direkt zum Inhalt

Nicht nur eine Studienreise

Nicht_nur_eine_Studienreise

Für José Santiago Moreno war Deutschland ganz weit weg. Nun studiert der Paraguayer nicht nur an einer deutschen Hochschule in seinem Land, sondern ist zum Abschluss seines ersten Studienjahres auch gleich für vier Wochen in Deutschland. Möglich wurde das durch die tatkräftige Unterstützung von Familie und Nachbarn.

Fachhochschule – ein schönes deutsches Wort. Aber schwierig. „Damit einem so etwas richtig über die Lippen kommt, muss man schon sehr aus sich herausgehen“, meint José Santiago Moreno lächelnd, während er über den Campus der SRH Hochschule in Heidelberg schlendert. Seine pechschwarzen, etwas störrischen Haare, die seine weichen Gesichtszüge umrahmen, verraten seine lateinamerikanische Herkunft. Auf Spanisch erzählt er, dass er zum Glück in der Schule jahrelang eine Art Schauspielunterricht hatte, wo der mündliche Vortrag und das Auftreten vor Publikum geübt wurden. Der Sprung in die Konsonantensuppe macht José also nicht allzu viel aus.

Dass sich der kräftig gewachsene BWL-Student der Universidad Paraguayo Alemana (UPA), einer SRH Hochschule in Asunción, überhaupt vier Wochen in Deutschland aufhält, dürfte allerdings mehr Mut und Entschlossenheit erfordert haben. Für José ist es ein Schritt in eine bis dato weitgehend unbekannte Welt: „Es ist das erste Mal, dass ich geflogen bin, dass ich Südamerika verlassen habe. Das war schon sehr aufregend.“ Zudem erschien es für den aus einem kleinen Ort 100 Kilometer von Asunción und einfachen Verhältnissen kommenden 19-Jährigen zunächst kaum möglich, die rund 2.500 Euro aufzubringen, die der vierwöchige Aufenthalt kostet. 

„Nachdem das für meine alleinstehende Mutter eine viel zu große Summe war, haben wir einen Familienrat einberufen und überlegt, was wir tun können“, berichtet José Santiago Moreno. Das Ergebnis: Onkel, Tanten und die Nachbarschaft wurden eingespannt, ließen sich beispielsweise am Wochenende immer wieder gegen Geld von José und seiner Mutter bekochen. Zusätzlich spülte eine Tombola Geld in die Kasse. Da sich auch Katarina Geisler, die seitens der UPA die Studienreise organisierte, für Josés Teilnahme ins Zeug legte und ihm eine Gastfamilie in der Nähe von Heidelberg organisierte, war es Mitte Januar schließlich so weit: José stieg mit 25 Kommili­tonen sowie einer Betreuerin ins Flugzeug. Ziel: Frankfurt am Main Airport.

Mit Eifer Danke sagen

In Mützen, Schals und Anoraks gehüllt, sitzt ein Teil der Gruppe in einem Seminarraum auf dem Heidelberger SRH Campus. Nachdem sie drei Wochen zuvor noch im paraguayischen Sommer bei 45 Grad im Schatten schwitzten, ist in Europa alles kalt – auch ein auf Zimmertemperatur geheizter Raum. Am Whiteboard erklärt Sprachlehrerin Anastasia Schönfeld die Bildung von höflichen Bitten in Frageform. Schema: „Könntest du die Tür zumachen?“ Ganz vorn sitzt José, folgt aufmerksam, ist erkennbar ein Aktivposten in der kleinen Unterrichtsgruppe. Als die Studenten selbstständig Beispielsätze aufschreiben sollen, fragt die Lehrerin schließlich Josés Sitznachbarn: „Hast du auch fünf Sätze, oder hast du sie alle bei José abgeschrieben?“

Später in der Mensa – die er sich nur auf Einladung leistet – spricht José über all die neuen Eindrücke: Dass ihm gleich am Flughafen offen homosexuelle Pärchen auffielen – in Paraguay kaum denkbar. Dass hier die Bäume ihre Blätter verlieren. Dass alle so pünktlich sind. „In Paraguay sagt man drei Uhr und kommt dann um fünf, vielleicht halb fünf. Schrecklich.“ Dass die Straßen so gut in Schuss, Züge und Busse so komfortabel sind. Auch die Winterkälte mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt ist eine neue Erfahrung, ebenso eine gewisse Kühle, die José im zwischenmenschlichen Umgang empfindet: „In dem Sinne, dass sich in Paraguay die Leute auf der Straße, im Bus oder sonst wo herzlich begrüßen: ‚Hallo mein Freund! Wie geht’s?‘“ Hier sei das anders – was er aber nicht unbedingt schlimm findet. Seine Gastfamilie habe ihn jedenfalls sehr freundlich aufgenommen: „Die Oma hat mich schon erwartet: Sie hat mir einen Schal und eine Mütze gestrickt, mich richtig ausstaffiert für den Winter.“

Impulse aufsaugen

Viermal pro Woche haben die paraguayischen Studierenden halbtags Sprachunterricht. Die Wochenenden sind frei. José war bereits in Amsterdam und in Genf, wo Verwandte leben. In der übrigen Zeit stehen immer wieder Besuche bei großen Unternehmen wie SAP, BASF oder Daimler auf dem Programm. Organisatorin Katarina Geisler erläutert: Neben sprachlicher Vertiefung solle die Reise den Studierenden ermöglichen, schon früh im Studium wichtige Kontakte zu knüpfen. „In der Hoffnung, dass diese sich später beim Start ins Berufsleben als nützliche Türöffner erweisen.“ Gegen Ende des Studiums werden die Studierenden sogar noch ein ganzes Jahr in Deutschland verbringen – und José träumt durchaus davon, anschließend auch hier zu arbeiten. Inspira­tion aus der hiesigen Kultur kann aber auch kurzfristig und fürs Studium selbst nicht schaden. Das bringt Paloma Fisch, Sekretärin im Rektorat der UPA und ebenfalls in Heidelberg mit dabei, auf den Punkt: „Wir alle lernen auf dieser Reise, indem wir mit Kultur, Studierenden und Professoren in Berührung kommen“ – und zwar Dinge, die gleich nach der Rückkehr nützlich werden könnten, wie sie betont. Ganz ähnlich empfindet das auch José: „Mir gefällt die Atmosphäre hier, der Perfektionismus, die Pünktlichkeit. Davon möchte ich etwas mit zurücknehmen. Damit diese Reise nicht nur eine Studienreise bleibt, um Neues kennenzulernen – sondern etwas verändert, Dinge besser macht.“

Von Ulrich Pontes

Nicht_nur_eine_Studienreise

José Santiago Moreno mit seinen Kommilitonen von der UPA in Heidelberg

SRH in Südamerika

Im Frühjahr 2014 startete in Paraguays Hauptstadt Asunción die Universidad Paraguayo Alemana (UPA) mit ihrem ersten Jahrgang. Die südamerikanische Hochschule ist eine von insgesamt neun SRH Hochschulen und die erste im Ausland. Sie wurde von SRH gemeinsam mit dem Industrieverband Unión Industrial Paraguaya gegründet. Um die Industrialisierung des Landes voranzutreiben, werden an der UPA Betriebswirte und Wirtschaftsingenieure ausgebildet. Zurzeit lernen dort etwa 125 Studierende. Langfristig sind bis zu 750 Studienplätze vorgesehen. Unterrichtet wird auf Spanisch und Deutsch, die Abschlüsse richten sich nach dem international anerkannten Bachelor- und Mastersystem. Die Studenten verbringen die letzten beiden Semester an einer SRH Hochschule in Deutschland, zum Beispiel in Berlin oder Heidelberg. In dieser Zeit absolvieren sie ein Praktikum in einem Unternehmen und schreiben eine Abschlussarbeit in deutscher Sprache.

www.upa.edu.py

Weitere Artikel "Bildung"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Bildung" finden Sie hier

Weitere Artikel "Gesundheit"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Gesundheit" finden Sie hier