direkt zum Inhalt

Außer Betrieb

Burnout galt lange Zeit als Modekrankheit. Wer sich nicht mindestens einmal ausgebrannt fühlte, hat nie richtig gearbeitet, heißt es im Scherz. Doch dahinter steckt eine ernst zu nehmende Erkrankung. Betroffene müssen sich mühsam neu finden. 

Thomas Hambrechts Leidenschaft sind Oldtimer. Das Sommerhalbjahr war für ihn stets die Zeit der Glücksgefühle. Dann wurden der Borgward Baujahr 1961 oder der Mustang von 1967 aus der Garage geholt, aufpoliert und ausgefahren. Doch vor ein paar Jahren kam dem 55-jährigen Wirtschaftsinformatiker die Lust völlig abhanden. Nicht nur an seinen alten Automobilen, am Leben insgesamt. Dabei hatte er sich als Projektleiter in einem Weiterbildungsunternehmen pudelwohl gefühlt, war als Mitglied der deutschen Rugbymannschaft mehrfach deutscher Meister und überquerte mit dem Rad die Alpen. „Wenn die Hütte gebrannt hat, fühlte ich mich am wohlsten“, beschreibt Thomas Hambrecht (Bild links) sein damaliges Lebensgefühl. Für ihn gab es kein Problem, das nicht gelöst werden konnte. Auf ihn war Verlass. 

2011 beginnt dann ein schleichender Prozess. Hambrecht erlebt Veränderungen, die er an sich nicht kennt und denen er nicht zu begegnen weiß. Egal was er anpackt, er empfindet keine Freude mehr. Eine bleierne Müdigkeit lastet auf ihm. Bluthochdruck muss behandelt werden, und der Internist diagnostiziert Depressionen. Ein Jahr später steigt die Belastung am Arbeitsplatz massiv. Und er, der bisher in solchen Situationen mit Enthusiasmus die Ärmel hochkrempelte, liegt nachts wach, die Gedanken kreisen um Punkte, die er womöglich vergessen hat. „Ich mache keine Fehler“, war bislang sein Credo. Und jetzt kommen die Zweifel. Im August 2012 ist die Schmerzgrenze erreicht. Thomas Hambrecht erkennt, dass er Hilfe braucht. Völlig erschöpft weist er sich selbst in eine psychiatrische Klinik ein. „Wenn man aufs Pedal drückt, kommt einfach nichts“, beschreibt er seinen Zustand. Ausgebrannt. Burnout. 

Viele Symptome sind möglich

Burnout ist medizinisch betrachtet keine Krankheit, für die es eine einheitliche Diagnose gäbe. „Es ist ein Modell, das ursprünglich aus den sozialen Berufen kommt, für Menschen, die sich über ihre Grenzen hinaus ver­ausgaben. Wie sich das bemerkbar macht, ist individuell sehr unterschiedlich“, erläutert Professor Dr. Matthias Weisbrod, Chefarzt der Psychiatrie des SRH Klinikums Karlsbad-Langensteinbach. Charakteristische Züge für Menschen mit diesem Erschöpfungssyndrom sind zum Beispiel: Anpassungs- und Schlafstörungen, Zukunfts- ängste, Selbstvorwürfe, Hilflosigkeit, mangelnde Freude, gestörte Interaktion, häufig verdeckte Depressionen oder Selbstmordgedanken (siehe auch Kasten rechts). Weil ein einheitliches Krankheitsbild fehlt, gibt es bei Burnout auch keine Standardtherapie. Die Bandbreite ist groß. In leichten Fällen kann es genügen, die eigene Lebens- und Arbeitssituation zu überdenken und unter Anleitung „Ordnung“ in den Alltag zu bringen (siehe Kasten S. 12). Macht sich die Belastung schwerer bemerkbar, können intensive stationäre Therapien oder Medikamente nötig werden – so wie bei Hans Marten (Name geändert). Der 57-Jährige war schon so weit, dass er seinem Leben ein Ende setzen wollte. Alles war zu viel, jeder Schritt eine Anstrengung, jeder Arbeitstag, jede Anforderung am Wochenende eine Qual, selbst Mahlzeiten nur noch eine Pflicht. Freude, Sinnhaftigkeit und das Gefühl, selbst etwas ändern zu können, waren völlig verloren gegangen. Seine Frau konnte ihn von einer stationären Behandlung im SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach (KKL) überzeugen, wo zunächst seine akuten Symptome unter anderem mit Psychopharmaka behandelt wurden.

Die Anforderungen, wie man zu sein hat, erzeugen heutzutage einen hohen Druck.

Udo Hecker, Leiter des Geschäftsbereichs SRH Berufliche Trainingszentren des Berufsbildungswerks Sachsen

Zurück zu sich selbst finden

Doch wichtiger ist, dass Hans Marten „Raum findet, sich wieder neu zu sortieren, Wahrnehmung übt und der Frage nachgeht, warum kann ich mich vor Überforderung nicht selbst schützen“, erklärt Elke Hofmann, Oberärztin am Psychiatrischen Zentrum des KKL. Musik und Sport gehören zu Martens Therapie. Für ihn eine völlig neue Erfahrung. Weder für das eine noch für das andere hatte er bislang Zeit. Jetzt steht er in einer Gruppe, lauscht Tönen, die aus einem kleinen klavierähnlichen afrikanischen Instrument kommen, das er sich ausgesucht hat. Er horcht auf die anderen, reagiert mit seinem Instrument und spürt, „wie sich Momente entwickeln, in denen wir uns gemeinsam einschwingen.“ 

Hans Marten will in seinen Beruf zurück. Der ge­lernte Elektrotechniker weiß, dass sich Druck und Stress an seinem Arbeitsplatz nicht eliminieren lassen. „Ich muss hier Werkzeuge lernen, wie ich damit umgehen kann“, erklärt er zuversichtlich. An der Klinik in Karlsbad hat Hans Marten die Möglichkeit, eine individuell auf ihn zugeschnittene arbeitstherapeutische Phase zu durchlaufen.

Damit übt er Arbeitsbelastungen Schritt für Schritt. 

„Eines der wichtigsten Werkzeuge für Patienten mit Erschöpfungssyndrom ist es, das Neinsagen zu lernen. Besonders wichtig für die Genesung ist die Fähigkeit, Achtsamkeit für sich selbst zu entwickeln, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen“, erklärt Dr. Olaf Ballaschke, Chefarzt an der Burgenlandklinik in Bad Kösen. Die SRH Fachklinik ist auf seelische und psychosomatische Erkrankungen spezialisiert. Bei der Behandlung stützen sich die Ärzte im Wesentlichen auf die kognitive Verhaltenstherapie. Wer hierher zur Reha kommt, bleibt in der Regel fünf Wochen. „Reha lohnt sich“, betont der Chefarzt. Ein strukturiertes Programm soll schrittweise ins Leben zurückführen. Das gelinge gut, je früher Patienten professionelle Hilfe erhalten.

Aufmerksamkeit wächst

Die Frage ist, was läuft falsch, wenn Menschen den Anforderungen ihres Alltags nicht mehr gewachsen sind? Statistiken zur Burnout-Entwicklung gibt es nicht, zu vielschichtig sind die Symptome und Ausprägungen. Und doch scheint es, als ob das Überlastungsphänomen präsenter geworden ist. Betroffene Prominente wie Sven Hannawald oder Tim Mälzer haben die Hemmschwelle gesenkt. Immer mehr Menschen trauen sich, nach Hilfe zu fragen. „Den Betroffenen fällt es oftmals leichter, den Grund für ihre Überlastung in ihrer Umwelt oder an ihrem Arbeitsplatz festzumachen. Damit stigmatisieren sie sich weniger selbst. Das hilft ihnen eher, Unterstützung zu suchen, als bei anderen psychiatrischen Krankheiten“, erklärt Professor Weisbrod. Anders als bei Depressionen wird der Begriff „Burnout“ weniger mit Schwäche oder Versagen verbunden. Er gilt in der Öffentlichkeit als die Krankheit der Leistungsträger, Manager, Leistungssportler. In der Realität lassen sich jedoch keine solchen beruf­lichen Charakteristika ausmachen. Es kann jeden treffen.Und es wäre zu kurz gegriffen, Burnout auf eine Überforderung am Arbeitsplatz zu reduzieren. „Die Ansprüche und die Erwartungen des Umfeldes haben sich auch im privaten Bereich nach oben geschraubt“, gibt Dr. Olaf Ballaschke zu bedenken. „Reiseziele müssen exotisch und aufregend sein, kulturelle Ereignisse muss man gesehen haben, Studenten brauchen unbedingt ihr Auslandssemester. Das Bedürfnis nach Erholung kommt dabei oftmals zu kurz.“

Prävention – ein Thema für Arbeitgeber

Udo Hecker, Leiter des Geschäftsbereichs SRH Beruf­liche Trainingszentren des Berufsbildungswerks Sachsen, glaubt, dass die Anforderungen, „wie man zu sein hat“, heute hohen Druck erzeugen. Der Normalitätsbegriff sei dabei sehr eng geworden. „Was vor ein paar Jahrzehnten noch als Facette des Lebens galt, hat heute schon Krankheitswert entwickelt“, betont er. 

Deshalb ist ihm wichtig, Sensibilität für Werte und Erwartungen zu wecken, und zwar direkt am Arbeitsplatz. Seit 2006 veranstaltet Hecker am BTZ Dresden den Arbeitgebertreff. Dort kommen aufgeschlossene Unternehmer einmal im Jahr zusammen, diskutieren und nehmen aktuelle Informationen mit, auch zum Thema Burnout. Arbeit habe eine positive Wirkung und biete Wertschätzung. „Doch es muss die richtige Arbeit sein“, erklärt Hecker. Arbeitgeber täten gut daran, sich klar zu werden, welche Werte und sozialen Kompetenzen zu ihrem Unternehmen passen – statt beispielsweise bei Bewerbern nur fachliche Fähigkeiten nachzufragen.

Günter Jacob, Mitgeschäftsführer des Fassaden- und Systemtechnikunternehmens Fasytec im sächsischen Schönteichen, weiß das: „Wir können es uns in unserem Betrieb mit 15 Mitarbeitern gar nicht leisten, eine wertvolle Fachkraft zu verlieren oder jemanden neu einzustellen, der nicht ins Team passt.“ Deshalb hat sich Jacob etwa angewöhnt, Mitarbeitergespräche ganzheitlich zu führen, sprich: nicht nur Unternehmens- und klassische Karriereziele zu besprechen, sondern auch private Pläne der Mitarbeiter mit einzubeziehen und möglich zu machen.

Der lange Weg zurück ins Leben

Das kann ein wichtiger Schritt bei der Burnout-Prävention sein. „Ein guter Schutz vor Erschöpfung gelingt schon durch das Achten auf Symptome, die entsprechende Fürsorge durch Möglichkeiten zur Erholung und eine gesunde, ausgewogene Lebensführung“, betont Dr. Britta Anke Skoeries, Leiterin des Psychosozialen Dienstes am SRH Beruflichen Trainingszentrum Wiesloch. Diese Achtsamkeit müssen Menschen nach einem Burnout oft neu lernen.

Denn nicht selten liegen die Fundamente für die Erkrankung weit in der Vita der Betroffenen zurück. Sie ­legen sich bewusst oder unbewusst Werte und Glaubenssätze zu, die sie über ihre Belastungsgrenzen führen. Einstellungen wie „Ich darf keine Fehler machen!“ oder „Was man anfängt, muss man zu Ende bringen“ werden zum Fluch. Patienten lernen in der Therapie, Sätze dieser Art künftig zu hinterfragen und neue, anerkennende Werte wie „Nur aus Fehlern lernt man“ oder „Auch wenn mir ein Fehler unterlaufen ist, so bin ich doch ein liebenswerter Mensch“ für sich zu etablieren. Nur so können sie den Kreislauf dauerhaft durchbrechen und powern sich nicht immer wieder aufs Neue aus.

Oldtimer-Fan Thomas Hambrecht ist mittlerweile am Beruflichen Trainingszentrum in Wiesloch angekommen. Nach einem Klinikaufenthalt und einer ambulanten therapeutischen Betreuung wagte er im April 2013 den beruflichen Neustart in die Selbstständigkeit. Doch schon ein Jahr später gelangte er wieder an seine Belastungsgrenze. Nach einer Kur trainiert Thomas Hambrecht nun seit Dezember am BTZ den schrittweisen Übergang in die alltägliche Belastung. Er eignet sich Software-Kenntnisse an, durchläuft ein Bewerbertraining und bereitet sich aktuell auf ein Vertriebspraktikum in einem Unternehmen für Großbäckereibedarf vor. „Darauf bin ich schon sehr gespannt“, erklärt der 55-Jährige. „Vielleicht wird es für mich ja der Einstieg in einen neuen Job. Das kann ich mir gut vorstellen.“ Die Lust ist jedenfalls wieder da.  

Von Iki Kühn

Aus Alt mach Neu: Viele Burnout-Patienten müssen lernen, negative Glaubenssätze in positive umzuwandeln (oben). Thomas Hambrecht steht kurz vor der Rückkehr in den Beruf (rechts).

In der Arbeitstherapie können Patienten etwa zwischen Schreinerei, Druckerei, Elektrotechnik und Büro wählen. Dort, wie auch in den Trainingsgruppen der Ergotherapie, üben die Patienten Durchhaltevermögen und Konzentrationsfähigkeit. Wichtig, um im Beruf wieder klarzukommen. Der ­Vorteil: Die Patienten trainieren unter realitätsnahen, aber geschützten Bedingungen. Diese Kombination ist einmalig in Deutschland.
www.klinikum-karlsbad.de

Bei der kognitiven Verhaltenstherapie geht es darum, unangemessene Wahrnehmungen, Bewertungen und Gedanken, die zu Angst, Ärger oder Depression führen, umzugestalten.
www.burgenlandklinik.de 

Das SRH Berufliche Trainingszentrum des Berufsbildungswerks Sachsen arbeitet an den Standorten Dresden, Cottbus und Leipzig. Dort erhalten Menschen nach psychischer Erkrankung ein speziell auf ihre Leistungsfähigkeit zugeschnittenes berufliches Training, um wieder erfolgreich in den Beruf zurückkehren zu können.
www.btz-dresden.de

Das SRH Berufliche Trainingszentrum (BTZ) Rhein-Neckar in Wiesloch war bundesweit die erste Einrichtung, die sich auf berufliche Rehabilitation für psychisch erkrankte Menschen konzentrierte, und verfügt deshalb heute über die längste Erfahrung. Am BTZ erhält jeder Teilnehmer – unabhängig von der Art der angebotenen Maßnahme – eine fachspezifische und psycho­so­ziale Begleitung im Betreuungstandem durch einen beruflichen Trainer und einen psychosozialen Mitarbeiter. 
www.btz-rn.de 

Weitere Artikel "Gesundheit"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Gesundheit" finden Sie hier

Weitere Artikel "Bildung"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Bildung" finden Sie hier