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Bildung09.06.2011

Schüler programmiert für Softwareschmiede

Vom Neckartal ins Silicon Valley

Alexander ist hochbegabt, und Informatik begeistert ihn. Am SRH Leonardo da Vinci Gymnasium für Hochbegabte in Neckargemünd haben seine Lehrer die Voraussetzung dafür geschaffen, dass er seine Talente entdecken und einsetzen kann. Inzwischen ist sich der 16-Jährige sicher, dass er aus seinem Hobby einen Beruf machen will. Den ersten Schritt hat er bereits getan – mit einem Praktikum im Silicon Valley.

Montagabend, 21 Uhr. Während andere Jugendliche fernsehen, lesen oder am Computer spielen, arbeitet Alexander Möckel (Name von der Redaktion geändert). Der 16-Jährige hat gerade eine virtuelle Teambesprechung mit seinen Kollegen in Palo Alto. Im wöchentlichen „staff call“ bespricht das Team aktuelle Projekte, löst Probleme und tauscht Neuigkeiten aus – in Englisch. Dass Alexander diese Sprache nahezu perfekt beherrscht, ist eine Voraussetzung dafür, dass er für das kalifornische Start-up-Unternehmen als freier Programmierer arbeiten kann.

An den übrigen Abenden der Woche programmiert Alexander meist, manchmal bis ein oder zwei Uhr. „Er hat unheimlich viel Energie. So schafft er es, Familie, Schule und Programmieren unter einen Hut zu bringen“, sagt seine Mutter. Morgens im Zug, auf dem Weg zur Schule, bearbeitet er schon wieder E-Mails, die über Nacht aus den USA angekommen sind. Trotz allem hat die Schule Vorrang: Das Lernen für Tests und freiwillige Übungsaufgaben hakt Alexander zuerst ab, bevor Quelltexte und Syntaxen den Bildschirm seines Notebooks füllen.

Schule ist nicht gleich Schule

In der Grundschule in Bammental im Rhein-Neckar-Kreis überspringt Alexander die erste Klasse, nachdem ein Intelligenztest ergeben hat, dass er hochbegabt ist. Trotzdem langweilt er sich oft und hat Probleme mit seinen Lehrern. „Für ihn war die Schule schwer und leicht zugleich. Er konnte schon damals Dinge sehr schnell und tief greifend auffassen, gleichzeitig aber nicht systematisch lernen“, fasst seine Mutter die Herausforderung zusammen. In der Grundschule sei er damit allein gelassen worden. Seit der fünften Klasse besucht Alexander das SRH Leonardo da Vinci Gymnasium für Hochbegabte in Neckargemünd. Freunde hatten die Familie auf die neu gegründete Schule aufmerksam gemacht. „Alexander hat sich anfangs schwergetan in manchen Fächern, aber wir waren überzeugt, dass er mehr kann und ein Talent in ihm schlummert, das nur geweckt werden muss“, erinnert sich Schulleiter Ulrich Müller.

Inzwischen ist Alexander in der elften Klasse, seine Kernfächer sind Mathematik, Deutsch, Englisch, Chemie und Wirtschaft. Das Lernen macht ihm Spaß, weil die Lehrer in den kleinen Klassen gut auf jeden Einzelnen eingehen können. „Der Unterricht ist viel besser als in meiner früheren Schule. Meine Mitschüler sind motiviert, und wir können super miteinander arbeiten“, sagt er. Denn Kinder mit einer Hochbegabung sind nicht automatisch auch gute Schüler. Sie brauchen viel Aufmerksamkeit und müssen besonders motiviert und gefordert werden. Die speziell geschulten Lehrer am „Leo“ vertiefen und ergänzen den Unterrichtsstoff im sogenannten schulischen Enrichment: In Kursen für Chinesisch, kreatives Schreiben oder Robotik bauen die Schüler ihre persönlichen Stärken weiter aus. Schulleiter Müller ist stolz, wie Idee und pädagogisches Konzept des Gymnasiums Schüler wie Alexander positiv beeinflussen: „Wir sind froh, dass bei uns etwas aus Kindern und Jugendlichen wird, die an anderen Schulen vermutlich nicht erfolgreich gewesen wären.“

Informatik als Hobby

Schon in der fünften Klasse programmiert Alexander in der Robotik-AG an seiner Schule. Die Smartphones bieten ihm schließlich eine Plattform, die komplett neu und damit spannend genug ist. Hier kann er seine ganze Kreativität ausleben und frei experimentieren. Er beginnt, eigene Podcasts über Programmierung zu schreiben, die er im Internet veröffentlicht. Doch er möchte mehr aus seinem Hobby machen und sucht daher nach einem konkreten Praxisprojekt, bei dem er seine Kenntnisse vertiefen kann. Über Empfehlungen stößt er 2010 auf ein kalifornisches IT-Unternehmen, bei dem er ein Praktikum machen kann. Im Sommer 2010 geht er für zwei Monate ins Silicon Valley und überzeugt seine Chefs vor Ort, indem er eine lieferfähige Client-Applikation zur Anbindung an ein Bezahlungssystem entwickelt. „Es war ein schönes Erlebnis, ich wurde sehr gut aufgenommen und habe in einem tollen Arbeitsklima viel gelernt“, sagt Alexander. „Gleichzeitig waren sie begeistert von meiner Arbeit.“ Danach ist schnell klar, dass beide Seiten weiter zusammenarbeiten wollen.

Von Deutschland aus programmiert er nun fünf bis acht Stunden wöchentlich und kommuniziert regelmäßig über Skype, Chat und E-Mail mit seinen Kollegen. Seine Devise ist: Learning by Doing. So hat er sich selbst englische Fachbegriffe, Programmierung und technisches Wissen beigebracht – aus Büchern oder Unterlagen für Informatikvorlesungen verschiedener Universitäten. Und es macht ihm Spaß, beim Programmieren Dinge auszuprobieren, auch wenn es einmal nicht klappt. „Unter Stress arbeite ich sogar am produktivsten“, erzählt der 16-Jährige.

Viel Raum für Freizeit bleibt da momentan nicht. „Wobei für ihn Programmieren genauso ein Hobby ist wie Fußball spielen für andere“, erklärt seine Mutter. Doch am Wochenende beschäftigt sich auch Alexander mit Dingen, die 16-Jährige eben so tun: Ausflüge mit der Familie, Partys, Freunde treffen. Darüber hinaus interessiert er sich für Politik, Wirtschaft, Musik und Technik. „Ich bin kein Nerd, ich habe ein Leben, auch wenn ich nur am Wochenende Freizeit habe“, sagt Alexander. Dass er hochbegabt ist, hat ihn anfangs genervt; er wolle nicht für etwas Besseres gehalten werden, schließlich sei er das ja auch nicht. Heute ist er allerdings froh darüber, Dinge schnell aufzufassen.

Sein Ziel ist nun, ein sehr gutes Abitur zu machen, um danach an einer renommierten Universität Informatik zu studieren. Seine Wunschkandidaten: München, Karlsruhe, Stanford, Harvard oder das MIT. Das Geld, das er mit seinem Nebenjob verdient, spart er für die Studiengebühren. Um die hohen Anforderungen der Hochschulen zu erfüllen, will er einen Einser-Durchschnitt schaffen. Daher nimmt er sich jetzt mehr Zeit für die Schule. Die Verbindung zum Silicon Valley lässt er aber nicht abreißen, bereits im Herbst ist die nächste Reise nach Palo Alto geplant. Denn irgendwann mit dem Programmieren aufzuhören, das kann sich Alexander nicht vorstellen: „Es macht mir einfach zu viel Spaß.“

Susann Lorenz

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