direkt zum Inhalt

Retter für die schnellen Jungs

Als Unfallchirurg am SRH Krankenhaus Sigmaringen muss Dr. Philipp Wagner schnell die richtigen Entscheidungen treffen. Dabei helfen ihm seine Erfa­hrungen als Rettungsarzt für internationale Auto- und Motorrad-Rennen. 

5 Grad und Nieselregen, nicht gerade Traumwetter für Mitte Juli. Doch Philipp Wagner ist froh über den bewölkten Himmel und die gemäßigten Temperaturen. Er wird den ganzen Sonntag draußen verbringen und dabei einen feuerfesten Overall und einen Helm tragen. Kein ­Vergnügen bei hochsommerlichen Temperaturen. Der 42-jährige Unfallchirurg ist an diesem Wochenende im Sondereinsatz: Beim Motorrad-Grand-Prix auf dem Sachsenring in Hohenstein-Ernstthal gehört er zu einem me­dizinischen Spezialteam für besonders schwere Unfälle.
In dem SUV, den ihnen die Rennleitung zur Ver­fügung gestellt hat, warten Wagner und seine beiden Kollegen in der Boxengasse auf Nachrichten aus dem Kontrollzentrum, der sogenannten Race Control. Ringsum riecht es nach verbranntem Gummi und Benzin. Durch den Lärm vorbeisausender Motorräder ist es oft unmöglich, sich zu unterhalten. Dennoch hoffen alle, dass sie das 500-PS-Gefährt nicht wegbewegen müssen. Denn ein Anruf von der Race Control würde bedeuten, dass ein Fahrer während eines Trainingslaufs oder im Rennen verunglückt ist. So schwer, dass ihm die normalen Notfallärzte, die in acht Rettungswagen entlang der Rennstrecke postiert sind, nicht mehr zuverlässig helfen können. Bleibt ein Sportler zum Beispiel bewusstlos liegen oder besteht Verdacht auf eine schwere Kopf- oder Wirbelsäulenverletzung, rückt in der Regel das Spezialteam aus.

Die richtigen Handgriffe fürs Überleben

Bei Rennsportunfällen wirken wegen der hohen Geschwindigkeit besonders starke Kräfte. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fahrer Helme und Protektoren für den Hals-Nacken-Bereich tragen, die nach einem Unfall schnell, aber richtig entfernt werden müssen, um eine Verletzung nicht noch schlimmer zu machen. Oft stecken die Rennfahrer in der Sicherheitszelle ihres Wagens fest, die den Fahrer zwar schützt, den Rettungskräften jedoch den Zugang erschwert. Ein schneller Einsatz, der weder den Opfern weiteren Schaden zufügt noch die Helfer unnötig in Gefahr bringt, erfordert deshalb ein besonderes Training und einen kühlen Kopf.  Den hat Philipp Wagner auf alle Fälle: „Ich bin Pragmatiker und liebe es, Entscheidungen zu treffen. Manchmal geht es dabei gar nicht darum, ob es jetzt die absolut richtige Entscheidung ist. Wichtig ist, dass jemand einen Weg einschlägt, damit in einer zeitkritischen Situation effektiv gehandelt werden kann. Zeit für lange Diskussionen gibt es nicht“, sagt er. Zusätzliche Sicherheit gibt ihm eine Spezialausbildung für die Erstversorgung von polytraumatisierten Patienten. Patienten, die gleich mehrere tendenziell lebensbedrohliche Verletzungen ­erlitten haben. Als  ATLS-Provider weiß Wagner, wie man Verletzungen systematisch analysiert und nach klaren Prioritäten in der richtigen Reihenfolge versorgt. „­Alles orientiert sich an der Frage, woran der Patient zuerst sterben würde.“ Seit 2013 gibt Wagner sein Wissen sogar selbst als ATLS-Instruktor an Mediziner weiter.Außerdem ist er einer von nur ganz wenigen deutschen Ärzten, die vom Deutschen Motorsportbund, der Fédération Internationale de l’Automobile und ihrem Pendant im Motorradsport, der Fédération Internationale de Motocyclisme, für den Einsatz bei Rennen international zertifiziert sind. Seit 2008 gehört er zum Team der X3 medics, einer privat organisierten Gruppe von Ärzten und Rettungsassistenten, die für Motorsportveranstaltungen als  Extrication Team gebucht werden können.

Unterbewertete Sicherheit

„Ein Job zum Reichwerden ist das nicht“, stellt Wagner klar. Nur einige Wochenenden im Jahr verbringt er tatsächlich an einer Rennstrecke. Das Honorar reiche knapp, um Anreise, Unterkunft und vor allem die regelmäßige Teilnahme an Übungen zu decken. Für Wagner nicht ganz nachvollziehbar: „So eine Rennmaschine kostet leicht eine Million Euro“, sagt er mit Blick auf die vorbeidonnernden Motorräder. „Doch beim medizinischen Personal wird gerne gespart, das zieht leider tendenziell die falschen Leute an“, warnt er und berichtet von Rennen im Ausland, bei denen rennsportbegeisterte Mediziner mit viel Benzin im Blut, aber oft nur wenig Erfahrung eingesetzt werden.Zu den Rennfanatikern zählt sich Philipp Wagner nicht: „Wenn man direkt hinter der Leitplanke steht, ist das hier natürlich schon sehr eindrucksvoll, aber im Fernsehen würde ich mir nie ein Rennen anschauen“, sagt er. Ihn motiviert eher das Fachliche. Vor einigen Jahren, damals arbeitete er noch als Notfallarzt in Erfurt, nahm ihn ein Kollege mal mit zu einem Einsatz auf den Brandenburger Lausitzring. So stieß er zu den X3 medics. 

Sigmaringen profitiert

Hauptberuflich ist Philipp Wagner Oberarzt an der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am SRH Krankenhaus Sigmaringen. Zuvor war der Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und spezielle Unfallchirurgie an einer Klinik in Paderborn und dort auch leitender Notarzt. Für den Job ist der gebürtige Norddeutsche Mitte 2015 mit seiner ­Familie auf die Schwäbische Alb gezogen. „Ich komme ursprünglich aus einem Dorf in der Nähe von Lüneburg. 4.000 Einwohner und 5.000 Kühe. Das passt schon“, sagt er lächelnd über sein neues ländliches Umfeld. In seiner Freizeit geht er Tauchen oder Skilaufen und freut sich deshalb über die nahen Berge und den Bodensee. 

Auf dem Sachsenring geht an diesem Wochenende alles glatt, und auch sonst musste Philipp Wagner einen „schwer verletzten“ Rennfahrer zum Glück bisher nur bei Übungen bergen. Sein größter Lohn ist die Sicherheit, im Ernstfall genau zu wissen, worauf es ankommt: „Das Training für die Rennstrecke kommt im Alltag unseren Un­fallpatienten in und um Sigmaringen zugute.“

Text Kirstin von Elm

Foto Marc Holzner

Um für den Einsatz auf Rennsportveranstaltungen gerüstet zu sein, trainieren Dr. Philipp Wagner und seine Kollegen regelmäßig jeden Handgriff einer Rettung an den neuesten Rennwagen-Cockpits.

SRH Kliniken auf der Schwäbischen Alb

Die SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen GmbH betreibt drei moderne Krankenhäuser in Sigmaringen, Pfullendorf und Bad Saulgau mit insgesamt rund 560 Betten. Rund 1.300 Mitarbeiter versorgen pro Jahr etwa 20.000 Patienten. Zum Unternehmen gehören außerdem Medizinische Versorgungszentren in Sigmaringen, Bingen, Bad Saulgau und Albstadt und mit dem Annahaus ein Fachpflegeheim für Menschen mit chronisch psychischen Erkrankungen.

www.kliniken-sigmaringen.de 

ATLS steht für Advanced Trauma Life Support und ist ein weltweit eingesetztes Ausbildungskonzept für Ärzte aller Fachrichtungen. Darin lernen sie standardisierte diagnostische und therapeutische Handlungsabläufe in der Erstversorgung von schwerstverletzten Patienten. Entwickelt wurde ATLS in den 1970er-Jahren in den USA auf Anregung eines US-amerikanischen Unfallchirurgen, der mit seiner Familie verunglückt war und die Erstversorgung als mangelhaft erlebt hatte. Für Pflegekräfte gibt es eine ähnliche Ausbildung: Advanced Trauma Care for Nurses, kurz ATCN.

Extrication kommt vom englischen „extricate“ – bergen, herausziehen. Extrication Teams bestehen aus Ärzten, Rettungs­assistenten und Notfallsani­tätern. Sie retten Verletzte aus Rennwagen. Für diese speziellen Fahrzeuge braucht es besonderes Fachwissen und regelmäßige Übung, um Unfallopfer sicher und schnell retten zu können. Extrication Teams werden von den Rennsportverbänden zugelassen und müssen sich einmal jährlich rezertifizieren lassen.

Weitere Artikel "Bildung"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Bildung" finden Sie hier

Weitere Artikel "Gesundheit"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Gesundheit" finden Sie hier