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Bildung23.12.2013

DER UNGEWÖHNLICHE WEG EINES TEENIES

PLÖTZLICH ERWACHSEN

Plötzlich erwachsen

Melanie Mang ist mit ihrem Leben mit den beiden Kindern Chantal (r.) und Cheremy zufrieden. Das hat sich die

Melanie Mang ist 14, als sie zum ersten Mal schwanger wird. Mit 19 wird sie erneut Mutter. Trotzdem geht sie ihren Weg: Sie macht den Schulabschluss und beginnt eine Ausbildung – das Mutter-Kind-Angebot des SRH Berufs­bildungswerks ­Neckargemünd unterstützte sie dabei.

Die gleichen großen, grauen Augen, das gleiche verschmitzte Lächeln – fast könnte man die fünfjährige Chantal, die energisch auf ihre Spielzeugwerkbank einhämmert, für die kleine Schwester von Melanie Mang halten. Nur 14 Jahre trennen die beiden voneinander. Eine Zeitspanne, die nicht ausreicht, um erwachsen zu werden, die aber für die junge Frau das Ende ihrer eigenen Kindheit bedeutete. „Ich bereue es keinen ­Augenblick, so früh Mutter geworden zu sein“, sagt die 19-Jährige selbstbewusst.

Beim Erzählen ist ihr noch immer die Wut anzumerken über die Vorurteile von damals, wie sie es nennt. Dass sie es als Teenager nicht schaffen würde, die Doppelbelastung von Mutterschaft und Ausbildung zu meistern. 

Aus der Bahn geworfen

Plötzlich erwachsen

Trotz straffer Organisation und viel Disziplin bleibt Muße für entspannte, innige Momente.

Melanie ist neun Jahre alt, als sich die Eltern trennen. Die Scheidung wirft sie aus der Bahn, das behütete Leben endet abrupt. Die Mutter zieht aus, der berufstätige Vater hat kaum Zeit. In der achten Klasse wird sie schwanger. Chantal wird geboren. Als diese drei Monate und damit alt genug für die Kitabetreuung ist, besucht Melanie wieder die Schule. Mit eisernem Willen zieht sie ihr Vorhaben durch: Am Vormittag drückt sie die Schulbank, am Nachmittag kümmert sie sich um Chantal. Doch dann, Melanie ist fünfzehn Jahre alt, überwirft sie sich mit ihrem Vater. Sie muss aus dem Elternhaus ausziehen. Hartnäckig kämpft sie für eine gemeinsame Zukunft mit Chantal. Verzweifelt sucht sie Hilfe beim Jugendamt; das vermittelt ihr das Mutter-Kind-Projekt im SRH Berufsbildungswerk. Die SRH bietet ihr ein Einzimmerapartment im Mutter-Kind-Wohnheim. „Das war meine Chance. Ich wollte unbedingt eine Ausbildung machen, finanziell auf eigenen Füßen stehen und Chantal ernähren können“, sagt die junge Frau. Das SRH Wohnheim ist ihr neues Zuhause für die kommenden drei Jahre. Es ist nun immer jemand da, der sich um sie und ihre Kinder kümmert, der sie betreut und berät. Außerdem trifft sie dort andere Teenie-Mütter, mit denen sie sich aus­tauschen kann. 

Zudem bietet ihr die SRH eine berufliche Perspektive: Nach einer Orientierungsphase entscheidet sie sich für eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation. Zwar hätte ihr Industriemechanikerin mehr Spaß gemacht, aber Teilzeitstellen sind in dem Beruf kaum zu bekommen, und sie wollte der Kinder wegen zunächst nur halbtags arbeiten.

Windeln wechseln statt Party

Sich einschränken und die eigenen Bedürfnisse hintanstellen, das ist für die junge Mutter der Alltag. Ausgehen und Party machen wie andere Teenager, das ist nicht drin. Ebenso wenig wie shoppen und mal 25 Euro für eine Hose ausgeben – da verzichtet sie lieber und spart das Geld für die Kleinen. „Ich habe Chantal und Cheremy in die Welt gesetzt und möchte für die beiden nun auch Verantwortung übernehmen“, stellt ­Melanie nüchtern fest. Sie fügt aber im gleichen Atemzug hinzu, dass es sich lohne. Die Kinder schenken ihr Freude. Sie geben ihr Kraft und den nötigen Halt. Dafür beißt sie die Zähne zusammen, dafür jongliert sie zwischen Kinder versorgen, Haushalt führen und Beruf erlernen. 

Cheremy wird um sieben Uhr morgens von der SRH Tagesmutter abgeholt. Danach bringt Melanie Chantal in den Kindergarten und geht anschließend zum Unterricht ins Berufsbildungswerk. Um vier Uhr holt sie ihre Tochter vom Kindergarten ab, kurz darauf kommt Cheremy von der Tagesmutter zurück. Dann wird gespielt, gekocht und gegessen. Erst wenn die Kinder im Bett sind, meist zwischen sieben und acht Uhr abends, findet der Teenager Ruhe.

Der straff organisierte Tagesablauf bringt die junge Frau oft an ihre körperlichen und psychischen Grenzen. Rückhalt findet sie bei ihrer Mutter und Freunden, die gelegentlich auf die Kinder aufpassen. Man kauft gemeinsam ein und kocht miteinander. Eine große Stütze ist auch die SRH Tagesmutter, mit der Melanie eine fast freundschaftliche Beziehung pflegt: „Ich kann mir keine bessere vorstellen. Heidi geht auf die Kinder ein, sie berät und hilft. Mit ihr kann ich reden, wenn es mal Probleme gibt“, sagt sie.

Vor einem Jahr ist die 19-Jährige aus dem Mutter-Kind-Wohnheim in eine Zweizimmer-Wohnung gezogen, damit die Kinder und sie jeder seinen eigenen Bereich, eine Rückzugsmöglichkeit haben. Extern zu wohnen, das ist nicht üblich. Doch Melanie, die sich selbst als dickköpfig bezeichnet, hat sich dieses Privileg hart erkämpft und sowohl ihre Betreuer bei der SRH als auch das Jugendamt von der Wichtigkeit dieses Schritts überzeugen können. Im September schloss ­Melanie ihre Ausbildung ab. „Es wird schwer, mit zwei Kindern eine Stelle zu bekommen“, sagt sie. Aber sie ist sehr zuversichtlich, bald einen Job zu finden. Zur Not würde sie übergangsweise als Aushilfe auf 400-Euro-Basis arbeiten. Trotz aller Widrigkeiten hadert sie nicht mit ihrem Schicksal. „Ich bin meinen Weg gegangen, die Kinder haben es gut. Klar, es fehlen ein paar Dinge. Aber es läuft, und ich fühle mich wohl“, resümiert die junge Frau. Ihren großen Traum gibt sie so schnell nicht auf: einmal gemeinsam mit ihren Kindern Urlaub am Meer machen.

Heike Link

SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd

Stationäre und ambulante Dienstleistungen der beruflichen Rehabilitation und Arbeitsmarktintegration für junge Menschen mit besonderem Förderbedarf

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