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Nur nie aufgeben

Monika Kienle will eigentlich bei einem Autounfall helfen. Stattdessen landet die junge Mutter selbst mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus – und muss sich mühsam zurück ins Leben kämpfen.


An den 25. Mai 1995 wird sich Monika Kienle ihr Leben lang erinnern. Obwohl: Das gravierende Ereignis des Tages ist aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Die damals 25-Jährige fuhr mit Freunden nach einem Polterabend nach Hause. Da sah sie es: ein anderes Fahrzeug, das gegen einen Baum geprallt war. Sie hielt an, ihre Freunde eilten gleich zum Unfall – und an mehr erinnert sie sich bis heute nicht mehr. „Wahrscheinlich bin ich zum Kofferraum gelaufen, um ein Warndreieck zu holen. In dem Moment fuhr nach den Erzählungen meiner Freunde ein fremdes Fahrzeug in das Unfallauto und wurde auf mein eigenes Auto geschleudert. Ich wurde durch den starken Aufprall meterweit durch die Luft geworfen.“ 
Monika Kienle erlitt einen Beckenbruch, ihr linker Oberarm war zertrümmert, das linke Knie gebrochen. Die Verletzungen am Kopf waren besonders schwer: Schädelhirntrauma, ein Blutgerinnsel im Gehirn, der Sehnerv am linken Auge war durchtrennt. Ihr Hausarzt kam sofort zum Unfallort. „Er soll mich aufgrund der schweren Verletzungen nicht erkannt haben.“
Im Krankenhaus Heidenheim versetzte man die junge Frau in ein künstliches Koma, mehrere Opera­tionen folgten. Auch an diese Zeit hat Monika Kienle keine Erinnerungen. „Ich hatte nur eine Art Traum, dass meine Verwandten mich besuchten und ich nach ihrer Verabschiedung ans Fenster ging, um ihnen noch zu winken. Aber das wäre natürlich unmöglich gewesen.“ Nach zwei Wochen beendeten die Ärzte das künstliche Koma. „Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ich kaum sprechen konnte, da ich durch den Mund intubiert worden war.“ Ihre Stimmbänder sind bis heute beeinträchtigt. 

Energisch durchgebissen 

Bereits nach acht Wochen konnte die junge Mutter von Heidenheim in das SRH Fachkrankenhaus Neresheim verlegt werden. „Hier konnte ich in der Nähe meines Sohnes sein, um den sich damals meine Mutter kümmerte.“ In der auf schwerste Schädelhirntraumata spezialisierten Einrichtung wurde Monika Kienle noch einmal klar, dass sie noch Glück im Unglück hatte: „Ich hätte auf beiden Augen blind sein können, immer noch im Koma liegen oder schwere Schädigungen davontragen können.“ Der Austausch mit den vielen Schwerstverletzten hat ihr Kraft gegeben – neben ihrem Glauben und der Fürsorge ihrer Familie.Nach acht Wochen kam Monika Kienle zur Reha ins SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach bei Karls­ruhe. Sechs Monate mühsames Training folgten. „Vor Schmerzen habe ich geschwitzt und geweint, aber es half.“ Den Rollstuhl konnte sie irgendwann gegen Krücken eintauschen, und nach und nach gelang der Weg zurück ins normale Leben. Bereits ein gutes Jahr nach dem verheerenden Autounfall startete Monika Kienle ihre Umschulung bei der AOK zur Bürokauffrau – in ihrem alten Beruf als Drogistin konnte sie aufgrund der Schwerbehinderung nicht mehr arbeiten. 

Von vorne angefangen

„Mit 27 Jahren musste ich zusammen mit jungen Leuten wieder die Schulbank drücken“, erinnert sich Monika Kienle. Sie paukte Mathematik, lernte Stenografie und kämpfte mit ihren Konzentrationsproblemen und ihrem schwachen Kurzzeitgedächtnis als Folgen des Unfalls. Aber sie bestand die Prüfung früher als ihre Mitschüler, ein Jahr wurde ihr erlassen, weil sie ja bereits eine Ausbildung hatte.Trotz des Unfalls, der Spätfolgen und der langen Reha ist Monika Kienle eine lebensbejahende, fröhliche Frau. Sie ist mit sich selbst im Reinen und würde heute ohne zu zögern wieder Ersthilfe bei einem Unfall leisten. Jener 25. Mai ist für sie eine Art zweiter Geburtstag. So wie damals gibt ihr auch heute ihre Familie viel Kraft. Tochter Franziska ist zwölf, ihr Sohn Michael inzwischen 22 Jahre alt. Er arbeitet als Schornsteinfeger. „Und weil er noch zu Hause lebt, habe ich sowieso immer das Glück im Haus.“  

 

Text Frank Hidien
Fotos Patrick Schmidt

„Vor Schmerzen habe ich geschwitzt und geweint, aber es half.“

Monika Kienle, Patientin am SRH Fachkrankenhaus Neresheim

Das SRH Fachkrankenhaus Neresheim

Seit 1995 in Trägerschaft der SRH, ist das SRH Fachkrankenhaus Neresheim (zwischen Aalen und Nördlingen in Baden-Württemberg) mit 50 Betten, 16 Intensivbehandlungsplätzen und einem eigenen OP auf die Behandlung von schwersten Schädelhirntraumata sowie Hirnschädigungen spezialisiert. Das bedeutet, dass – anders als in vielen anderen Kliniken – schon während der Intensivphase, sogar oft bei noch beatmeten Patienten die Rehabilitation losgehen kann. Je früher das passiert, desto besser für den Heilungserfolg. Zur Mobilisierung der Betroffenen setzt die neurologisch-neurochirurgische Klinik modernste Therapiemethoden ein. Als eine von wenigen Einrichtungen in Deutschland bietet das Fachkrankenhaus, das in diesem Jahr 20-jähriges Jubiläum feierte, auch computerassistierte Therapiesysteme.


Ein künstliches Koma wird mittels Schmerz- und Schlafmitteln herbeigeführt. Der Patient wird damit gegen stressbehaftete Reize von außen abgeschirmt, um die Erholung des Körpers zu unterstützen.

Bei einem Wachkoma kommt es aufgrund schwerer Hirnschädigungen zu einem Zustand, in dem der Patient zwar Wachheit zeigt (offene Augen), jedoch kein Bewusstsein nachzuweisen ist. 

Patienten mit einem Locked-in-Syndrom haben ein ungestörtes Bewusstsein, sind jedoch aufgrund einer fast kompletten Lähmung der Muskulatur bewegungsunfähig. Eine Kommunikation ist über Augenbewegungen möglich.

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