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Zweite Chance genutzt

Grit Müller packt auf Station überall da an, wo Patienten und Kollegen Hilfe gebrauchen können.

Grit Müller war lange arbeitslos. Dank eines Pro­jektes am SRH Wald-Klinikum Gera greift sie nun als Stationshelferin Patienten wie Pflegekräften unter die Arme – und geht voll auf im neuen Job.


Es ist 7.30 Uhr, gleich gibt es Frühstück auf der Carl Zeiss Station im Wald-Klinikum Gera. Trotz der frühen Stunde steht Grit Müller gut gelaunt in der Stationsküche. Sie sieht ihre Unterlagen durch, desinfiziert ihre Hände und macht sich an die Arbeit. „Auf meinen Laufzetteln steht alles drauf, worauf ich bei den Patienten achten muss, welches Krankheitsbild sie haben, wer nüchtern bleiben muss oder wer beispielsweise Diabetes hat und deshalb keinen Zucker bekommen darf“, erklärt die 45-Jährige. Sie kocht frischen Kaffee und Tee für die Patienten, legt Brötchen oder Brot sowie Margarine und kleine abgepackte Marmelade auf die vorbereiteten Tabletts. Jede einzelne Essensbestellung wird akribisch von ihr kontrolliert.
Projekt mit guter QuoteGrit Müller ist glücklich, wieder Verantwortung zu tragen. Auf dieses Gefühl hat sie lange verzichten müssen. Fünf Jahre war sie arbeitslos. Bis 2009 hatte die gebürtige Geraerin im Einzelhandel gearbeitet. Als der Laden schloss, stand die gelernte Verkäuferin plötzlich auf der Straße. Verschiedene Maßnahmen des Arbeitsamtes, Ein-Euro-Jobs und jede Menge Bewerbungen brachten nicht die ersehnte Stelle. In den für sie passenden Berufen sind in Gera Festanstellungen, die über 400-Euro-Jobs hinaus­gehen, dünn gesät. 
Dass Grit Müller jetzt wieder fest im Job steht, verdankt sie einem Gemeinschaftsprojekt des SRH Wald-Klinikums Gera, der Beschäftigungsgesellschaft Otegau und dem Jobcenter in Gera. 25 Langzeitarbeitslose star­teten im Sommer letzten Jahres in ein zwölfwöchiges Praktikum am Klinikum und wurden als Stationshelfer fit gemacht. Im Anschluss an diese praktische wie theore­tische Einführung gingen sie den Patienten, Krankenschwestern und Pflegern bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten ein Jahr lang zur Hand.
Von den ursprünglich 25 Teilnehmern sind 14 mit an Bord geblieben, ihr Vertrag wurde verlängert. Vier stiegen aus, weil sie anderswo eine Stelle oder eine Ausbildung gefunden haben. Nur für sieben endete der Dienst, weil der Job auf Dauer doch nicht passte. Die elf frei gewordenen Plätze werden nun neu besetzt.
„Das ist eine unserer erfolgreichsten Maßnahmen“, freut sich Enrico Vogel, Geschäftsführer des Jobcenters Gera. „72 Prozent der ehemals Langzeitarbeitslosen haben eine Beschäftigung gefunden. Normalerweise liegt die Quote bei 50 bis 60 Prozent.“ Das Jobcenter hatte die Stellen in den ersten drei Monaten mit einem Einstellungszuschuss von 30 Prozent gefördert. „Menschen eine Chance zu geben, für die es nicht einfach war, Fuß zu fassen“, genau das sei das generelle Anliegen der SRH und der Grund, warum man an dem Projekt teilnehme, erklärt Dr. Uwe Leder, Geschäftsführer der Klinik.

Berufung gefunden

Seit September 2014 arbeitet Grit Müller nun also fest als Stationshelferin am Wald-Klinikum. „Ich war so froh, nach meinem Praktikum eine Festanstellung zu bekommen, auch wenn es zunächst nur befristet war“, sagt die engagierte Frau, die mit Mann und Kind in Gera lebt. Sie hatte zuvor schon mehrere Praktika hinter sich, kannte die Ungewissheit. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Inzwischen wurde ihr Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert.
Grit Müller ist in den Fachabteilungen Gynäkologie und Urologie sowie Onkologie eingesetzt. Dort hält sie die Patientenzimmer und die Stationsküche sauber, versorgt die Patienten mit Getränken und Speisen, übernimmt Botengänge für sie, hilft beim An- und Auskleiden und begleitet sie zu Untersuchungen. Sprich, sie ist immer da, wo gerade eine helfende Hand oder ein offenes Ohr gebraucht werden. Der Umgang miteinander auf der Station sei einfach wunderbar, sagt sie. Teamwork und Höflichkeit stehen ganz oben auf der Tagesordnung. 
„Als Stationshelferin kann ich mir auch einfach mal Zeit für Patienten nehmen, wenn ich zum Beispiel merke, es geht ihnen richtig mies. Dann setze ich mich zu ihnen ans Bett und bin für sie da. Gerade wenn man eine schlechte Nachricht bekommen hat auf der Krebsstation, wenn sich beispielsweise neue Metastasen gebildet haben. Dann tröste ich den Patienten und mache ihm Mut“, berichtet Grit Müller mit ruhiger Stimme. Die Arbeit mit Menschen macht ihr unheimlich Spaß. Pflege liegt ihr. Sie hat lange Jahre ihre Großmutter betreut.
 
Am Anfang habe es zwar ganz schön an ihr gekratzt, wenn ein Patient, den sie gut kannte, verstorben sei. Inzwischen habe sie aber gelernt, damit umzugehen. „Auch wenn Leben und Tod oft nah beieinanderliegen, darf man die Einzelschicksale nicht mit nach Hause nehmen. Bei dem einen fällt das leichter, bei dem anderen schwerer. Aber das ist wohl nur menschlich“, ergänzt sie. Physische und psychische Belastbarkeit sind zwei wichtige Voraussetzungen, um in diesem Beruf arbeiten zu können. Eigenschaften, die Grit Müller gerne investiert. „Endlich bin ich wieder fest in Arbeit, werde gebraucht und habe Verantwortung. Ein Wahnsinnsgefühl, für das ich sehr dankbar bin.“ 

Text Frances Teuchert
Fotos Roger Hagmann

 

 

Stationshilfen auch in Suhl

Am SRH Zentralklinikum Suhl läuft derzeit ein ähnliches Projekt. Am 1. September haben fünf vom Jobcenter ausgewählte Langzeitarbeitslose mit einem sechswöchigen Praktikum begonnen. Wer sich in dieser Zeit bewährt, wird im Rahmen des neuen Nahles-Förderprogramms als Stationshilfe eingestellt. Die Anstellung wird über den Europäischen Sozialfonds für 24 Monate finanziell unterstützt.
www.zentralklinikum-suhl.de 

Das SRH Wald-Klinikum Gera


Mit fast 1.000 Betten, 300 Ärzten und 700 Schwestern und Pflegern ist das Wald-Klinikum in Gera eines der größten Krankenhäuser in Ostthüringen. Das Klinikum deckt mit seinen 25 Fachabteilungen und Instituten sowie 20 spezialisierten Zen­tren das gesamte medizinische Leistungsspektrum ab. Daneben ist das Wald-Klinikum Deutschlands erstes Kulturkrankenhaus. So sind die Stationen zum Beispiel nach elf Persönlichkeiten, die seit Jahrhunderten einen engen Bezug zu Thüringen haben, benannt. Überlebensgroße Kopfreliefs von Friedrich Schiller, Walter Gro­pius, Martin Luther oder Carl Zeiss zieren im modernen Neubau die Eingangsbe­reiche der Etagen. Infotafeln daneben beschreiben die jeweilige Epoche.
www.waldklinikumgera.de
www.kulturkrankenhaus.de

 

Mehr als jeder Dritte länger als ein Jahr ohne Job 

Zahl der Arbeitslosen insgesamt und die der Lang­-zeitarbeitslosen darunter im Jahr 2014.Quelle: Bundesagentur für Arbeit

 

 

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