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Was ist los mit dir, Deutschland?

Videojournalistinnen Steffi Fetz und Lisa Altmeier (r.) beim Aufzeichnen ihres Blogs.

Zwei junge Reporterinnen haben im Bundestagswahljahr mit Menschen über politische Themen gesprochen. Ent­standen sind daraus Geschichten über Mut, Neuanfang und das Überwinden von Hürden, online veröffentlicht zum Beispiel bei „jetzt“, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung.

„Wir wollen über Themen berichten, über die sonst weniger gesprochen wird.“

Lisa Altmeier, Journalistin

Steffi Fetz und Lisa Altmeier haben in diesem Jahr viele unterschiedliche Menschen kennengelernt, die sich fragen: „Was ist eigentlich los mit dir, Deutschland?“. Unter ihnen auch Menschen, die sich von der Gesellschaft abgehängt fühlen, weil sie aufgrund von körperlichen oder seelischen Erkrankungen nur schwer einen Platz in der Arbeitswelt finden und damit kein selbstbestimmtes Leben führen können. Viele von ihnen haben sich bei den beiden mit ihrer Geschichte gemeldet und unterstützen damit das Ziel der Reporterinnen, über Themen zu berichten, über die sonst weniger gesprochen wird. 
Im Jahr der Bundestagswahl haben sich die beiden Crowdspondent-Reporterinnen zehn politische Themen vorgenommen, die ihre Leser vorgeschlagen hatten: Im Berliner Kältebus beispielsweise lernen Steffi Fetz und Lisa Altmeier Menschen kennen, die im Winter eine ­Unterkunft brauchen und ihre Helfer, die nicht nur Tee, sondern auch Gesprächszeit mitbringen. Sie sprechen mit Menschen christlichen, muslimischen und jüdischen Glaubens darüber, wie sich die Politik in ihrer jeweiligen Religion niederschlägt und umgekehrt. Und sie treffen Kerstin, die unter einer posttraumatischen ­Belastungs- störung leidet – und vielen Hürden zum Trotz aktuell eine Ausbildung im SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd macht. Ihre Geschichte bewegt die ­Journalistinnen besonders: „Kerstins Lebensweg zeigt, dass auch hierzulande nicht alle Menschen von Geburt an die gleichen Chancen haben“, sagt Steffi Fetz. 
Kerstin ist gerade mal 26 Jahre alt – und wäre beinahe Frührentnerin geworden. Mit 19 Jahren erhielt sie ihren ersten Rentenbescheid. „Wegen meiner posttraumatischen Belastungsstörung sollte ich laut den ­Ämtern nicht arbeiten“, sagt Kerstin. Gedanken an ihre ­Vergangenheit holen sie immer wieder ein: Mit sieben Jahren musste sie ihre Eltern verlassen und kam in ein Kinderheim, danach in die Kinder- und Jugendpsychia­trie. Was genau sie erlebt hat, möchte Kerstin nicht ­sagen. Aber klar ist: Ein eigenverantwortliches Leben kann sie nicht führen. 
Deshalb lebt sie in einer von Sozialpädagogen betreuten Wohngemeinschaft und macht eine Ausbildung im SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd. Ihr Weg bis hierher war lang – und mit zahlreichen Hindernissen übersät. Dutzende Briefwechsel, viele Telefonate – und das über ein halbes Jahr lang. Jemand anders hätte vielleicht aufgegeben. Nicht so Kerstin: „Ich will arbeiten – und dafür habe ich gekämpft“, sagt die junge Frau. 
Nächtelang ist sie durchs Internet gesurft, hat so herausgefunden, dass sie auch noch nach dem vollendeten 18. Lebensjahr auf Unterstützung bauen kann, hat sich im SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd beworben und wurde genommen. In welchem Beruf sie ihre Ausbildung absolviert, steht noch nicht fest. Denn zunächst einmal kann sie elf Monate lang in verschiedene Berufe „reinschnuppern“. 
„Wir helfen nicht nur bei der Berufsfindung“, sagt Karl-Heinz Fenselau, Leiter Jugendhilfe am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd. „Unsere Auszubildenden werden auch von medizinisch-therapeutischen Diensten sowie von Sozialpädagogen unterstützt.“ 
Kers­tin bekommt hier endlich eine Chance, sich auf den ­Arbeitsmarkt vorzubereiten. Sie lernt beispielsweise, wie ein Kassenabschluss gemacht wird, erhält Einblicke in den Einzelhandel eines Kiosks und erfährt praktisch, wie die Arbeit im Büro abläuft. Je nachdem wie es ihr in den verschiedenen Bereichen gefällt, kann sie dann entscheiden, welche Ausbildung sie machen möchte. 

Helden aus der zweiten Reihe

„Und um genau solche Menschen geht es in unseren Reportagen“, erklärt Steffi Fetz. Neben Kerstin haben die beiden auch über eine andere junge Frau berichtet. Sarah erkrankte mit Mitte 20 an Krebs und ist nun Frührentnerin; gerade mal 500 Euro Erwerbsminderungsrente bleiben ihr monatlich zum Leben. Ohne die Unterstützung ihrer Eltern wüsste sie nicht, wie sie ihr Leben ­finanzieren sollte. „Geschichten wie diese bewegen uns. Wir finden es beeindruckend, wie beide Frauen ihren Weg meistern“, sagt Lisa Altmeier. Die Beiträge der beiden Journalistinnen erscheinen auf ihrem eigenen Blog und erreichen auch die Leser des Online-Portals „jetzt“. Dort arbeiten Redakteure der Süddeutschen Zeitung; das Format richtet sich besonders an junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. „Die Reportagen von Crowdspondent passen gut zu uns, weil wir eher emotional an schwierige politische und ­soziale Themen herangehen“, sagt Christian Helten, leitender Redakteur von „jetzt“. Schicksale von Menschen wie Kerstin berühren den Journalisten: „Sie geht so ehrlich mit ihrer Situation um, das finde ich sehr mutig.“Mut wird Kerstin auch in den nächsten Jahren brauchen. „Ich bin es nicht gewohnt, im normalen Leben zurechtzukommen“, vertraut sie den beiden Jour­nalistinnen an. „Hier im Berufsbildungswerk werde ich auf das Leben draußen vorbereitet.“ Das Video über Kerstin und die anderen Beiträge zum Thema „Was ist eigentlich los mit dir, Deutschland?“ gibt es unter www.jetzt.de/tag/crowdspondent.

Text Anne-Christin Giesen

Die Videoserie „Was ist eigentlich los mit dir, Deutschland?” der beiden Crowdspondent-Journalistinnen auf „jetzt“, einem renommierten Online-Portal der Süddeutschen Zeitung.

Steffi Fetz und Lisa Altmeier gründeten Crowdspondent im Jahr 2013. Damals gingen die beiden Journalistinnen auf dreimonatige Reise nach Brasilien, um über das Leben in den Favelas zu berichten – finanziert über ein Stipendium. Ihre Reise ein Jahr später durch Japan finanzierten sie durch Crowdfunding. Dabei spenden Internetnutzer Geld für die Recherchereisen. Im Gegenzug greifen die beiden Themen­wünsche der Leser auf.
www.crowdspondent.de

Das SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd bietet jungen Menschen mit speziellem Förderbedarf die Möglichkeit, eine außerbetriebliche Berufsausbildung zu absolvieren. Das Angebot umfasst mehr als 40 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe sowie Hilfe bei der Berufsfindung und berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen. Die Azubis erhalten je nach individueller Situation medizinische, therapeutische, psychologische oder sozialpädagogische Unterstützung. 
www.bbw-neckargemuend.de

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