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Bildung13.12.2011

Berufliche Rehabilitation

Zu alt? Von wegen!

Michael Hillert

Michael Hilllert, Bürokaufmann und Controller, arbeitet gerne. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. (Foto: Timo Volz)

Für die Rente zu jung, für Arbeitgeber zu alt: Vielen, die mit Anfang 50 arbeitslos werden, droht das berufliche Aus. Das wollte Michael Hillert so für sich nicht akzeptieren. Bei der SRH Berufliche Rehabilitation in Karlsruhe machte er eine SAP-Schulung für die Altersgruppe 50 plus – und startete in Sachen Karriere noch einmal durch.

Michael Hillert ist ein Mensch, der lieber nach vorne als zurückblickt. „Ich packe Dinge lieber an, statt lange darüber zu grübeln, was schiefgelaufen ist. Meist beiße ich mich an einem Problem so lange fest, bis ich eine Lösung finde“, erzählt der gebürtige Baden-Badener und lacht. Manche empfänden das zunächst als penetrant, gäben aber hinterher häufig zu, dass sich seine Hartnäckigkeit gelohnt habe.

Tatsächlich ging es beruflich für den gelernten Bürokaufmann und Controller 35 Jahre lang bergauf. Bis er mit Anfang 50 plötzlich auf der Straße stand. „Du wirst aus deinem Alltag gerissen. Wie es weitergeht, steht in den Sternen. Das ist hart“, erzählt der heute 56-Jährige. Damals habe er sich vor allem um die finanzielle Situation seiner Familie gesorgt: „Meine Frau hatte kein großes Einkommen, sie arbeitete im Büro einer Ballettschule, unser Sohn studierte, die Tochter ging noch zur Schule. Ich musste sie versorgen. Und ich wollte meinen Kindern ein Vorbild sein.“ Also beschloss Hillert, wie gewohnt nicht locker zu lassen – und mit aller Kraft um eine neue Stelle zu kämpfen.

Die Basis für beruflichen Erfolg

Michael Hillert

Michael Hillert blickt optimistisch in die Zukunft. Und er ist stolz darauf, den Sprung zurück in den Beruf geschafft zu haben. (Foto: Timo Volz)

Schon in der Schule entdeckt Michael Hillert sein Faible für Kalkulation und Zahlen. Nach dem Abitur startet er Mitte der 1970er-Jahre eine Ausbildung zum Bürokaufmann im Versandhandel. „Bei der Heinrich Heine GmbH habe ich enorm viel gelernt: Kostenbewusstsein, Teamfähigkeit und das Gespür, Controlling als positive Kraft zu nutzen“, erinnert sich Hillert. Seit damals sei ihm wichtig, den Rotstift vernünftig anzulegen, also nicht einfach nur zu streichen, sondern Alternativen zu erarbeiten. Das Gelernte hätte sich als „wahrer Schatz“ für sein Berufsleben erwiesen.

Nach seinem Abschluss wird er übernommen, seine Vorgesetzten erkennen das Potenzial des ehrgeizigen jungen Mannes und fördern ihn entsprechend. Berufsbegleitend absolviert Hillert Fortbildungen zum Handelsfachwirt und Bilanzbuchhalter. Er durchläuft verschiedene Stationen im Unternehmen, bevor er 1996 als Controller zur AWO wechselt und zwei Jahre später die Verwaltungsleitung einer Zivildienstschule übernimmt. Zwar arbeitet diese wirtschaftlich erfolgreich, doch aufgrund politischer Entscheidungen droht die Schließung. Über die Frage, wie es in dieser Situation weitergehen soll, kommt es zum Bruch zwischen dem Schulbetreiber und Michael Hillert. Der ist zu diesem Zeitpunkt 52 – und zum ersten Mal in seinem Leben arbeitslos. „Auch wenn’s schwerfiel, musste ich mir damals immer wieder vor Augen führen: Jeder Anfang birgt eine Chance“, sagt er. „Denn ich wollte positiv denken und vor allem den Respekt vor mir selbst bewahren.“

Auf neuem Kurs

Bei der Agentur für Arbeit erhält er das Angebot, eine Fortbildung zu machen. Ein Rhetorik- oder Zeitmanagementkurs kommt für ihn jedoch nicht infrage. Hillert entscheidet sich vielmehr für eine Fortbildung, die ihm ein gutes Werkzeug für seinen Beruf liefert: eine SAP-Qualifizierung beim Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrum der SRH in Karlsruhe für die Altersgruppe 50 plus.

Anfang August 2007 beginnt der Vollzeitkurs. Knapp vier Monate lang setzen sich die 16 Teilnehmer intensiv mit der Fakturierung, Materialwirtschaft, Anlage- und Finanzbuchhaltung in SAP auseinander. Darüber hinaus vermitteln die Dozenten auch praktische Tipps, etwa für Online-Bewerbungen. Michael Hillert sieht in dem Kurs allerdings noch weit mehr als nur eine Fortbildung: „Er war für uns eine Art Netz, das uns auffing und daran hinderte, tiefer zu fallen. Wir saßen nicht alleine zu Hause, sondern waren abgelenkt, trafen Gleichgesinnte.“ Vor allem an die Gespräche und an das Vertrauen untereinander erinnert er sich gerne.

Schnell wird der ehemalige Geschäftsmann zum Ansprechpartner und Ratgeber. „Ich habe gerne geholfen. Wer hilft, dem wird geholfen. Und natürlich tat es gut, zu spüren, dass ich gebraucht werde“, erzählt er. Auch Angelika Bier, die Leiterin der Niederlassung Karlsruhe, ist von seinen fachlichen und menschlichen Fähigkeiten überzeugt. Weil ein Dozent fehlt, engagiert sie ihn kurzerhand als IT-Trainer für ein Controlling-Seminar. „Plötzlich war ich der Lehrer. Das hat mich enorm motiviert und mein Selbstbewusstsein gestärkt. Ich schätze, das war es auch, was Frau Bier erreichen wollte“, erzählt Hillert.

 

Ich wollte positiv denken und vor allem den Respekt vor mir selbst bewahren.

Michael Hillert

 

Als Abschluss des Kurses müssen alle Teilnehmer ein sechswöchiges Praktikum absolvieren. „Davor hatte ich etwas Respekt“, erinnert sich Hillert. „Für jemanden wie mich, der in seinem Leben nur selten eine Bewerbung geschrieben und selbst Budget- und Personalverantwortung hatte, war die Rolle des Praktikanten äußerst ungewohnt.“ Doch der Austausch in der Gruppe und mit den Dozenten hilft ihm, diese Hürde zu meistern. Bei einem Energiedienstleister für die Erfassung und Abrechnung von Energie-, Wasser- und Hausnebenkosten in Karlsruhe findet er schließlich den ersehnten Praktikumsplatz – und fühlt sich dort von Anfang an wohl. Er engagiert sich, macht Vorschläge zur Verbesserung von Abläufen, baut ein Berichtswesen für das Forderungsmanagement auf und erhält viel positives Feedback von Kollegen und Vorgesetzten. Tatsächlich wird sein Vertrag zweimal verlängert, doch Aussicht auf eine langfristige Anstellung gibt es nicht. „Das habe ich sehr bedauert. Doch da ich weiterkommen wollte und musste, begann ich, mich nach etwas anderem umzuschauen“, erzählt Hillert. Auf der Suche nach einer langfristigen Stelle versendet er rund 150 Bewerbungen – und erhält zahllose Absagen. „Ich vermute, für viele Arbeitgeber war ich einfach zu alt – ein deprimierendes Gefühl“, sagt er.

Doch ein Freund aus dem Kurs macht ihn auf ein Stellenangebot des Kirchlichen Rechenzentrums Südwestdeutschland aufmerksam, eines Unternehmens, das IT-Dienstleistungen speziell für Kirche, Diakonie und Caritas anbietet. Hillert bewirbt sich und wird zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. „Als ich davon erfuhr, war ich so aufgeregt, dass ich sofort ganz viele meiner Freunde angerufen habe“, berichtet er schmunzelnd. „Beim Gespräch war ich dann einfach ich, das Beste, was ich tun konnte. Irgendwann schob der Personalverantwortliche seinem Vorgesetzten einen Zettel zu, und ich konnte lesen, was daraufstand: Volltreffer.“

Niemals aufgeben

Michael Hillert

Sein beruflicher Erfolg motiviert Michael Hillert – und gibt ihm Auftrieb. (Foto: Timo Volz)

Inzwischen ist Michael Hillert stellvertretender Leiter der Abteilung Finanzmanagement – eine Rolle, in der er sich pudelwohl fühlt. Damit, dass sein direkter Vorgesetzter jünger ist als er, hat er kein Problem. „Ich habe diese Konstellation selbst vorgeschlagen“, erklärt er. „Wir arbeiten als Team, und ich kann meine ganze Erfahrung einbringen, indem ich ihn strategisch und konzeptionell unterstütze.“ Regelmäßig vertritt er zudem sein Unternehmen auf Arbeitgebermessen. Für die zahlreichen Menschen, die auf der Suche nach Arbeit dorthin kommen, hat er immer ein offenes Ohr und einen Tipp: „Wichtig ist, dass man niemals müde wird, sein Ziel zu verfolgen. Irgendwann wird das honoriert.“

Dass er jetzt, mit Mitte 50, wieder viel zu tun hat, stört ihn nicht – im Gegenteil. In seiner Freizeit versucht er, möglichst viel Kraft für anstehende Aufgaben zu tanken: Er treibt viel Sport, kocht gerne mit Freunden. Sein liebstes Hobby aber ist die Malerei. Dabei könne er am besten entspannen, sagt er. Michael Hilllert träumt davon, als Rentner mit seiner Frau und einigen guten Freunden ein kleines Haus irgendwo am Wasser zu bewohnen und sich ausgiebig dem Malen widmen zu können. Doch bis dahin dauert es noch ein Weilchen. „In der Zwischenzeit wird mir sicherlich nicht langweilig, es gibt noch genug für mich zu tun“, sagt er und lächelt verschmitzt. Also nichts wie ran.

Gabriele Jörg

Von Mensch zu Mensch

Angelika Bier

Angelika Bier (Foto: SRH Berufliche Rehabilitation)

Ziel des SRH Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums Karlsbad-Langensteinbach ist, Rehabilitanden neue Berufschancen zu eröffnen und sie dauerhaft in den Arbeitsmarkt zu integrieren. PERSPEKTIVEN sprach mit Angelika Bier, Leiterin der Niederlassung Karlsruhe, darüber, warum es dabei neben fachlichen auch auf soziale Kompetenzen ankommt.

 

Frau Bier, welche Kurse finden bei Ihnen statt?
Das wechselt. Wir werden von Kostenträgern wie der Agentur für Arbeit beauftragt und führen dann entsprechende Maßnahmen durch. Das kann beispielsweise eine SAP-Qualifizierung für Arbeitslose über 50, eine Schulung für berufstätige Erzieherinnen in Medienkompetenz oder eine Feststellungsmaßnahme im kaufmännischen Bereich sein. Dank unseres guten Pools an Dozenten können wir uns auf unterschiedlichste Berufsgruppen einstellen.

Worauf legen Sie bei Ihren Maßnahmen Wert?
Uns ist wichtig, dass jede Maßnahme einen Bezug zur Praxis hat. Bei einer IT-Schulung für Erzieherinnen etwa schauen wir vorab, wo sie wirklich Bedarf haben, und richten den Kurs danach aus. Und aufgrund unserer guten Kontakte zu Unternehmen in der Region finden unsere Teilnehmer in der Regel schnell einen Praktikumsplatz. Doch uns geht es nicht ausschließlich darum, Fachwissen zu vermitteln. Wir sehen den Menschen im Ganzen, beobachten, wie er mit seiner neuen Situation umgeht, führen viele Gespräche. Zu Beginn eines Kurses machen wir mit jedem Teilnehmer eine Art Momentaufnahme: Wo kommt er her? Wo steht er? Wo will er hin? Engagiert sich beispielsweise jemand ehrenamtlich, könnte sich hier auch beruflich eine neue Chance auftun.

Wovon hängt Ihr Erfolg ab?
Das A und O ist, dass der Teilnehmer motiviert ist. Hat jemand keine Ziele und schaut nur zurück, wird es für uns schwierig. Hier helfen jedoch häufig die erwähnten Gespräche. Indem wir gemeinsam mit dem Teilnehmer seine Stärken ausloten und Lösungen erarbeiten, gelingt es uns, ihn zu motivieren. Hinzu kommt, dass in unserem Team ein gutes Klima herrscht und wir uns dank kurzer Wege unkompliziert und schnell austauschen können. Davon profitieren auch die Teilnehmer.

Und was sollen diese vor allem mitnehmen?
Ich wünsche mir, dass sie sich am Ende einer Maßnahme besser in neue Situationen einfinden und das Neue als Herausforderung und Chance annehmen können. Und dass sie ein Stück Unerschrockenheit mit auf ihren Weg nehmen.

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SRH Berufliche Rehabilitation Karlsbad

Seit mehr als 30 Jahren ebnet das Berufliche Bildungs- und Rehabilitationszentrum Karlsbad-Langensteinbach Menschen mit Handicap den Weg ins Arbeitsleben.