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Gesundheit24.11.2011

Schüler sagen Nein zu Alkohol und Co

Stark ohne Drogen

Gegen das Teufelchen in uns: SODA will Jugendliche stark machen, damit sie den falschen Versprechungen von Drogen widerstehen.

Jährlich werden in Deutschland rund 20.000 Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren wegen Alkoholvergiftung stationär behandelt. Das SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach hat gemeinsam mit dem ortsansässigen Schulzentrum, der Suchtberatung Ettlingen und der Polizei das Projekt SODA gestartet. Dieses klärt Schüler über die Folgen von Alkohol- und Drogenkonsum auf – ohne erhobenen Zeigefinger.

„Am Anfang hat es einfach nur Spaß gemacht, mit meinen Freunden zusammenzusitzen, zu trinken und zu kiffen“, erzählt Klaus Neumeier (Name geändert). Er blickt in die Runde. „Und wann bist du süchtig geworden?“, fragt ein Junge. Gespannt schauen die zwölf Achtklässler Neumeier an. Es ist mucksmäuschenstill. Der 22-Jährige überlegt einen Moment: „Ich weiß auch nicht, es gab keinen besonderen Punkt.“

Mit 14 fand Neumeier es cool, Alkohol zu trinken. Betrunken fühlte er sich gut, vergaß seine Schüchternheit. Irgendwann fand er es normal, zur Flasche zu greifen, wenn er „gut drauf“ sein wollte. Der Rausch wurde Neumeiers Zuflucht – und Hölle zugleich. Seine Sucht machte ihn depressiv, zahlreiche Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken folgten. In­zwischen ist er abstinent, leidet aber noch immer an De­pressionen. Neumeier hat keine berufliche Ausbildung, keine stabilen sozialen Beziehungen. In der Psychiatrie des SRH Klinikums Karlsbad-Langensteinbach lernte er andere Jugendliche kennen, die Ähnliches erlebt haben. Heute kann er dank der Therapie den SODA-Teilnehmern seine Geschichte erzählen und ihnen die Folgen einer Sucht hautnah vor Augen führen.

Präventiv wirken

Solche Gespräche mit Patienten sind ein wichtiger Bestandteil des „Stark Ohne Drogen Aktionsprogramms“, kurz SODA. „Wir achten darauf, dass der Patient jung ist. So akzeptieren die Schüler ihn eher und auch das, was er erzählt“, erklärt Prof. Dr. Matthias Weisbrod, der die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des SRH Klinikums Karlsbad-Langensteinbach leitet. In seinem Team entstand die Idee zu SODA. „Auslöser war die Tatsache, dass immer mehr Jugendliche mit drogeninduzierten psychiatrischen Erkrankungen, vor allem Schizophrenien, zu uns kommen. Das liegt zum einen daran, dass sich die Zusammensetzung vieler Drogen verändert hat. So wächst beispielsweise das Risiko, von Cannabis schizophren zu werden“, erklärt Weisbrod. „Zum anderen nehmen viele Jugendliche inzwischen verschiedene Drogen: Speed, um fit zu sein, Ecstasy, um mit anderen leichter in Kontakt zu kommen, und Cannabis, um wieder herunterzukommen.“

Weisbrod und sein Team holten das Schulzentrum Karlsbad-Langensteinbach, die Suchtberatung der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe in Ettlingen, die Polizei und die Abteilungen für Innere Medizin sowie für Öffentlichkeitsarbeit ins Boot. Gemeinsam starteten sie im Juli 2008 ­SODA, mit den Schwerpunkten Alkohol- und Cannabismissbrauch. Fünfmal im Jahr kommen insgesamt etwa 300 Achtklässler von Gymnasium, Real- und Hauptschule ins SRH Klinikum. SODA setzt bei den 14-Jährigen an, da viele in diesem Alter zum ersten Mal Drogen probieren. Und je früher ein Jugendlicher regelmäßig Alkohol konsumiert, desto größer ist sein Risiko, süchtig zu werden und später auch illegale Drogen zu nehmen. „Unser Ziel ist, präventiv zu wirken und vor allem jene Jugendlichen zu stärken, die noch nicht dramatisch gefährdet sind“, erklärt Weisbrod. „Durch Wissen möchten wir sie selbstbewusster machen. Sie sollen dazu stehen können, wenn sie keine Drogen nehmen.“ Er hofft zudem, dass SODA ein positives Bild der Psychiatrie vermittelt und Berührungsängste lindert. „Es existieren noch immer starke Vorurteile. Durch SODA sehen die Schüler, was wir tun. Das hilft uns, Psychiatrie zu entstigmatisieren.“ SODA versucht daher, möglichst nahe an der Erlebniswelt der Jugendlichen zu sein und Dinge nicht nur zu beschreiben, sondern sie tatsächlich erlebbar zu machen – etwa wie es ist, seine Umwelt betrunken wahrzunehmen.

Ein trauriger Spitzenplatz

In Deutschland liegt das Durchschnittsalter für den ersten Alkoholrausch bei 13,8 Jahren. Mehr als ein Drittel der 15-jährigen Mädchen und fast die Hälfte der 15-jährigen Jungen trinken mindestens einmal pro Woche Alkohol. Zehn Prozent der 12- bis 15-Jährigen geben an, in den letzten Monaten mindestens einen Alkoholrausch erlebt zu haben, bei den 16- bis 19-Jährigen sind es 30 Prozent. Damit nimmt die Bundesrepublik im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz ein. 32 Prozent der 12- bis 15-Jährigen haben zudem schon einmal eine illegale ­Droge, meist Cannabis, konsumiert.

Die Folgen am eigenen Körper spüren

Unbeholfen versucht Daniela, einen Schlüssel vom Boden aufzuheben. Sie greift immer wieder daneben. Einige ihrer Mitschüler lachen. Schließlich hat Daniela doch Erfolg; triumphierend hält sie den Schlüssel hoch. Der Polizist nimmt ihr die große Brille von der Nase, die wie eine Taucherbrille aussieht. „Diese sogenannte Rauschbrille verzerrt die Umwelt, lässt euch alles doppelt sehen und Entfernungen falsch einschätzen. Das verzögert eure Reaktionszeit, ähnlich wie mit 0,8 bis 1,8 Promille“, erklärt er. Ein Schüler nach dem anderen setzt die Brille auf, versucht, etwas vom Boden aufzuheben oder eine weiße Linie auf dem Boden entlangzulaufen. „Es war spannend, selbst zu erleben, wie unbeholfen man ist. Wenn das echt so ist, dann ist das ganz schön gefährlich“, sagt einer von Danielas Mitschülern hinterher.

SODA besteht aus mehreren Elementen. Zunächst füllen die Schüler anonym Fragebögen aus, in denen es um ihr eigenes Suchtverhalten geht. Die Suchtberatungsstelle wertet die Bögen aus und passt die Themen, die im Rahmen des Projekts besprochen werden, an die persönlichen Erfahrungen an. Nach der Vorbereitung im Unterricht machen die Schüler eine Exkursion ins SRH Klinikum. Aufgeteilt in Gruppen aus maximal 15 Personen durchlaufen sie verschiedene Stationen: Sie probieren die Rauschbrille aus, unterhalten sich mit einem Suchtpatienten sowie mit Psychiatern und Psychologen und erfahren viel über Suchtmechanismen und psychische und physische Folgekrankheiten. „Natürlich haben sie auch die klassischen Witze gemacht wie: ‚ Jetzt sind wir auch hier gelandet’. Doch während der Veranstaltung haben sie konzentriert zugehört und viel gefragt“, erzählt Weisbrod.

Durch Wissen möchten wir die Jugendlichen selbstbewusster machen. Sie sollen dazu stehen können, wenn sie keine Drogen nehmen.

Prof. Dr. Matthias Weisbrod

Für eine drogenfreie Zukunft

Wie viel Erfolg SODA hat, ist wissenschaftlich nicht belegt. Doch die Rückmeldungen sind positiv. „Unsere Schüler sind nachdenklich und nehmen das Thema Drogen ernster als zuvor“, erklärt Christiane Schwarz, Lehrerin an der Hauptschule Langensteinbach. „Am meisten haben sie das Gespräch mit dem Patienten, seine Offenheit und die Rauschbrille beeindruckt.“ Fast alle hätten außerhalb der Schule mit Freunden und Eltern über SODA gesprochen und fänden das Projekt „cool“. Das zeigen auch ihre Antworten in den abschließenden Fragebögen. Ein Schüler schrieb: „An SODA sollten alle achten oder sogar schon die fünften Klassen teilnehmen. Es gibt Schüler, die schon in unserem Alter dealen und gar nicht wissen, was sie da machen. Auch für sie ist SODA wichtig.“ Ein anderer meinte: „Ich hatte mir schon vorgenommen, die Finger von Drogen zu lassen. SODA hat mich in meinem Entschluss bestärkt.“ Damit zeigt das Projekt erste Erfolge. Auch in Zukunft werden daher Achtklässler ins SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach kommen – damit immer mehr von ihnen stark ohne Drogen durchs Leben gehen.

Gabriele Jörg

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SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach

Das Klinikum – Fachkrankenhaus und Akutklinik in einem – verfügt über 538 Betten in den Bereichen Wirbelsäulenchirurgie, Orthopädie, Neurologie, Innere Medizin, Gefäßchirurgie und Psychiatrie.

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