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Bildung10.06.2011

Studierende helfen Opfern

Schreiben statt Schweigen

Am 11. März 2009 tötet der Amokläufer Tim K. aus Winnenden 15 Menschen und sich selbst. Die jugendlichen Überlebenden der Albertville-Realschule brechen jetzt ihr Schweigen – und schreiben ein Buch. Studierende und Dozenten der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien Calw begleiten sie dabei.

Martina*, 19, kämpft – mit ihrer Trauer und ihrem Stift. Ein Blatt Papier liegt vor ihr. Heute will sie aufschreiben, was sie schon lange mit sich herumträgt. Sie will. Doch es gelingt ihr nicht. Noch nicht. Neben ihr kaut der zwölfjährige Felix an seinem Bleistift. Er hat seine Geschichte schon im Kopf – aber wie soll der erste Satz lauten? Im Nebenraum erzählen sich Andrea, Simone und Isabel, wie sie mit ihren Ängsten umgehen, die sie seit dem Amoklauf begleiten.

Martina, Felix, Andrea, Simone, Isabel: fünf von 36 Jugendlichen – Mitschüler, Geschwister oder Freunde der Opfer des Amoklaufs von Winnenden –, die sich an diesem Samstagnachmittag im Schulpavillon der Realschule eingefunden haben. Sie sind gekommen, um eine Vergangenheit zu beschreiben und zu verarbeiten, die quälend gegenwärtig ist. Sie wollen „schreiben statt schweigen“.

Platz für Hoffnung schaffen

Rückblende: Am Mittwoch, den 11. März 2009, betritt der 19-jährige Tim K. die Albertville-Realschule. In zwei Klassenzimmern und einem Chemiesaal eröffnet er das Feuer. Neun Schüler und eine Lehrerin sterben, zehn Personen werden verletzt. Der Amokläufer flüchtet zu Fuß. Fünf weitere Menschen sterben auf seiner Flucht. Schließlich richtet sich der Täter selbst. 112 Schüsse hat er insgesamt abgefeuert.

Der Schock sitzt tief. „Hier gibt es 15-Jährige, die ihre Freundin sterben sahen“, erzählt der Religionspädagoge der Albertville-Realschule, Martin Gerke. „Andere lagen unter ihren toten Klassenkameraden, unfähig, sich im Schock zu bewegen“, berichtet sein Kollege Heinz Rupp. Gemeinsam betreuen die beiden Pädagogen die Kinder und Jugendlichen. Ihre Aufgabe: diese ins Leben zurückzubegleiten. Doch wie macht man das? Wie hilft man jungen Menschen, deren Leben durch 112 Schüsse aus den Fugen gebrochen ist? Psychologische Betreuung und Trauerarbeit sind das eine; zum Loslassen gehört mehr. Darum sitzen die 36 Schüler an diesem Nachmittag hier. Heute sollen ihre ersten Texte entstehen – in denen sie dem Leid Ausdruck verschaffen und der Hoffnung Platz geben können.

Helfer stehen ihnen zur Seite: Bernd Friedrich vom Verlag der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart hat sich bereit erklärt, das Buch kostenlos zu produzieren. Und die SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien Calw ist ebenfalls mit dabei – sechs Studierende und Dozenten sind als ehrenamtliche Schreib-Coaches gekommen. Sie sollen den Jugendlichen helfen, ihre Schreibblockaden abzulegen und sich die Angst von der Seele zu schreiben.

Menschlich wachsen

Anja Mertens, Studentin für Medien- und Kommunikationsmanagement und selbst Mutter von zwei Kindern, nimmt die Jüngsten unter ihre Fittiche – acht 12- bis 14-jährige Jungen und Mädchen. „Sie wussten erst nicht so recht, was sie schreiben wollten – und wie sie es anfangen sollten“, erzählt Mertens. Daher wendet sie einen Kniff an, den sie im Studium kennengelernt hat: Ein Brainstorming soll die erstarrten Gedanken lösen. Mertens lässt die Kinder Wörter nennen, die sie beschäftigen: „Trauer“ steht da plötzlich an der Tafel, „Tod“, „Blut“, „Angst“ und „Warum?“. Die Kinder beginnen, von den schrecklichen Ereignissen zu erzählen; plötzlich fällt ihnen ganz viel ein. Als die ersten Wörter auf dem Papier stehen, sind sie nicht mehr zu bremsen. Manche verfassen gleich mehrere Texte. Mertens berührendstes Erlebnis? „Ein Mädchen weinte immer wieder, schrieb unter Tränen weiter. Und nachdem sie ihre Ängste aufgeschrieben hatte, lächelte sie mich erleichtert an.“ Ihr Fazit der ungewöhnlichen Projektarbeit: „Den Kindern hat das Schreiben gutgetan – und ich freue mich, dass ich dabei sein durfte und ihnen helfen konnte.“

Die übrigen Studierenden machen ähnliche Erfahrungen. In der Gruppe von Raphael Richter beugen sich sieben Mädchen über ihre Blöcke – sie haben nach kurzem Gespräch die Scheu vor dem Blatt Papier verloren, vertrauen ihm ihre Gedanken an. Richter geht von einer Schülerin zur nächsten, ermuntert, spinnt mit einer Autorin den roten Faden ihrer Geschichte weiter. „Wir geben Schreib- und Kreativtechniken, die wir im Studium gelernt haben, an die Schüler weiter“, erklärt sein Kommilitone Michael Brüggemeier. „Toll, zu erleben, wie man mit dem, was man selbst gelernt hat, andere inspirieren kann.“ Und so fließen die Gedanken, werden Ideen zu Gedichten, Briefen, Erzählungen, Textcollagen. Über 50 verschiedene Texte entstehen an diesem einzigen Nachmittag.

Endlich loslassen

Die Studierenden sind von ihren Dozenten auf ihre Aufgabe vorbereitet worden. Was tun, wenn die Erinnerung übermächtig wird? Wenn ein Mädchen oder Junge angesichts der Bilder von damals zusammenklappt? Auch die Psychologen stehen bereit, müssen nur ein einziges Mal eingreifen. „Ich bin stolz auf unsere Studierenden“, sagt Dozentin Eva-Maria Waas. „Sie haben eine menschlich wie fachlich schwierige Aufgabe mit großem Feingefühl gemeistert. Was sie hier gelernt haben, werden sie nicht vergessen.“

Das bestätigt auch Brunhilde Mild: „Es ist unfassbar, was diese Jugendlichen mitgemacht haben. Ich habe Texte gelesen, die mir jetzt noch das Blut in den Adern gefrieren lassen“, berichtet die Studentin. „Und doch: Nach diesem Tag gehen sie aus dem Raum, fröhlich und mutig, – und bieten allem, was sich ihnen in den Weg stellt, die Stirn!“

Martina hat die Erinnerung zu sehr eingeholt. Die Betreuer holen sie aus der Schreibgruppe, hören zu, stillen ihre Tränen. Will sie weiterschreiben? „Deshalb bin ich doch gekommen!“, sagt sie fast trotzig. Dann geschieht es: Mit einem Mal fegt ihr Stift über das Papier. Ohne Pause verfasst sie einen Vier-Seiten-Brief an ihre tote Schwester. Ein Dokument der Trauer, der Liebe – und unendlicher Hoffnung. „Wir sind drei Geschwister. Das wird immer so sein. Die Erinnerung an dich kann mir keiner nehmen“, steht dort. Schließlich ein Satz der Befreiung: „Darf ich lachen, darf ich fröhlich sein? Glücklich? Ich denke, du möchtest, dass ich lebe, dass wir alle unser Leben weiterleben, auch wenn du nicht mehr bei uns sein kannst. Ich werde versuchen, das, was du mir beigebracht hast, weiterzugeben, dem Leben eine Chance zu geben.“ Dann lehnt sich Martina erschöpft zurück. Sie weint nicht mehr. Sie hat endlich losgelassen.

Prof. Dr. Christoph Fasel

 

*Alle persönlichen Angaben sind zum Schutz der Personen verändert.

Das Buch „Schreiben statt Schweigen“ erscheint im Sommer 2011. Die Einnahmen fließen in die Betreuung der Jugendlichen.

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