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Welten verbinden

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Seit mehr als 30 Jahren engagiert sich Heinz Reinke in Nicaragua. Ebenso lange ist er ­Lehrer an der SRH Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd. Ihm ist es wichtig, nach­haltige Veränderungen anzustoßen – hierzulande wie in Mittelamerika.

Heinz Reinke blickt auf die Uhr. Fünf Minuten nach zehn. Gleich ist große Pause. Gerade rechtzeitig schieben zwei Schüler noch ofenwarme Rosinenbrötchen auf einem Servierwagen heran – selbst gebacken, versteht sich. Reinke schaut mal hier, mal da mit einem freundlichen Lächeln nach dem Rechten. Doch die Schüler haben alles im Griff. Die Pause beginnt, und nun geht alles Schlag auf Schlag im Café Olé an der SRH Stephen-Hawking-Schule. Lehrer, Schüler und Mitarbeiter sind hier dreimal die Woche Stammgäste. Heute tischen Heinz Reinkes Siebtklässler aus der Werkrealschule auf. Dass es dort Partnerschaftskaffee gibt, ist selbstverständlich. Dieser Kaffee wird von der Schülerfirma der Stephen-Hawking-Schule vertrieben. Die Schülerfirma ist ein anerkanntes Projekt der Unesco und wurde 2009 als sogenanntes Dekade-Projekt für nachhaltige Bildung, Kommu­nikation, Offenheit und Menschenrechte ausgezeichnet. Die Schüler lernen, für den Verkauf Kaffee ­aufzubrühen, Preise und Mengen zu kalkulieren, Waren zu vermarkten, das Sortiment an Kundenwünsche anzupassen und fair und nachhaltig zu handeln. Lilli hat heute Dienst am Kaffeeautomaten. 50 Becher wird sie bis zum Ende der Pause gefüllt haben. Mit dem Verkauf des Kaffees sorgen die Schüler dafür, dass die Kaffeebauern in Nicaragua einen fairen Lohn und ihre Kinder Ausbildungschancen erhalten: Denn der Heidelberger Partnerschaftskaffee e.V. unterstützt Kaffeebauern der Genossenschaft UPS Soppexcca und verkauft im Rhein-Main-Gebiet jährlich 20 Tonnen des Partnerschaftskaffees. Pro Kilogramm erhalten die Bauern einen Euro mehr als den jeweiligen Fair-Handelspreis. Davon werden Stipendien für begabte Schüler aus armen Familien finanziert. 300 US-Dollar pro Jahr sind nötig, damit ein Kind eine weiterführende Schule besuchen kann. „Es ist fantastisch, dass sich ihnen durch einen gerechteren Preis Möglichkeiten eröffnen, die sie sich gar nicht zu erträumen wagten“, erklärt Heinz Reinke bewegt. 28 Sti­pendia­ten sind es aktuell. Er kennt sie alle. Manche Familiengeschichte verfolgt er nun schon über 20 Jahre. Das verbindet. „Und das lässt mich auch nicht mehr los.“ 

Botschafter der kleinen Leute

Dass durch das Projekt beide Welten profitieren, ist Heinz Reinkes Engagement zu verdanken. Seit 30 Jahren arbeitet er als Sonderschullehrer für Sprach- und Lernbehinderung an der SRH Stephen-Hawking-Schule, und ebenso lange engagiert er sich über das Nicaragua-Forum in Heidelberg für Familien in dem mittelamerikanischen Land. In den 80er-Jahren bereiste der heute 57-Jährige als Chorsänger erstmals Nicaragua. Die Lebensumstände der Menschen waren katastrophal, es fehlte am Nötigsten. Reinke begriff schnell, dass „es hier wenig braucht, um Familien nachhaltig zu helfen“. Seither ist er alle zwei Jahre während der Schulferien vor Ort. Im vergangenen Jahr nahm er sich ein Sabbatjahr vom Schuldienst und verbrachte sieben intensive Monate im Land. „Unsere Möglichkeiten, strukturell etwas zu verändern, bleiben begrenzt“, weiß Heinz Reinke, „Aber dennoch ist das das Ziel.“ Und Kaffee ist ein guter Anfang. Reinkes Sabbatmonate waren dicht ge­packt. Neben den Kaffeebauern kümmert er sich um ein zweites Projekt: Los Pipitos, eine landesweite Initiative von Eltern mit behinderten Kindern, die ihren Sitz in Somoto im Norden Nicaraguas hat. Die Organisation will die Eigeninitiative betroffener Eltern fördern. Sie informieren, vermitteln Ärzte, bilden Eltern zu Beratern aus, die wiederum andere Eltern aufklären und gemeinsam Lehrer sensibilisieren. „80 Prozent der Kinder mit Einschränkungen leben in Entwicklungsländern, aber nur zwei bis drei Prozent von ihnen besuchen eine Schule“, erklärt der Pädagoge. Armut, fehlende medizinische Versorgung, mangelhafte Ernährung – eines kommt zum anderen. Oft wissen die Mütter gar nicht, warum ihre Kinder anders sind. Auch Lehrer sind überfordert. Hier setzen die Heidelberger an. Seit 17 Jahren unterstützen sie die Organisation und finanzieren ein Zentrum mit sechs Mitarbeitern. 

Hilfe, die Kreise zieht

Heinz Reinkes Erfahrung ist hier genau richtig. Und er teilt sie gerne. So reiste er 2014 viele Kilometer über holperige und staubige Landstraßen, besuchte Familien, „die weitab in einfachsten Hütten leben und lernbehinderte Kinder haben. Die Väter sind oftmals verschwunden“, beschreibt er die schwierigen Verhältnisse. In den Ortsvereinen gab er Workshops für Eltern und Lehrer, in denen er erklärte, warum bei Kindern mit Handicap handlungsorientiertes Lernen – Dinge selbst ausprobieren und erkunden lassen – so wichtig ist. Auch diplomatische Treffen standen regelmäßig auf dem Plan: Da galt es, Bürgermeister mit ins Boot zu holen, um zum Beispiel Räume für die Elterntreffen zu bekommen. Auch der Besuch beim regionalen Erziehungsministerium war Pflicht, um für die Zusammenarbeit zu werben und Kontakte zu vermitteln – innerhalb Nicaraguas wie in Deutschland. Zurück im heimischen Schulalltag plante Heinz Reinke mit der Unesco-Gruppe den Tag der Men­schenrechte. Die Schüler der beteiligten Klassen organisierten Kaffee- und Kuchenverkauf, eine Tombola und eine Filmvorführung zum Recht auf Schulbesuch. Den Erlös spendeten sie für Los Pipitos. Die mittelamerikanischen Jugendlichen haben sich mit einem Foto bedankt. Auch sie waren an diesem Tag aktiv und haben in ihrer Heimat demonstriert. Mit einfachen Pappkartonschildern sind sie durch die Straßen gezogen für Toleranz, Bildung und – Solidarität. „Vielleicht haben sie dabei an uns gedacht“, überlegt Heinz Reinke lächelnd. „So schließt sich der Kreis.“

Von Iki Kühn

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Die Heidelberger Nicaragua-Hilfe unterstützt Schüler mit Einschränkungen in dem mittelameri­kanischen Land.

Die Stephen-Hawking-Schule gehört als eine von vier privaten Schulen zur SRH. Dort werden Schü­ler mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet, zurzeit sind es rund 900 Kinder und Jugend­liche. Unter einem Dach sind zehn verschiedene­ Bildungs­gänge vereint: von der Grundschule über die Werk­real- und ­Re­alschule bis hin zum allge­mein­bildenden Gymnasium und zwei beruflichen Gymnasien.

Die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, ­Wissenschaft und Kultur, hat bundesweit rund 200 Schulen in das Projektschulen-Netzwerk aufgenommen. Diese Schulen haben es sich auf die Fahnen geschrieben, im Unterricht und darüber hinaus ihren Schülern die Einhaltung der Menschenrechte, kulturelle und Umweltbildung sowie den gerechten Ausgleich zwischen Arm und Reich zu vermitteln.

Als Unesco-Projektschule folgt auch die SRH Stephen-Hawking-Schule dem Gedanken der „Einen Welt“ und der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Vielfältige Projekte wie das Café Olé sollen das soziale Bewusstsein der Schüler und Schülerinnen schärfen und sie anregen, in globalen Zusammenhängen zu denken.

www.nicaragua-forum.de 

www.partnerschaftskaffee.de

www.ups-schulen.de 

www.stephenhawkingschule.de