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Raum zum Wachsen

Reinhold Kern ist Gärtner aus Leidenschaft. Zudem kümmert er sich mit viel Geduld um junge Straftäter, die Sozialstunden ableisten.

Reinhold Kern ist ein Naturbursche. Einer, der zupacken kann – und gerne draußen ist. Der gelernte Landwirt ­arbeitete zunächst auf dem Bauernhof seiner Eltern in Warmtal bei Riedlingen mit. Seit gut sieben Jahren kümmert er sich um die Außenanlagen der SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen. Sein Job: Sträucher beschneiden, Rasen mähen, Beete pflegen und zum Blühen bringen. Zusätzlich betreut er straffällig gewordene Jugendliche aus dem Raum Sigmaringen, die bei der Pflege der Grünflächen in der Klinik ihre Sozialstunden ableisten. Das Krankenhaus fühlt sich als soziale Einrichtung verpflichtet, jungen Menschen diese Chance zu geben und hat bisher gute Erfahrungen gemacht.

Gespür für junge Leute

„Anfangs hatte ich, ehrlich gesagt, Bedenken“, gibt der 46-Jährige zu. „Ich bin ein eher zurückhaltender Mensch und sehe mich nicht als Pädagogen oder Sozialarbeiter.“ Doch bald fand er zunehmend Gefallen an seiner zusätzlichen Aufgabe – und beweist seither ein gutes Händchen im Umgang mit den Heranwachsenden.

Etwa zehn von ihnen betreut Kern pro Jahr. Sie sind meist zwischen 16 und 20 Jahren alt. Viele gehen zur Schule und kommen in den Ferien, um ihre Stunden abzuarbeiten. Reinhold Kern fragt die Jugendlichen selten, was sie ausgefressen haben. Er weiß aber: „Je länger sie bleiben, umso schlimmer war die Straftat.“ Manche müssen lediglich 20 Stunden ableisten, andere 50 bis 60. „Das sind meist harmlosere Fälle, bei denen die Jugendlichen beispielsweise als Mutprobe im Supermarkt mal eine Flasche Alkohol oder einen Lippenstift in der Drogerie mit­gehen lassen“, sagt Betreuer Kern. 

Ab und zu kommen aber auch junge Menschen, die 100 und mehr Stunden bei ihm mitarbeiten müssen. „Die haben dann schon richtig Mist gebaut.“ Oft sind diese Jugendlichen in Schlägereien verwickelt gewesen oder wegen Drogen mit dem Gesetz in Konflikt geraten. 

Verständnis für Fehltritte Reinhold Kern gibt jedem die gleiche Chance, sich zu ­bewähren. Beim Kennenlernen bietet er den Jugend­lichen freundschaftlich das Du an, um eine lockere Arbeitsatmosphäre zu schaffen. „Was sie daraus machen, haben sie selbst in der Hand“, sagt Kern. Gerade in den ersten Tagen muss er den jungen Helfern klare Grenzen setzen. „Manche testen aus, ob sie sich bei mir einen lauen Job machen können. Sie kommen ständig zu spät oder stehen mit dem Smartphone in der Hand da, statt zu arbeiten“, berichtet Kern von seinen Erfahrungen. Kann er die Jugendlichen gar nicht dazu motivieren, vernünftig mitzuarbeiten, bleibt ihm als letztes Mittel nur, den Einsatz abzubrechen. „Das war aber in den vergangenen Jahren nur ein paar Mal nötig“, so der ehemalige Landwirt. 

„Viele junge Leute sind anfangs leider keine ­große Hilfe, weil sie erschreckend wenig Ahnung von Natur und Gartenpflege haben und kaum Blumen oder Pflanzen benennen können“, erzählt Kern. Wie wenig sich manche Jugendliche auskennen, musste der Landschaftspfleger erfahren, als er einer jungen Frau gleich am zweiten Tag ein Beet zum Pflegen überließ. „Am Nachmittag war zwar das Unkraut weg – aber leider auch einige Blumen. Die restlichen Pflanzen waren achtlos platt getreten und abgeknickt“, erzählt er. „Daraus habe ich gelernt.“

Bevor er seine jungen Helfer an die Beete lässt, müssen sie sich erst einmal bei einfachen Tätigkeiten bewähren: „Sie bekommen von mir am ersten Tag einen Besen in die Hand, dürfen die Wege kehren oder Abfall einsammeln.“ Tätigkeiten, die bei den Jugendlichen selten auf Begeisterung stoßen, das weiß auch Kern. Doch dabei zeige sich schnell, wer sich seiner Schuld bewusst ist und das Beste aus seiner Strafe machen will. Beispielsweise das junge Mädchen, das nur eine Party bei sich zu Hause veranstalten wollte, als die Eltern nicht da waren. Die lief komplett aus dem Ruder, und die Polizei musste die Feier beenden. „Sie hat ihre Lektion gelernt und bei mir kräftig mit angepackt“, erinnert sich Kern. 

„Viele Schüler haben erschreckend wenig Ahnung von Natur und Gartenpflege.“

Reinhold Kern, Gärtner an den SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen

Interesse an Pflanzen wecken

Genau diese Begegnungen machen seine Aufgabe zu ­einer echten Bereicherung seines Joballtags: „Es freut mich, wenn ich den einen oder anderen Jugendlichen ein bisschen mit meiner Begeisterung für Natur und Gärtnern anstecken kann.“ Sicherlich sind die meisten Schüler froh, wenn sie ihre Sozialstunden abgeleistet ­haben. „Wer steht schon in den Ferien gerne früh auf, arbeitet den ganzen Tag und bekommt dafür keinen Cent?“, sagt Kern verständnisvoll. Trotzdem ist der Naturliebhaber überrascht, wie viele junge Helfer sich am Ende für die gute Zeit bei ihm bedanken. „Denen sage ich: Du kannst gerne wiederkommen – aber bitte nicht als Wiederholungstäter, sondern als Ferienjobber.“  

 

Text Katja Stricker Foto Thomas Bernhardt

Sozialstunden sind vor allem im Jugendstrafrecht ein Instrument für Straffällige. In der Praxis werden sie bei kleineren Delikten verhängt und müssen in gemeinnützigen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Kindergärten abgeleistet werden.