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Viel geschafft – und noch mehr vor

Viel geschafft – und noch mehr vor (Foto: Winnie Wintermeyer)

Catalin Voss ist gerade mal 19, aber schon ein alter Hase im IT-Geschäft. Nun macht der ehemalige SRH Schüler und jetzige Stanford-Student mit einer bahnbrechenden Erfindung von sich reden.

„Gefragtes IT-Genie“, „Programmierer-Wunderkind“ – aus den Etiketten, die ihm die Medien in ihren Beiträgen verpassen, macht sich Catalin Voss nicht viel. Die meisten Storys über sich liest er gar nicht bis zum Ende. „Ich fühle mich damit nicht so sehr wohl und ignoriere das lieber“, erklärt der 19-Jährige ein bisschen verlegen, aber auch belustigt, weil er vieles von dem, was ihm da an Erfolg zugeschrieben wird, einfach auf Glück und gute Mentoren zurückführt. Dabei hat Voss in den vergangenen Jahren durchaus so einiges zustande gebracht, was das Interesse der Medien verdient. Als Zwölfjähriger – das iPhone ist gerade frisch auf dem Markt – bringt er sich in Eigenregie und unbemerkt von den Eltern das Programmieren von Apps bei. Die Videos, in denen er von seinen Erfahrungen beim Entwickeln der Software berichtet, werden von Hunderttausenden im Internet verfolgt und führen zeitweise sogar die deutschen iTunes-Charts an. Als 15-Jähriger schreibt der hochbegabte, äußerst hibbelige Teenager eine App für ein US-Unternehmen. Sie hilft mit, dass die Firma sage und schreibe 18 Millionen US-Dollar von Investoren erhält. „Das hat mich halt interessiert und Spaß gemacht. Ich habe einfach nur versucht, mich selbst zu finden“, spielt der schlaksige Rotschopf seine Leistung herunter.

Viel Unterstützung von der Schule

Mit der Selbstfindung hat er sich tatsächlich viel Zeit gelassen und dabei die Nerven von Eltern wie Lehrern ordentlich strapaziert. „Bis zur elften Klasse waren meine Noten durchgehend miserabel. Ich bin meinen Lehrern so dankbar, dass sie mich in der ganzen Zeit nicht aufgegeben haben“, ver­rät der 19-Jährige. „Catalin hat die Freiheit, auch mal schlecht sein zu dürfen, oft und gerne genutzt“, bestätigt Michael Knöthig lächelnd. Knöthig ist Schulleiter am SRH Leonardo da Vinci Gymnasium in Neckargemünd. Er hat Voss in Religion unterrichtet und steht auch heute noch mit ihm in Kontakt. „Geduld ist ein sehr wichtiger Faktor. Wir sehen oft, da schlummert etwas in den Kindern, was sich aber noch nicht Bahn gebrochen hat“, erklärt Knöthig. „Wir machen ihnen viele Angebote, damit sie ihre Neigungen ausprobieren können, signalisieren aber auch: Hab Geduld mit dir, lass dir Zeit, das kommt schon.“ Bei Catalin Voss kommt die Initialzündung in Form von iPhone und Apps. Über Umwege wird der Zehntklässler von Apple- und Microsoft-Programmier-Legende Steve Capps eingeladen und darf ein Praktikum bei ihm im Silicon Valley absolvieren. Das SRH Gymnasium beteiligt sich per Stipendium an den Flugkosten. Nach seiner Rückkehr aus den Staaten ist Voss wie ausgewechselt. Er weiß jetzt, was er will: in Stanford studieren. Dafür müssen die Noten rasant besser werden. „Dieses neue Ziel hat unglaubliche Energien in ihm freigesetzt“, erinnert sich der Schulleiter. 

Ab der elften Klasse arbeitet der Junge wie ein Berserker. Büffelt vor und nach der Schule, hängt sich im Unterricht rein, paukt für Uni-Aufnahmetests, programmiert nachts weiter Apps. „Ich frage mich heute noch, wie ich so lange mit so wenig Schlaf auskommen konnte“, erzählt Voss. Die Lehrer sind baff – und helfen nach Kräften. Der beispiellose Kraftakt wird belohnt mit einem 1,1er-Abi – und Studienplätzen an der US-Elite-Uni Stanford sowie dem Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Ein gutes Klima für junge Gründer

Seit zwei Jahren studiert der Badener nun im kalifornischen Stanford Informatik mit Schwerpunkt Künstliche Intelligenz, lebt mit seiner Freundin, einer angehenden Medizinerin, zusammen und tut, was normale Studenten so tun: Vorlesungen besuchen, für Prüfungen pauken, Partys und Barbecues genießen, gelegentlich als DJ auflegen, einen Segelschein machen, Spanisch lernen – wenn ihm denn die Zeit dazu bleibt. Denn längst ist Catalin Voss mit seinem neuen Unternehmen Sension (www.sension.co) in aller Munde. Mit seinem Kommilitonen Nick Haber hat er in den vergangenen Monaten eine Software für die neue Datenbrille Google Glass entwickelt, die es erlaubt, mensch­liche Gesichter in 3-D zu erfassen und in Echtzeit daraus Gefühle zu ermitteln. „Ich habe einen autistischen Cousin“, erklärt Voss die Idee hinter der App. „Solchen Menschen fällt es schwer, im Gesicht ihres Gegenübers Stimmungen zu lesen.“ Dies könnte ihnen nun das Programm abnehmen und Gemütsverfassungen wie „glücklich“, „traurig“ oder „zornig“ direkt aufs Brillenglas projizieren.

Die Idee kommt an. Es hagelt Anerkennung aus Wirtschaft und Forschung, renommierte Stipendien, Forschungsgelder und Auf­träge, die helfen, die Zukunft des mittlerweile siebenköpfigen Teams weiter zu finanzieren. Ein Teil von ihnen kümmert sich dar­um, die Software kommerziell zu vermarkten – etwa bei Bildungs­anbietern, die so die Aufmerksamkeitskurve ihrer Studenten messen. Der andere arbeitet an Non-Profit-Projekten im medizinischen Bereich. Im Herbst startet eine Forschungspartnerschaft mit Stanford: 35 Autisten testen – wissenschaftlich begleitet – App und Brille in der Praxis. „Wenn wir damit nur hundert Kindern helfen können, hätte sich der Einsatz für mich schon gelohnt“, sagt Voss. „Aber natürlich wollen wir, dass unsere Idee in den kommenden Monaten noch viel, viel größer wird. Es gibt so viele mentale Krankheiten, von Autismus bis Alzheimer, bei denen wir helfen könnten.“ Es wäre nicht die erste Erfindung, die vom kalifornischen Silicon Valley aus ihren Zug um die Welt antritt.

Das SRH Leonardo da Vinci Gymnasium

Viel geschafft und noch mehr vor (Foto: SRH Leonardo da Vinci Gymnasium)

Das SRH Leonardo da Vinci Gymnasium in Neckargemünd nahe Heidelberg gehört – als eine von vier privaten Schulen – zur SRH. Das Ganztagesgymnasium mit angegliedertem Internat richtet sich mit seinem Angebot speziell an be­sonders begabte Kinder und Jugendliche. Im kleinen Klassenverband werden individuelle Begabungen gefördert. Ab dem nächsten Schuljahr baut das Gymnasium seinen mathematisch-naturwissenschaftlichen Fokus mit dem neuen Profilfach „IT/Digital – Informatik“ weiter aus.

Viel geschafft und noch mehr vor (Foto: SRH Leonardo da Vinci Gymnasium)

Ulrike Heitze

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