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Überleben ist Kopfsache

Michael Nagler hat eine Passion: Der Student wandert tagelang durch die Wildnis und erkundet die Welt abseits der Zivilisation.

Ein Pfiff aus der Trillerpfeife, dazu der warnende Ruf „Bär!“ Noch bevor sich Michael Nagler fragen konnte, ob sein Freund Michael tatsächlich „Bär“ meint, sah er den Braunbären schon zwischen sich und seinem Kumpel stehen. „Aasgeruch lag in der Luft – ganz offenbar hatten wir ihn bei einer Mahlzeit gestört“, erzählt der 23-Jährige lebhaft. „Glücklicherweise entschied sich der Bär für die einzige Fluchtmöglichkeit, die sich ihm bot. Andernfalls hätten wir keine Chance gehabt“, stellt der Student sachlich fest. Während manch anderer nach so einem Erlebnis verschreckt seine Sachen gepackt hätte und umgekehrt wäre, hat Michael Nagler aus dem Erlebnis schlicht eine Lehre gezogen: „Aasgeruch ist mir nun eine Warnung – da heißt es schnell weg.“ 

So akut gefährlich wie die Begegnung mit dem Bären auf der sechswöchigen Tour entlang des russischen Baikalsees sind Naglers Ausflüge selten. Einem ungeübten Wochenendausflügler sind sie trotzdem nicht zu empfehlen. Zu viele Gelegenheiten, bei denen man sich in Schwierigkeiten bringen könnte. Denn der junge Mann bahnt sich mit Vorliebe selbst seinen Weg durch den Wald, scheut auch vor unwegsamem Gelände nicht zurück, sucht Möglichkeiten, Gebirgsbäche zu überqueren, und überklettert kantige Felsen, um dann weit ab der Zivilisation im Zelt zu übernachten, bevor es am nächsten Tag weitergeht. Tagelang durchstreift er so die Natur – auf Pfaden, die die Wandervereine dieser Welt noch nicht vermessen und mit Wegweisern versehen haben. 

Angetrieben wird er von der Neugier, was wohl hinterm Horizont auftaucht. „Mittlerweile habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass sich da meist nichts Spektakuläres zeigt“, stellt der Student­ verschmitzt fest. „Doch ich finde es nach wie vor spannend, Entscheidungen zu treffen, die unmittelbar Auswirkungen auf mich haben“, erklärt der moderne Trapper. Ihm geht es nicht – wie vielen anderen Extremsportlern – darum, Gipfel abzuhaken oder dem Überlebensexperten Rüdiger Nehberg nachzueifern. Er will Natur erleben und Erfahrungen sammeln. Seine Wachsamkeit, Kenntnis und Interpretation der Natur und sein Durchhaltevermögen entscheiden, wie sich eine Tour entwickelt. Deshalb auch immer dabei: moderne Technik. GPS und Handy gehören selbstverständlich zum Marschgepäck. Komfort benötigt er nicht, doch praktische Outdoorkleidung hält Michael Nagler schlicht für überlebensnotwendig.

Die ersten Kindheitsabenteuer in seiner Heimat rund um Bad Urach nahe Tübingen waren zuweilen halsbrecherisch, erinnert er sich. Heute weiß er sich besser einzuschätzen. Er kann, wie er sagt, eine Situation schnell analysieren, entsprechend Entscheidungen treffen und positiv motiviert verfolgen. Diese Kombination habe ihm auch den Sieg bei der Outdoor Challenge des Fernsehsenders DMAX eingebracht. Wichtiger als die körperliche Fitness sei die psychische Stärke, meint der schmal gebaute junge Mann und verweist auf die Bären-Anekdote vom Baikalsee.

Das Hobby bürotauglich machen

Doch welchen Beruf soll man mit solch einer Passion anpeilen? Nichts drängt sich da eindeutig auf. Als das Abitur anstand, diskutierte Michael Nagler mit sich alle Möglichkeiten von Förster bis Coach. In die Waagschale warf er seine Talente: mutig, entscheidungsfreudig, optimistisch, kommunikations­freudig, sensibel und empathisch. Hinzu kam der klare Wunsch, in allem die Entscheidungshoheit zu behalten statt Weisungen nur auszuführen. Nach langem Abwägen und Vergleichen kam Nagler zum Bachelorstudium „Medien- und Kommunikationsmanagement“ an der SRH Hochschule in Calw. Denn was er auf seinen Streifzügen durch die Natur schon beherrscht, lernt er hier auf den Alltag in einem Unternehmen zu übertragen. In welchen Beruf das später aber mal münden wird, dafür bleibt er offen.

Mittlerweile ist Nagler im vierten Trimester und nach wie vor begeistert. Nicht nur die Kombination von Medien und Kommunikation passten gut zu ihm, wie er selbstbewusst sagt. Es sei vor allem der fächerübergreifende Lernansatz in Calw, der seine Fähigkeiten weiter fördert. So hatte Nagler zum Beispiel in einer Kleingruppe eine Fallstudie zu bearbeiten, in der es ganz praktisch darum ging, eine Marketingstrategie für ein Unternehmen zu entwickeln und die Umsetzung zu planen. „Studierende müssen dabei nicht nur Gelerntes anwenden, sondern trainieren gleichzeitig, sich in eine Gruppe zu integrieren, zu spüren, wo die Fähigkeiten und Grenzen jedes Einzelnen liegen, und eine Rolle gewissenhaft auszufüllen. Hier sehe ich die Brücke zu Michael Naglers Erfahrungen“, erklärt Prof. Dr. Sven Cravotta, Dekan des Fachbereichs Wirtschaft. „Wichtig ist uns, dass Studenten mehr als nur Wissen vermittelt wird. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, für sich wie auch für die gemeinsame Aufgabe. Und das funktioniert nur, wenn wir sie sich selbst organisieren lassen und ihnen Platz für eigene Entscheidungen geben.“ Dieser Freiraum ist Nagler wichtig. Denn einmal im Monat muss er raus und auf Tour. Sein Traumziel: Kamtschatka. Die Halbinsel im Osten Russlands ist bekannt für wilde Natur, aktive Vulkane, Erdbeben – und ziemlich große Braunbären.

Von Iki Kühn

 

 

Die SRH Hochschule in Calw

02 Ueberleben ist Kopfsache – Foto: SRH Hochschule Calw

Die SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien liegt in der Wissensregion Nordschwarzwald. Sie ist vom Wissenschaftsrat institutionell akkreditiert und bildet aktuell 370 Studierende aus. Das praxisorientierte Angebot umfasst die Bachelorstudiengänge BWL, Controlling, Medien- und Kommunikationsmanagement, den Masterstudiengang Media Management & Public Communication sowie Weiterbildung. Seit 2014 gibt es mit dem Bachelor „BWL in Teilzeit“ eine Möglichkeit, berufsbegleitend zu studieren: Unterrichtet wird an zwei Abenden pro Woche und jeden zweiten Samstag.

      

Michael Nagler auf einer Tour über die Karpaten

Der private TV-Sender DMAX pro­duzierte 2013 die Sendung „Outdoor Heroes – Das Survival-Experiment“. Nach dem Motto „Deutschland ist wilder, als man denkt“ mussten die Teilnehmer sich in mehreren Etappen ohne größere Hilfsmittel durch die Natur kämpfen: Flüsse überqueren, Berge erklimmen, Nahrung besorgen, im Freien übernachten. Im Finale ging es – ausgestattet mit nur einem Streichholz, Kletterzeug, einem Messer und einem Kompass – zum Bergsteigen nach Österreich ins Dachsteinmassiv. Michael Nagler schlug sich dabei besser als seine drei Mitstreiter und gewann.