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Beistehen statt dabeistehen

Ein Verletzter liegt nachts an einer einsamen Landstraße, Betrunkene belästigen eine Frau – in solchen Situationen einzugreifen, erfordert Zivilcourage. Die lässt sich lernen.

in Mädchen sitzt weinend am Straßenrand, am Knie eine blutige Schürfwunde. Sie ist ganz allein – und das bleibt sie auch: Die meisten Passanten, darunter sogar Mütter mit Kindern, laufen einfach vorbei, ignorieren sie. Es klingt hart, doch Prof. Dr. Frank Musolesi, Dekan der Fakultät für Angewandte Psychologie an der SRH Hochschule Heidelberg, wundert die mangelnde Anteilnahme kaum. Seit Jahren untersucht der Professor die verschiedenen Facetten prosozialen Verhaltens. Zum Glück war das Kind nur der Lockvogel in einem Feldversuch, den seine Studenten 2014 durchgeführt haben, die Wunde war nicht echt. 

Das Experiment belegt einmal mehr: Je anonymer das Umfeld, desto ausgeprägter der sogenannte Bystander-Effekt. So bezeichnen Psychologen das Phänomen des tatenlosen Vorbeigehens oder Dabeistehens in einer offensichtlichen Notsituation. Ähnlich wie bei anderen Versuchen ignorierten mehr als 90 Prozent der Städter das hilfsbedürftige Mädchen. Doch selbst auf dem Dorf, wo die Menschen sich besser kennen, boten rund 70 Prozent der Passanten keinerlei Unterstützung an. Bundesweit sorgt der Bystander-Effekt regelmäßig für traurige Schlagzeilen, wenn mal wieder das Opfer eines Angriffs oder Unfalls einfach sich selbst überlassen wurde.  

Wegschauen ist nur allzu menschlich 

Wer nicht an dieser Barriere im Kopf scheitern will – sei es, um als potenzieller Helfer im richtigen Moment aktiv zu werden oder um als Opfer im Ernstfall erfolgreich Hilfe einzufordern –, der müsse zunächst die psychologischen Zusammenhänge verstehen, erklärt Professor Musolesi. Denn der Bystander-Effekt speist sich weniger aus Bosheit oder Gleichgültigkeit als vielmehr aus drei sozialpsychologischen Komponenten. Da wäre zunächst die Verantwortungsdiffusion: „In Gruppensituationen sinkt das Verantwortungsgefühl drastisch, da jeder die Verantwortung bei den anderen sieht“, erklärt der Heidelberger Psychologe. Ein weiteres Hemmnis sei die weitverbreitete Angst, etwas falsch zu machen und sich zu blamieren. Gleichzeitig wirke die Untätigkeit der anderen selbstverstärkend, nach dem Motto: Wenn niemand eingreift, ist die Situation wohl harmlos – in der Psychologie auch als pluralistische Ignoranz bezeichnet. 

Wer versteht, was im Kopf abläuft, wird bei einer Notsituation bereitwilliger helfen. Und auch als Opfer lässt sich mit diesem Wissen besser Hilfe einfordern. Der wichtigste Tipp: Umstehende gezielt ansprechen. „Zeigen Sie mit dem Finger auf die Person, die Sie meinen, und formulieren Sie Ihren Hilferuf möglichst konkret“, rät Frank Musolesi. „Zum Beispiel: ‚Sie da, mit der blauen Jacke, ich werde bedroht, rufen Sie schnell die Polizei.‘ So kann sich keiner hinter den anderen verstecken oder den Ernst der Lage ignorieren.“ Theoretisch ist jeder Bürger sogar zur Hilfe verpflichtet. Wer bei Unglücksfällen oder bei „gemeiner Gefahr oder Not“ nichts unternimmt, obwohl das erforderlich und zumutbar wäre, muss laut § 232c Strafgesetzbuch sogar mit bis zu einem Jahr Gefängnis rechnen. 

Verbündete suchen

Wie man sinnvoll Hilfe leistet, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, vermitteln zum Beispiel Zivilcourage-Trainings, wie sie in vielen Städten regelmäßig stattfinden. In Heidelberg bietet etwa der Verein Kommunale Kriminalpräven­tion Rhein-Neckar unter der Regie einer Theaterpäda­gogin und zweier Präventionsexperten von der Polizei Heidelberg solche Trainings an. Auch Firmen oder Institutionen können Kurse für Mitarbeiter buchen. Schüler des SRH Berufsbildungswerks Neckargemünd haben bereits mehrfach an so einem Zivilcourage-Kurs teilgenommen. 

Wie ein Training aussehen kann, zeigt ein Video, das Schüler der SRH Fachschule für Sozialwesen in Heidelberg zusammen mit der Landesschau des Südwestrundfunks gedreht haben. In der Ausbildung der angehenden Jugend- und Heimerzieher an der Fachschule spielen Zivilcourage und Konfliktverhalten eine wichtige Rolle. Der Film zeigt, wie die Kursteilnehmer in der Gruppe verschiedene Situationen durchspielen, die sich täglich und überall ereignen können: Zwei Männer belästigen eine Frau, auf dem Bahnsteig prügeln sich Jugendliche, ein Zeuge versucht, Hilfe zu rufen. 

Oberste Regel: Nicht den Helden spielen, sondern sich möglichst Verbündete suchen. „Sagen Sie ganz klar, worum es geht, damit sich Ihre Mitstreiter auf die Situa­tion einstellen können“, rät Kursleiter Reiner Greulich von der Polizei den Teilnehmern. So lassen sich Aufgaben beispielsweise sinnvoll verteilen: Der kräftige junge Mann hier kommt am besten gleich mit, und die Dame in der roten Jacke ruft die Polizei.

Gerade in einer aufgeheizten, gewaltbereiten Situa­tion ist es zudem wichtig, die Täter nicht weiter zu provozieren, sondern sich dem Opfer zuzuwenden und ihm zu signalisieren: Ich helfe dir. Auf keinen Fall sollte man auf den aggressiven Tonfall der Täter eingehen: „Bleiben Sie unbedingt beim Sie, das schafft Distanz“, rät Kriminalhauptkommissar Greulich. So lässt sich bei anderen potenziellen Helfern zugleich der kontraproduktive Eindruck vermeiden, persönlich in die Situation verwickelt und deshalb allein für Hilfe verantwortlich zu sein. 

Wer ein Zivilcourage-Training besuche, sei anschließend zwar nicht automatisch gerüstet für jeden Fall, so Reiner Greulich. Doch kritische Situationen in einem ­sicheren Umfeld durchzuspielen, kann der erste Schritt 
zu mehr Zivilcourage im Ernstfall sein.

Text Kirstin von Elm 

 

 

 

Helfer gefragt, keine Helden 

Schon Kleinigkeiten können ausreichen, um eine Straftat zu verhindern und ­potenzielle Opfer zu schützen. Niemand muss den Helden spielen, aber einfach wegsehen ist keine Lösung. Deshalb empfiehlt die Polizei:

- Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.
- Ich fordere andere aktiv und direkt zur Mithilfe auf.
- Ich beobachte genau und präge mir Täter-Merkmale ein.
- Ich organisiere Hilfe unter Notruf 110.
- Ich kümmere mich um Opfer.
- Ich stelle mich als Zeuge zur Verfügung.

Mehr unter: www.polizei-beratung.de 

Die SRH Fachschule für Sozialwesen ist eine der 23 Fachschulen der SRH. Seit mehr als 30 Jahren werden hier Jugend- und Heimerzieher ausgebildet. Im Rahmen eines Theaterprojekts drehten Fachschüler ein Video zum Thema Zivilcourage, das der SWR 2014 zeigte (www.swrfernsehen.de, „Spur des Verbrechens Teil 1“ in die Suchfunktion, ab Minute 21)

www.fachschulen-soziales.de

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