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Siegerin geblieben

Alkoholabhängigkeit gilt als Krankheit und kann jeden treffen. Dennoch werden Betroffene oft stigmatisiert. Jessica Friedrich hat ihre Sucht überwunden. Heute macht sie mit ihrer Geschichte anderen Mut.

Der Wendepunkt liegt rund drei Jahre zurück. Damals schaffte Jessica Friedrich (Name geändert) es mit letzter Kraft in den wartenden Krankenwagen. Nach Jahren 
des Alkoholmissbrauchs und der Sucht war die damals 46-Jährige körperlich am Tiefpunkt. Zwei Tage lang hatte sie von Brechkrämpfen geschüttelt im Bett gelegen, konnte weder Nahrung noch Flüssigkeit bei sich behalten, bis ihr Mann schließlich den Notarzt rief: „Ich habe gedacht, das überlebe ich nicht“, sagt Friedrich heute. Rückblickend war das alarmierende Erlebnis ihre Rettung, denn es half der berufstätigen Mutter, dem Alkohol endlich den Kampf anzusagen. Beim Einsteigen in das wartende Fahrzeug wusste sie: „Der Schritt in dieses Auto wird der erste Schritt in dein neues Leben.“
Sich die eigene Sucht einzugestehen und profes­sionelle Hilfe anzunehmen, fällt Betroffenen meist schwer. So auch Jessica Friedrich. „Ich musste erst ganz unten sein, um wirklich etwas zu ändern“, gibt sie offen zu. Zwölf Jahre lang gehörte der Alkohol zu ihrem Leben und zerstörte es fast. Denn um alkoholabhängig zu werden, braucht es keinen besonderen Schicksalsschlag. Der Weg in die Abhängigkeit beginnt meist schleichend, wie die ehemalige Suchtpatientin heute weiß. 
Lange Zeit war ein Glas Wein oder Sekt für die ­gebürtige Erfurterin etwas Besonderes. Erst ab Mitte 30, als stellvertretende Leiterin eines mittelständischen Geschäftes, wurde ihr Leben hochprozentiger. Zu geschäft­lichen Terminen gehörten jetzt gutes Essen und alko­holische ­Getränke, auch privat stießen die Kollegen oft mitein­an­der an. „Die konnten alle viel vertragen“, erzählt Jessica Friedrich. Sie selbst genoss Wein und Sekt zunehmend zur ­Entspannung oder als wohlverdiente Belohnung nach einem anstrengenden Tag. „Anfangs habe ich mich ­dadurch leicht gefühlt, stark und inspiriert“, erklärt sie.

Trocken zu bleiben wird für mich immer eine Herausforderung sein.

Jessica Friedrich

 

Ein langsamer Abstieg

Doch die Dosis stieg: Irgendwann griff Jessica Friedrich täglich zur Flasche, auch tagsüber. Gelegentliche Versuche, ihren Konsum zurückzuschrauben, misslangen. „Es blieb nie bei einem Glas Wein. Wenn in der Flasche noch etwas übrig war, hatte ich keine Ruhe“, erinnert sie sich. Trotz zunehmender Abhängigkeit funktionierte sie im Alltag, ging zur Arbeit und erledigte den Haushalt. Auch ihr Mann und ihr Sohn versuchten, den Anschein der Nor­malität zu wahren, erfanden Ausreden und vermieden es, Besuch einzuladen.„Richtig schlimm wurde es in den letzten zwei ­Jahren“, erinnert sich die heute 49-Jährige. Mittlerweile trank sie fast stündlich Schnaps und Wein, die Flaschen versteckte sie im Wäschekorb, nachts litt ihr Körper unter heftigen Entzugserscheinungen. Doch erst die drama­tische Nahtod-Erfahrung und der bittere Krankenhaus­aufenthalt brachten sie zum Einhalten. Weil auf der Entgiftungsstation damals kein Bett mehr frei war, wurde Jessica Friedrich für einige Tage in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht. „Meine Bettnachbarin hat von Marsmännchen gesprochen – wie im Film! So wollte ich auf keinen Fall enden“, sagt sie.

Noch im Krankenhaus besorgte sie sich Prospekte von Therapieeinrichtungen und nahm an den ersten Gesprächskreisen teil. Denn fast noch wichtiger als die physische Entgiftung ist die psychische Aufarbeitung der Sucht. Über die Rentenkasse beantragte Friedrich eine Sucht­therapie, die sie fünf Monate später in der Burgenlandklinik antreten konnte. Die schön gelegene kleine Klinik hatte sie sich ganz bewusst ausgesucht und vorab bei ­einem Besichtigungstermin bereits ihre Therapeutin kennengelernt: „Das hat mich während der Wartezeit sehr motiviert, und ich habe mich auf den Aufenthalt gefreut.“

Immer wachsam bleiben

Heute, fast drei Jahre nach ihrer Reha, führt Jessica Friedrich ein glückliches und gesundes Leben. Ihre Ehe hat ­gehalten, nicht zuletzt, weil ihr Mann alle nötigen Veränderungen bereitwillig mitträgt. „Mein Zuhause ist meine Oase“, sagt sie. Hier gibt es keinen Tropfen Alkohol, auch nicht versteckt in Torten oder Pralinen. Nicht einmal Wein- oder Schnapsgläser stehen noch im Schrank. Anders als früher hat Jessica Friedrich inzwischen ihr privates Lese- und Bastelzimmer als Rückzugsort. Für ihr Körpergefühl unternimmt sie ausgedehnte Spaziergänge und Radtouren – ohne sich dabei negativen Druck zu machen. Sie ernährt sich gesund und hat zwölf Kilo abgenommen, ein schöner Nebeneffekt. Und sie geht wieder arbeiten – 25 Stunden die Woche, mehr wäre derzeit noch zu viel.Auch wenn ihre Therapeutin sagt, dass sie sehr gute Chancen habe, weiß Jessica Friedrich, dass „trocken bleiben“ für ehemals Abhängige immer eine Herausforderung bleibt. Zu ihrer persönlichen Durchhalte-Strategie, die sie während der Therapie erlernt hat, gehören die Notfallkarten: eine Sammlung von mittlerweile 50 laminierten Pappkärtchen, auf denen sie Erfolgserlebnisse, Glücksmomente und motivierende Gedanken notiert hat. „In Stress-Situationen, wo das Verlangen nach Alkohol groß wird, helfen sie mir, mich zu erden“, erklärt sie. Alle drei bis sechs Monate fährt sie außerdem nach Bad Kösen, um dort vor Suchtpatienten zu sprechen: „Ich möchte anderen ein positives Beispiel aufzeigen und sie motivieren“, sagt Friedrich. „Und es hilft mir selbst, diszipliniert und wachsam zu bleiben.“ Eine schlaue Art, der Versuchung ein Schnippchen zu schlagen. 

Von Kirstin von Elm

Infotelefon zur Suchtvorbeugung der Bundeszentrale für 
gesundheitliche Aufklärung (BZgA): 0221/89 20 31

Die Burgenlandklinik gehört zur SRH und liegt im Kurort Bad Kösen in Sachsen-Anhalt. Sie ist spezialisiert auf seelische und körperlich-seelische (psychosomatische) Erkrankungen. Neben Alkoholabhängigkeit werden beispielsweise auch Depressionen, Burnout, Angst- oder Essstörungen sowie chronische Schmerzen ohne klaren körperlichen Befund behandelt. Alle Patienten sind in einem der 112 Einzelzimmer untergebracht. Eine Entwöhnungstherapie dauert in der Regel zwölf bis 18 Wochen und wird bei der Rentenkasse beantragt. 
www.burgenlandklinik.de

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