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Aufbruch in den Alltag

Logisches Denken, ein gutes Gedächtnis, Akribie und einen Sinn für Details – all das haben autistische Menschen zu bieten. Fähigkeiten, die eigentlich in Unternehmen gesucht werden. Doch der Weg zu einem festen Job ist für Autisten nach wie vor schwierig. Zwei SRH Einrichtungen machen fit für das Leben auf dem Arbeitsmarkt.

Felix Gruber (Name geändert) hat gerade seine Zwischenprüfung zum Steuerfachangestellten am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd geschrieben. Gute Zensuren sind ihm sicher. Der 23-Jährige ist dennoch nicht ganz zufrieden. Durch seinen Sitzplatz mitten im Raum konnte er sich nicht durchgehend konzentrieren. Bei der nächsten Prüfung will er unbedingt auf einen Platz am Rand achten. Ein ehrgeiziger junger Mann, der weiß, was er leisten kann, und seinen Weg geht. Auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches. Doch für Felix Gruber ist vieles anders als für die Mehrheit seiner Altersgenossen. Felix ist Asperger-Autist. Er erlebt die Welt anders als Nichtautisten. Dazu gehört, dass er beispielsweise Geräusche oder Gerüche so deutlich wahrnimmt, dass seine Konzentration erheblich beeinträchtigt ist. 

Sogenannte Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) zählen zu den tief greifenden Entwicklungsstörungen, die sich im Säuglings- oder Kleinkindalter zeigen und bis heute nicht heilbar sind. Im Wesentlichen werden der frühkindliche Autismus und das Asperger-Syndrom unterschieden (mehr dazu siehe Tabelle). Typischerweise fällt es den Betroffenen schwer, Körpersprache, Mimik und Gestik anderer einzuschätzen oder Gefühle zuzuordnen. Das kann spätestens auf dem Schulhof zum Problem werden, Mobbing ist daher für Autisten keine seltene Erfahrung. In Gruppen zu bestehen, verlangt von ihnen oft Höchstleistungen. „Die sozialen Fähigkeiten müssen trainiert werden, und das gelingt bei Asperger-Autisten relativ gut“, erläutert Andrea Peveling, Musik- und Psychotherapeutin am SRH Berufsbildungswerk (BBW) in Neckargemünd. Das BBW ist spezialisiert auf die außerbetriebliche Ausbildung von jungen Menschen mit individuellem Förderbedarf (mehr dazu siehe Seite 30).

Individuelle Förderung nötig 

Eine weitere Schwierigkeit im Alltag ist, dass bei Autisten oft einzelne Sinne besonders stark ausgeprägt sind. Dann können Geräusche, Lichtreize oder Gerüche nicht ausgeblendet werden, sondern sind ein permanenter, anstrengender Reizteppich, der jede Konzentration torpediert. Störende Reize im Umfeld müssen also erkannt und gemindert werden, um Leistung bringen zu können. „Asperger-Autisten verfügen in der Regel über eine gute Intelligenz und eine hohe Gedächtnisleistung. Deshalb kann eine Schulkarriere meist bis zu einem bestimmten Punkt in der Regelschule gut bewältigt werden. Doch wenn zunehmend Sozialkompetenzen gefordert sind,Teamarbeit oder Referate auf dem Stundenplan stehen, dann brechen die Karrieren oftmals ab, wenn die notwendige Unterstützung fehlt“, stellt Andrea Peveling fest.

Wenn Arbeitgeber wie der Software-Konzern SAP vor einigen Jahren einen Autismus-Berater einstellen und verkünden, dass man verstärkt Autisten etwa als Software-Tester oder Programmierer einstellen will, ist das zwar ein guter Schritt, doch die Voraussetzung, um im ersten Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance zu bekommen, ist und bleibt eine abgeschlossene Ausbildung. „In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Möglichkeiten der sozialen und beruflichen Rehabilitation für Menschen mit Autismus nachhaltig verbessert“, beobachtet Friedrich Nolte, Referent beim Bundesverband Autismus Deutschland e.V. 

Die interdisziplinären Teams aus Lehrern, Therapeuten und Psychologen im BBW Neckargemünd sind auf Autisten eingestellt. „Aktuell befinden sich rund 90 Menschen mit Störungen aus dem autistischen Formenkreis im BBW. Seit dem Jahr 2000 sind unsere Aufnahmezahlen sprunghaft gestiegen. Das liegt vor allem daran, dass die Diagnose ASS bedingt durch besseres Fachwissen der Bezugspersonen und erhöhte Aufmerksamkeit deutlich häufiger gestellt wird“, erläutert Dr. Christiane Gebest, Fachbereichsleiterin Psychologie-Psychiatrie am BBW. „Wenn das rechtzeitig geschieht, erfahren diese Schüler schnelle Unterstützung zum Beispiel durch einen Schulbegleiter oder Therapeuten. Bei vielen Jugendlichen, die zu uns kommen, wurde die Erkrankung aber oft erst spät erkannt.“

Halt geben

Felix Gruber startete schließlich 2013 nach einer Berufsorientierung seine Ausbildung zum Steuerfachangestellten im BBW inklusive Unterbringung im Internat. „Der Anfang war nicht leicht“, berichtet der junge Mann. „Die Eingewöhnung an das Leben in der Wohngruppe und den Tagesplan dauerte einige Wochen.“ Geholfen hat ihm dabei Andrea Peveling, die sich gerade zur Fachberaterin für Autismus weiterbildet. Sie ist therapeutische Begleiterin und Ansprechpartnerin für Probleme persönlicher oder organisatorischer Art. In Neckargemünd wurde zudem eine Therapiegruppe speziell für Menschen mit Autismus eingerichtet. Sie ermöglicht den Austausch untereinander, unterstützt bei Themen wie Smalltalk, Erkennen von Gefühlen oder Umgang mit Konflikten – und die Gruppenleiter informieren über die Krankheit.

Die Inhalte der Ausbildung sind für Felix Gruber nicht problematisch. Autisten wie er sind Spezialisten dafür, Details präzise abzuspeichern oder Muster zu erkennen. Schwieriger dagegen fällt es ihnen, Prioritäten zu setzen und Informationen weiterzuinterpretieren. „Mir fällt schwer, die aufgenommenen Informationen in der im Unterricht gewünschten Form aufzubereiten“, erklärt er. Darauf sind die Lehrer eingestellt und üben dies gezielt. Zudem bieten Ergotherapeuten unterstützendes Strukturierungs-, Lern- und Konzen­trationstraining. Jetzt nach der Zwischenprüfung steht für Gruber die nächste Bewährungsprobe an: ein sechsmonatiges Praktikum. Das BBW begleitet ihn während dieser Zeit. Vor dem Praxiseinsatz hat Felix Gruber ein wenig Scheu, „doch die Neugierde überwiegt“, erklärt er.

Für Routinen sorgen

Am Berufsförderungswerk Heidelberg (BFW) rückt das Thema Autismus seit etwa fünf Jahren stärker in den Fokus, beobachtet Geschäftsführer Thomas Windolf. Das BFW vermittelt Menschen berufliche Perspektiven, wenn Krankheit oder Behinderung dies erfordern. Die erwachsenen Teilnehmer starten mit einer Weiterbildung oder Umschulung in einen neuen Lebensabschnitt. Unter ihnen sind immer häufiger Autisten.

Ein achtköpfiges Team in der IT-Ausbildung hat sich auf ihre Bedürfnisse eingestellt und zunächst die notwendigen Rahmenbedingungen für konzentriertes Lernen geschaffen. Ganz wichtig ist es den Fachleuten zufolge, Reize zu reduzieren. Das gelingt zum Beispiel durch Lärmschutzmaßnahmen, den richtigen Kontrast am Bildschirm oder einen eigenen Raum für Klausuren. Dazu kommt eine individuelle Betreuung. Denn autistische Menschen benötigen feste Strukturen. Verändert sich etwas, können sie oft den Faden nicht wieder aufnehmen. Wenn etwa ein Autist nicht zum Unterricht erscheint, rufen die Dozenten ihn direkt an und erinnern ihn. Das reicht meistens aus. „Hier können wir schon mit kleinen Mitteln große Fortschritte für unsere Teilnehmer erzielen“, stellt Windolf fest.

Stärken werden zunehmend geschätzt

Mittlerweile erkennen immer mehr Unternehmen, dass Autisten mit ihrer Begabung für logisches Denken, Präzision und Mustererkennung wertvolle Mitarbeiter sein können. Sie sind zudem zuverlässig und haben keine Scheu vor vergleichsweise monotonen Arbeitsprozessen.

Das Bewerbertraining nimmt beim BFW einen breiten Raum ein, dennoch bleibt der Übergang aus der geschützten Atmosphäre der Ausbildung in den Berufsalltag eine große Hürde. „Neun von zehn unserer Teilnehmer finden innerhalb von zwei Jahren eine Festanstellung. Bei autistischen Menschen ist die Integrationsquote geringer“, erklärt Windolf.

Ein wesentlicher Grund ist die Unsicherheit der Arbeitgeber. Deshalb kooperiert das BFW seit rund einem Jahr mit Auticon. Dieses Berliner Unternehmen ist darauf spezialisiert, die neuen Mitarbeiter am Arbeitsplatz einzuführen und zu begleiten. Es dauert manchmal weit über ein Jahr, bis sie dort ohne Betreuung ihren Weg gehen können. „So eine Langzeitbetreuung ist eine ideale Ergänzung zu unserem Bildungsangebot“, ist sich Geschäftsführer Windolf sicher. Im vergangenen Jahr hat der 32-jährige Günter Paulik (Name geändert) seine Ausbildung zum Fachinformatiker im BFW erfolgreich abgeschlossen und durchläuft gerade die Bewerbungsphase bei Auticon. Seine Dozenten sind zuversichtlich, dass ihr ehemaliger Schüler den Sprung ins Berufsleben erfolgreich meistert.

 

SRH Bildungsangebote für Menschen im Autismus-Spektrum

Das SRH Berufsbildungswerk (BBW) Neckargemünd bietet Jugendlichen ab dem 15. Lebensjahr und jungen Erwachsenen mit speziellem Förderbedarf eine außerbetriebliche Berufsaus­bildung sowie qualifizierte Berufsvorbereitungsmaßnahmen an. Die Ausbildungen in mehr als 40 Berufen – zum Beispiel Elek­trotechnik/Elektronik, Metall- und Fahrzeugtechnik, Technisches Produktdesign, Wirtschaft und Verwaltung – erfolgen auf Basis von Neigung und Eignung. 

Im SRH Berufsförderungswerk (BFW) in Heidelberg erhalten Menschen mit körperlicher oder psychischer Erkrankung, die ihren Beruf nicht mehr ausüben können, eine neue Perspektive. Es bietet Kurse zur beruflichen Orientierung und über 40 Qualifi­zierungen mit anerkannten Abschlüssen in den Bereichen Wirtschaft und Verwaltung, Maschinenbau, IT und Telekommunika­tion, Metall- und Serviceberufen, Gesundheits- und Sozialwesen. Neben Heidelberg ist das BFW an zwölf weiteren Standorten in Deutschland präsent.

Von Iki Kühn

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)

Bei ASS verarbeitet das Gehirn Wahrnehmungen und Informationen nicht korrekt. Über die Ursachen wird seit Jahrzehnten geforscht. Die Ergebnisse deuten auf eine genetische Veranlagung hin. Von 10.000 Neugeborenen können bis zu 100 betroffen sein, Jungen deutlich häufiger als Mädchen. Die Kinder gelten oft als zurückgezogene Eigenbrötler mit meist sehr speziellen Interessen und Fähigkeiten. Die Ausprägungen der Störungen – zum Beispiel der Drang zu stereotypen Verhaltens- und Aktivitätsmustern wie penibles Sortieren oder das Bestehen auf tägliche Routinen – sind unterschiedlich stark.

Erfahrener Experte für Berufliche Rehabilitation: Thomas Windolf

Felix Gruber im Gespräch mit Christiane Gebest.

autismus Deutschland e.V., Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus: www.autismus.de

Aspies e.V. Selbsthilfeorganisation von und für Menschen mit Autismus: www.aspies.de

Auticon ist eine IT-Beratung mit aktuell sechs Büros in Deutschland. Sie stellt ausschließlich Menschen mit Autismus als Consultants/Berater ein und setzt sie in Kundenprojekten ein. Die Beratungsfirma wurde 2011 vom IT-Manager Dirk Müller-Remus gegründet, der selbst einen autisti­schen Sohn hat. Für ihren innova­tiven Beschäftigungsansatz hat das Unternehmen mittlerweile zahlreiche Preise erhalten.