direkt zum Inhalt

Bildung14.06.2012

Bobath-Kurse am SRH Institut für Gesundheitsberufe

Therapie der kleinen Schritte

Ines Burkhardt (hinten links) mit einer Kursteilnehmerin, die die Therapie der kleinen Viktoria beobachtet und begleitet.

Jährlich kommen Therapeuten aus dem In- und Ausland ins SRH Institut für Gesundheitsberufe nach Suhl. Dort erlernen sie das Bobath-Konzept, ein Behandlungsmodell speziell für neurologische Störungen. Der konsequente Praxisbezug und die hohe Qualität der Lehre machen die Weiterbildung so attraktiv.

Viktoria umklammert den knallgrünen Schlauch mit ihren kleinen Händen. Aufmerksam lauscht sie der Stimme von Lehrtherapeutin Ines Burkhardt. Diese spricht gerade in das eine Ende des Schlauchs, und Viktoria dreht ihren Kopf in die Richtung, aus der die Geräusche kommen. Die Vierjährige leidet am Smith-Lemli-Opitz-(SLO)-Syndrom. Aufgrund der angeborenen Stoffwechselerkrankung produziert ihr Körper nicht genug Cholesterin – ein Mangel, der dazu geführt hat, dass sich das Mädchen körperlich und mental langsamer entwickelt als gesunde Kinder. Von Geburt an hat sie Sehprobleme; sie kann weder alleine stehen noch gehen und muss über eine Sonde ernährt werden.

Seit vier Jahren kommt Viktoria mit ihrer Mutter einmal pro Woche für eine Stunde ins Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) am SRH Zentralklinikum Suhl. Die Bobath-Therapie, die das SPZ anbietet, tut dem Mädchen sichtlich gut. Inzwischen kann sich Viktoria alleine aufsetzen, sogar umherrobben. „Sie ist immer voll dabei und sehr neugierig. Nur wenn ihr langweilig ist, wird sie mit der Zeit unruhig. Viktoria möchte gefordert sein“, erklärt Ines Burkhardt den fünf Frauen, die neben ihr sitzen und eifrig Notizen machen. Diese nehmen an der Bobath-Weiterbildung am SRH Institut für Gesundheitsberufe (IfG) in Suhl teil und können die Lehrtherapeutin des SPZ direkt bei ihrer Arbeit mit dem Kind beobachten, Erlerntes selbst anwenden – und auf diese Weise hautnah erleben, worauf es in der Praxis ankommt.

Den Patienten studieren

Seit 2005 bietet das IfG Bobath-Kurse an – als eines von vier Zentren in den neuen Bundesländern. Die einjährigen Kurse richten sich an Physio- und Ergotherapeuten sowie an Logopäden und Ärzte und vermitteln sämtliche Kenntnisse und Fähigkeiten, die für die Therapie nach dem Bobath-Konzept qualifizieren. Die insgesamt 400 Kursstunden sind in fünf Blöcke à zehn Tage aufgeteilt. Nach erfolgreichem Abschluss erhalten die Teilnehmer ein international anerkanntes Zertifikat.

Das Bobath-Konzept ist eine der häufigsten Therapieformen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit angeborenen oder erworbenen neurologischen Erkrankungen – wie Störungen des Zentralnervensystems, sensomotorischen Auffälligkeiten oder kognitiven Beeinträchtigungen. Entwickelt wurde es vom Ehepaar Berta und Karel Bobath in den 1940er-Jahren. Kennzeichnend für das Konzept und entscheidend für den Erfolg ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Fachdisziplinen sowie dem Patienten und seinen Angehörigen. Gemeinsam legt das Team die Therapieziele fest, die sich an den Fähigkeiten des Betroffenen orientieren. Behandlungsfortschritt und -ziele werden fortlaufend überprüft und immer wieder neu definiert. „Die konsequente Orientierung am Patienten ist das Besondere an der Bobath-Theorie“, erklärt Dr. Carsten Wurst, leitender Kursarzt und Chefarzt am SPZ. Vor knapp zehn Jahren hatte er mit Ines Burkhardt die Idee, in Suhl ein Bobath-Kurszentrum zu etablieren. „Im Unterschied zu anderen Therapiekonzepten gibt es keine standardisierten Übungen. Stattdessen stehen alltagsbezogene Aktivitäten im Vordergrund, etwa Kommunikation, Nahrungsaufnahme, Körperpflege und Fortbewegung.“ Die Therapeuten arbeiten in kleinen Schritten und wiederholen bestimmte Bewegungsabläufe, die sie immer wieder leicht variieren. So kann der Patient das Gelernte besser speichern und anwenden. Ziel ist, dass er seinen Alltag so selbstständig wie möglich bewältigt.

„Die Anforderungen an Bobath-Therapeuten sind sehr komplex“, betont Ines Burkhardt. „Unser Kurs soll den Teilnehmern daher alles mit auf den Weg geben, was sie für eine umfassende Behandlung benötigen.“ Neben neurophysiologischen und entwicklungsneurologischen Grundlagen vermittelt die Weiterbildung unter anderem methodische Leitlinien oder Know-how zu Handling, Lagerungs- und Fortbewegungshilfen. Eine Stärke der Kurse ist aber vor allem der hohe Praxisanteil. Gut ein Viertel der 400 Kursstunden ist praktischen Übungen gewidmet. Dazu arbeitet das IfG eng mit Partnern zusammen, etwa mit der Frühchenstation und dem SPZ am SRH Zentralklinikum Suhl oder mit dem Blindeninstitut Schmalkalden, der Frühförderstelle Zella-­Mehlis und dem Diakonisch-­Sozialen Zentrum Coburg.

Die ganze Familie betrachten

Über die Arbeit mit den Patienten hinaus lernen die Teilnehmer während der Praxisstunden einen weiteren wichtigen Bestandteil der Bobath-Therapie kennen: „Sie bezieht stets auch die Angehörigen mit ein – eine spezielle Herausforderung für uns Therapeuten“, erklärt Burkhardt. „Viele unserer Patienten sind Kinder. Da ist viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Eltern gefragt.“ Viele Paare wünschen sich, dass ihr Kind eine normale Schule besuchen kann. Hier gelte es, so Burkhardt, behutsam auf die Eltern einzugehen und gemeinsam mit ihnen zu überlegen, ob ein solches Ziel realistisch ist. Manchmal, etwa bei motorisch verzögerten Kindern, kann es wichtig sein, mit kleineren Schritten zu beginnen und ihnen zu ermöglichen, sich zum Beispiel selbstständig aufzusetzen und in dieser Position zu spielen oder Gegenstände zu untersuchen, bevor es zum Laufen geht. „Die meisten Eltern sind sehr dankbar für jeden noch so kleinen Fortschritt. Das ist immer wieder toll zu erleben und motiviert uns enorm“, sagt Ines Burkhardt. Auch diese wichtige Erfahrung gibt sie den Kursteilnehmern mit auf den Weg.

Gabriele Jörg, Georg Haiber

Zukunftsorientiertes wissen

Das Institut für Gesundheitsberufe (IfG) Suhl wurde 2001 gegründet. Seit 1. Oktober 2011 gehört es zur SRH Fachschulen GmbH. Es bietet Menschen, die einen Gesundheits- oder Sozialberuf ausüben möchten, eine große Auswahl an Aus- und Fortbildungen. Eine Stärke ist der Praxisbezug und die enge Zusammenarbeit mit Partnern wie Kliniken, niedergelassenen Praxen und Kindergärten, wo die Teilnehmer das erlernte Wissen anwenden können. Das Bobath-Kurszentrum Suhl wurde 2005 in Kooperation mit dem IfG und dem SRH Zentralklinikum Suhl eröffnet. Schwerpunkte der Weiterbildungen sind die Therapie von Früh- und Neugeborenen sowie von Menschen mit Körper- und Sehbehinderungen. Die Kurse werden regelmäßig durch die „Gemeinsame Konferenz der Bobath-Kurse“ und die European Bobath Tutor Association geprüft und zertifiziert.


www.ifg-suhl.de

Kommentar hinzufügen


* Pflichtfeld

Kommentare

Keine Kommentare

SRH Zentralklinikum Suhl

Mit 666 Planbetten und 20 eigenständigen Fachbereichen ist das SRH Zentralklinikum Suhl die größte Klinik in der Region Südthüringen.

Link

Vereinigung der Bobath-Therapeuten Deutschlands e. V.