektrode in der Nähe seines Rückenmarks. Während des Eingriffs ist er nur lokal betäubt. Denn um die optimale Position für die Elektrode zu finden, führt das Team während der OP mehrere Test­stimulationen durch. „Diese erzeugen in einem bestimmten Bereich ein Kribbeln. Herr Golze musste uns sagen, wo genau. Denn dieser Bereich sollte möglichst exakt mit dem Schmerzareal übereinstimmen. Dann wissen wir: Die Elektrode sitzt richtig“, erklärt Kretzschmar.

Nach knapp zwei Stunden hat Gotthold Golze alles überstanden. In den folgenden zwei Wochen testen die Ärzte, wie sich der Schmerz verändert und ob die Stimulation wirkt. Alles funktioniert bestens, und Gotthold Golze muss sich noch einmal einer kleinen Operation unterziehen: Unter der Bauchdecke implantieren ihm die Ärzte einen Generator, der die Elektrode steuert und mit Strom versorgt. Per Fernbedienung kann der Rentner Impulsdauer, Frequenz und Stromstärke regulieren – falls die schmerzlindernde Wirkung nachlassen oder ihn das Kribbeln stören sollte, etwa beim Schlafen.

Den Schmerz ausbremsen

Lassen sich chronische Schmerzen im Bereich des Nervensystems nicht operativ oder konservativ behandeln, kann die elektrische Rückenmarksstimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS) helfen. Bei dieser Methode wird eine Elektrode auf der harten Hirnhaut im Wirbelkanal angebracht. Sie erzeugt geringe elektrische Impulse, die die Schmerz­weiterleitung im Rückenmark verändern. Anstelle der Schmerzen spürt der Patient ein leichtes Kribbeln. Ein weiterer positiver Effekt: Indem das elektrische Feld den Sympathikus beeinflusst, sorgt es indirekt dafür, dass die Blutgefäße geweitet werden und sich so die Durchblutung verbessert.

Angewendet wird die Neurostimulation bei Indikationen wie Diabetes mellitus, Multipler Sklerose oder Angina Pectoris. Ihr großer Vorteil: Sie hat keine Nebenwirkungen und kann im besten Fall den Schmerz um bis zu 90 Prozent reduzieren – eine echte Alternative zur medikamentösen Dauertherapie.

Hilfe im doppelten Sinne

Seit dem Eingriff fühle er sich so gut wie lange nicht mehr, sagt Gotthold Golze und lächelt. „Manchmal habe ich noch leichte Schmerzen nach dem Essen, aber die sind auszuhalten.“ Es stört ihn nicht, dass es noch eine Weile dauern wird, bis er sein altes Gewicht wieder erreicht hat, ebenso wenig wie die Tatsache, dass er mehr darauf achten muss, was er isst. Denn dank der SCS kann er nicht nur wieder fast schmerzfrei essen. Auch seine Beine tragen ihn ein Stückchen weiter als vor der OP – ein positiver Nebeneffekt, den auch Dr. Kretzschmar nicht vorhergesehen hat. „Ich bin dem ganzen Team sehr dankbar für die neue Lebensqualität, die es mir geschenkt hat“, betont Gotthold Golze. Große Wanderungen wird er zwar auch künftig nicht machen. Doch er ist auch mit kleinen Schritten zufrieden. Und vielleicht kann er sogar ab und an sein Lieblingsessen genießen: Rouladen mit Klößen und Rotkraut.

Gabriele Jörg

Kommentar hinzufügen


* Pflichtfeld

Kommentare

Keine Kommentare

Weitere Artikel "Bildung"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Bildung" finden Sie hier

Weitere Artikel "Gesundheit"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Gesundheit" finden Sie hier

SRH Wald-Klinikum Gera

Mit 90.000 Patienten im Jahr in 24 Fachbereichen ist das SRH Wald-Klinikum Gera das größte Krankenhaus der Region Ostthüringen.