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Bildung05.06.2013

MultiKulti bietet ein Füllhorn an Perspektiven

BAUSTEINE ZUM ERFOLG

Studienanfänger, die aus einem anderen Kulturraum stammen, haben bei ihren ersten Schritten ins akademische Leben einige Hindernisse zu überwinden. Deshalb suchen Wissenschaftler der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien in Calw nach Lösungen, die den Einstieg ins Studium erleichtern – und obendrein die Kreativität fördern.

Doktorandin Asli Güler-Witt (Foto:Timo Volz)

Die Doktorandin Asli Güler-Witt skizziert ihren Traum von einem gelungenen Studium.

Aller Anfang ist schwer – für den Beginn eines Studiums gilt das wortwörtlich. Was ist eine Vorlesung, was ist ein Seminar? Welche Veranstaltungen sind Pflicht? Wie leihe ich Bücher aus? Wie schreibe ich eine wissenschaftliche Hausarbeit? – Neben der Herausforderung, sich nach der Schulzeit zum ersten Mal im Leben selbst organisieren zu müssen, verzweifeln Studienanfänger häufig auch an akademischen Hürden und dem ungewohnten Fachkauderwelsch. Die Folge: Viele geben bereits in den ersten Semestern wieder auf. Berechnungen des Hochschul- informationssystems (HIS) belegen das: Demnach brechen 42 Prozent der Studierenden mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft, die ihre Hochschulzugangsberechtigung an einer deutschen Schule erworben haben, ihr Bachelorstudium ohne Abschluss ab. Von den Bachelorstudien- anfängern, die ihr Abitur im Ausland gemacht haben, geben sogar 46 Prozent vorzeitig auf. Das ist deutlich mehr als der Durchschnitt, der bei 28 Prozent liegt. Die hohe Abbruchquote bei Studierenden mit Migrationshintergrund bestätigt auch Prof. Dr. Peter J. Weber, Rektor der SRH Hochschule in Calw.

LESETIPP

Peter J. Weber: Kampf der Sprachen. Die Europäische Union vor der sprachlichen Zerreißprobe (ISBN 978-3-89622-094-3)

In seinem Buch beleuchtet Peter J. Weber die Geschichte der Sprachen und unterstreicht deren Bedeutung für den Zusammenhalt innerhalb der Europäischen Union

 

Doktorandin Asli Güler-Witt (Foto:Timo Volz)

Asli Güler-Witt möchte Studierenden den Einstieg ins Studium erleichtern.

Schwerer Start

Er macht dafür eine ganze Reihe von Hinder- nissen verantwortlich, die Studierenden mit Migrationshintergrund -besonders zu Studien- beginn im Wegstehen. So finden viele zur deutschen Sprache und Studienkultur keinen Zugang. Denn Deutsch ist eine sehr abstrakte Sprache. „Wir sind es zudem gewöhnt, alles direkt anzusprechen und unserem Gesprächspartner möglichst präzise Angaben zu machen“, ergänzt Sprach- und Bildungsökonom Weber. In Süd- europa oder Asien hingegen ist es weniger üblich, die Dinge beim Namen zu nennen. „Chinesen etwa denken und reden in einer sehr bildhaften Sprache, detaillierte Erläuterungen finden sie eher irritierend“, erläutert der Wissenschaftler. Die Aussage „Es bedarf häufig sehr großer Anstreng- ungen, um die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens zu erlernen“ würde ein Chinese eher mit den Worten „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ umschreiben.

Dass solch unterschiedliche Denkwelten den Studienerfolg schmälern, liegt auf der Hand. „Hinzu kommt, dass Studierende mit Migra- tionshintergrund häufig mehr arbeiten müssen, da die familiäre Unterstützung geringer ausfällt“, erklärt Weber. Dies behindere das Studieren zusätzlich und führe im schlimmsten Fall zum Abbruch des Studiums.

Neue Konzepte erleichtern Einstieg

Was ist also zu tun? „Wir müssen die akademischen Betreuungs- und Umgangsformen anderen Kulturen anpassen“, meint der Rektor der SRH Hochschule Calw. Deshalb hat er gemeinsam mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Asli Güler-Witt ein dreistufiges Forschungsprojekt initiiert. Es zielt darauf ab, das Studieren zu erleichtern und die Studierenden in einer Eingangsphase besser auf das Studium vorzubereiten. „Im ersten Schritt haben wir alle rund 300 Lernenden an der Hochschule in Calw zu ihrem sprachlich-kulturellen Hintergrund und ihrem Studienerfolg befragt“, erklärt Asli Güler-Witt, die das Projekt im Rahmen ihres Promotionsvorhabens leitet. Ergänzend dazu führt die Doktorandin auch vertiefende Einzelinterviews durch. So erfährt sie viel über die individuellen Studienbedingungen und kann diese besser in Bezug zum Studienerfolg setzen. Im nächsten Schritt werden die Wissenschaftler ein standardisiertes Diagnoseverfahren entwickeln. Es soll dazu dienen, Bewerber mit Migrationshintergrund von Beginn an auf mögliche Studien- probleme hinzuweisen und sie entsprechend zu beraten. „Darüber hinaus möchten wir in der dritten Stufe verschiedene Lernmodule entwickeln, die als eine Art Sicherungssystem vor das Studium geschaltet werden“, verdeutlicht Güler-Witt. Dazu zählen beispielsweise Tutorien, studentische Peer Groups und intelligent zusammengesetzte Lerngruppen. Zudem wäre es vorstellbar, soziales Engagement mit der Vergabe von Social Credit Points zu belohnen, etwa wenn leistungsstärkere Studierende ihre Kommilitonen aus anderen Kulturen unterstützen. 

Nutzen für alle

„Wir erhoffen uns aber nicht nur positive Effekte für Studierende mit Migrationshintergrund“, betont Asli Güler-Witt. Von der Neugestaltung sollen alle Lernenden profitieren. Würden etwa Lerngruppen gezielt heterogen zusammengesetzt, entstehe eine Umgebung, in der alle Teilnehmer ihre Talente besser entfalten könnten. „Mehrsprachige Menschen sind in der Regel kreativer als Menschen, die nur eine Sprache sprechen“, ergänzt Prof. Weber. Sie sehen Sachverhalte und Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln. „Von dieser Multiperspektivität können alle profitieren, da nicht die erstbeste Lösung genommen wird, sondern die beste im Vergleich“, sagt der Sprachen- und Bildungsökonom. „Wir sehen uns ein Stück weit als Pioniere. Wenn es uns gelingt, mit dem Konzept unsere Studiengänge attraktiver zu gestalten, hat das sicher auch eine Signalwirkung für andere Bildungseinrichtungen.

GEORG HAIBER

HANDELN GEBOTEN

Laut Statistischem Bundesamt lebten 2011 rund 2,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Baden-Württemberg; das ist grob geschätzt jeder Vierte. In der Region Calw haben knapp 19 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.

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