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Schicksal? Schreiben!

Marina Obert hat Multiple Sklerose, begleitet von einem schweren Müdigkeitssyndrom. Statt sich unter­kriegen zu lassen, findet die 23-Jährige Erfüllung darin, Gedichte zu schreiben. 

Mit 20 hat man viele Träume. Marina Obert ist glücklich verliebt, seit einem halben Jahr wohnt sie mit ihrem Freund Martin zusammen im badischen Endingen. Die Trennung der Eltern und eine belastete Kindheit in bescheidenen Verhältnissen liegen hinter ihr. Bald will sie ihre Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau abschließen und endlich auf eigenen Füßen stehen. Diese Aussicht spornt an. 
Und dann, von einem auf den anderen Januartag, stimmt etwas nicht. Marina Obert senkt ihren Kopf, und ein Taubheitsgefühl durchzieht ihren Körper. In Panik sucht die junge Frau den Hausarzt auf. Der renkt ihren Halswirbel ein, das viele Sitzen am Schreibtisch muss schuld sein. Doch in den folgenden Monaten will der Körper immer wieder nicht so wie der Kopf. Oder ist es etwa umgekehrt?
Mehr als drei Jahre ist das nun her, aber die Chronologie hat sich bei Marina Obert eingeprägt: Im Februar und März schwere Probleme mit Blase und Verdauung, im April unerklärliche Stürze beim Inline-Skaten. Gerade das konnte sie immer so gut, sogar auf einem Bein. Plötzlich fällt sie alle zwei Meter hin. Eines Abends, beim Spaziergang mit ihrem Freund, kann sie nicht mehr geradeaus laufen. Doch für Krankheit ist gerade keine Zeit, die Abschlussprüfungen stehen vor der Tür. Marina Obert vereinbart erst für Mitte Mai einen Arzttermin – nach dem schriftlichen Examen. Die Probleme mit Gleichgewicht und Blase verschlimmern sich. „Aber“, sagt sie, „ich wollte das durchziehen.“ Mit 1,68 Meter und knapp über 50 Kilo ist sie eine zierliche Person, doch Freunde kennen sie als Kämpferin. „Wie du das geschafft hast!“, heißt es oft. Realschulabschluss, Führerschein, die erste eigene Wohnung – alles ohne Hilfe der Eltern. 
Jetzt torkelt Marina Obert buchstäblich zu ihren Prüfungen und hofft, dass sie niemand für betrunken hält. Der Zeugnisschnitt wird am Ende gut – der Hausarzt schreibt nach wenigen Minuten die Überweisung an 
den Neurologen: „Verdacht MS.“

Fast jedem werden im Leben Steine in den Weg gelegt, aber nicht immer werden sie schnell wieder weggefegt. Bei manchen liegen schwere Steine, manche haben leichte oder fast keine. Manche Steine kann man aus dem Weg räumen und wieder andere kann man sich nur wegträumen.

Marina Obert

 

Eine Diagnose, die nicht ins Leben passt

Marina Obert kann damit wenig anfangen. Ihr fällt die ARD-Serie „Sturm der Liebe“ ein, die sie als Kind im ­Fernsehen gesehen hat. „Da war einer im Rollstuhl mit Multipler Sklerose“, erinnert sie sich. Die Untersuchung in der Freiburger Uniklinik liefert harte Fakten. Marina Obert steht am Krankenhausfenster, die Gedanken überschlagen sich: „Wie geht mein Leben weiter …? Ich will mich nicht jahrelang spritzen oder ein Medikament nehmen, das mich täglich an die Krankheit erinnert …“ Doch natürlich gibt es kaum Alternativen. Schließlich schluckt sie alle zwei Tage Tabletten. Die Krankheit macht sie schlapp, dazu gesellt sich bleierne Müdigkeit in Kopf und Gliedern – eine Nebenwirkung des Medikaments. Die Ärzte empfehlen dringend eine Rehabilitation. Marina Obert aber will unbedingt von ihrem Ausbildungsbetrieb Deutsche See Fischmanufaktur in Freiburg übernommen werden. Bei der Arbeit erzählt sie wolkig etwas von „Entzündung des zentralen Nerven­systems“. Als Telefonverkäuferin nimmt sie Bestellungen von Kunden aus Einzelhandel und Gastronomie auf, dazu vertritt sie Kollegen in Administration oder Wareneinkauf. Ein Jahr lang hält sie durch. Dann werden Hand und Arm rechtsseitig taub, die Symptome dauern mehr als 24 Stunden an, trotz der Medikamente. Ein neuer Schub, weiß Obert. Die Krankheit lässt sich nicht verdrängen.

 

Mit Worten andere erreichen

Zwei Reha-Aufenthalte in Gailingen sind wie ein Befreiungsschlag. Marina Obert trainiert ihren Gleichgewichtssinn, die Muskulatur von Beinen, Armen, Bauch und ­Rücken. Endlich geht es nur um ihre Gesundheit. Und sie lernt Gleichgesinnte kennen, die ihr wie eine Familie sind. Hier traut Marina Obert sich zum ersten Mal, aus ihrer Gedichtsammlung vorzulesen. Schon lange schreibt sie sporadisch. Doch seit der Diagnose hat sie immer einen Block dabei, um ihre Gedanken festzuhalten. „Mir fällt es leicht, mich so auszudrücken“, sagt die 23-Jährige.
Ihre Zuhörer sind berührt von der Tiefe der jungen Frau. Marina Obert ist beglückt, dass sie „Menschen mit ihren Gedichten erreichen und begeistern kann.“
Für sie eröffnet sich damit eine Kraftquelle, die ihr über einen derben Rückschlag hinweghilft. Aus Gailingen wird sie mit der Empfehlung für eine Halbtagstätigkeit entlassen. Doch die Arbeitserprobung im SRH Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrum Karlsbad zeigt, dass Marina Obert vorerst voll erwerbsgemindert ist. Testweise erledigt sie kaufmännische Aufgaben wie Bestellzettel aus­füllen, Vorgänge heraussuchen, Warenverpackung an­weisen. Einzeln alles kein Problem, aber das Multitasking für ein, zwei Stunden am Stück, das schafft sie nicht mehr. Zu müde, zu langsam, zu unkonzentriert. Marina Obert fühlt sich „wert- und nutzlos in der Welt“. „Mir geht es nicht ums Geld“, sagt sie, „ich will zeigen, dass ich etwas kann.“ 
Gespräche mit dem Psychologen und der Kunstlehrerin in Karlsbad richten sie langsam auf, bestärken 
sie darin, weiter zu schreiben. Genauso ihre Mitpatienten: „Marina, woher weißt du, was ich fühle?“, fragt einer nach einer Lesung. Marina Obert fährt mit einer neuen Perspektive nach Hause. Begeistert hat sie mittlerweile den Fernstudiengang „Das lyrische Schreiben“ absolviert, ihr zweiter Gedichtband ist vor Kurzem im Eigenverlag erschienen. „Die Dichterei ist für mich Lebensaufgabe geworden“, sagt sie.
Mit ihrem Freund Martin ist sie im Juni das erste Mal geflogen, nach Fuerteventura. „Trotz Handicap kann man ein schönes Leben haben“, sagt sie. Die Krankheit sieht sie inzwischen als Chance für Veränderung. Wenngleich vieles erschwert ist, zum Beispiel die Familiengründung – Martins und Marinas Traum. Und dann hat sie noch einen: „Schriftstellerin werden und noch mehr Menschen erreichen.“ 

Text Liane Borghardt

Foto Silke Wernet

Zum Neustart nach Karlsbad-Langensteinbach

Das Berufliche Bildungs- und Rehabilitationszentrum der SRH in Karlsbad unterstützt Menschen nach einer psychischen oder neurologischen Erkrankung beim beruflichen Neuanfang. Mit Belastungserprobungen aus der Praxis wird die geistige, körperliche und psychische Leistungsfähigkeit ermittelt. Passend zu Belastbarkeit und persönlichen Stärken werden Teilnehmer dann auf eine berufliche Ausbildung oder Tätigkeit vorbereitet.

www.bbrz-karlsbad.de

Multiple Sklerose (MS) 
ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems und neben Epilepsie eine der häufigsten neurologischen Krankheiten bei jungen Erwachsenen. Durch die Entzündung wird die Marksubstanz in den Nervenbahnen geschädigt, die Nervenleitungen werden beeinträchtigt und es kommt zu neurologischen Ausfällen. Bei mehr als einem Drittel beginnt die Erkrankung mit Gefühlsstörungen: Arme oder Beine fühlen sich taub an, oder es kribbelt auf der Haut. MS führt nicht zwangsläufig zu schweren Behinderungen: Die Mehrzahl der Patienten kann auch Jahre nach Erkrankungsbeginn noch laufen. Der Verlauf der Krankheit kann günstig beeinflusst werden, heil­bar ist MS aber nicht.

Die Gedichtbände „All­­tagsgedichte für Jung und Alt“ und „Gedichte rund ums Leben“ kön­nen bestellt werden per E-Mail an buchdruck@mawesoft.com. Reinschnuppern lässt sich auf Marina Oberts Blog: marinasgedichte.wordpress.com

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