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Bereicherung statt bloße Quote

Judith Schüttler (39) und Osman Karcier (30) sind seit fünf Jahren Kollegen. Sie arbeiten im Sozialdienst der SRH Pflege, dem Pflegedienst des SRH Berufsförderungswerkes Heidelberg, und beraten Menschen, die neurologisch erkrankt sind, etwa durch einen Schlaganfall. Sie vermitteln im Kontakt mit Krankenkassen, unterstützen bei Anträgen von Hilfsmitteln und koordinieren die Maßnahmen für den jeweiligen Kunden. Osman Karcier ist von Geburt an auf den Rollstuhl angewiesen und hat zudem ein eingeschränktes Sehvermögen. Das Büro von Schüttler und Karcier liegt auf dem SRH Campus in Heidelberg. Dort sind die meisten Anlagen barrierefrei. Bei der SRH arbeiten ein Viertel mehr Menschen mit Handicap als gesetzlich verlangt.

Laut Gesetz muss ein Unternehmen fünf Prozent Mitarbeiter mit Behinderung beschäftigen. Viele zahlen stattdessen lieber eine Ausgleichsabgabe. Dabei können alle Beteiligten davon profitieren – wie es Judith Schüttler und Osman Karcier vormachen.

Warum können Sie als Musterbeispiel für eine gut funktionierende Inklusion stehen?

Judith Schüttler: Wir arbeiten seit mittlerweile fünf Jahren zusammen und sind ein eingespieltes Team. Die Arbeit haben wir rein nach fachlicher Kompetenz aufgeteilt und nutzen bewusst die Fähigkeiten jedes Einzelnen – ohne dass die körperliche Konstitution eine Rolle spielen würde. So sollte Inklusion doch sein, oder?

Die Behinderung spielt im Joballtag gar keine Rolle?

Schüttler: Wenn man es genau nimmt, sind wir beide in irgendeiner Form behindert. Ich bin Mutter und arbeite derzeit nur halbtags. Also bin ich zeitlich gehandicapt. Dinge oder Termine, die ich nicht machen kann, übernimmt Osman. Wir halten uns da gegenseitig den Rücken frei.

Osman Karcier: Wir kommen uns alle entgegen. Mir fällt es zum Beispiel körperlich schwer, Faxe zu verschicken. Das erledigen die Kollegen dann mit, wenn sie ohnehin gerade damit beschäftigt sind. Oder wenn unter meinen vielen Außer-Haus-Terminen einer partout nicht barrierefrei ist, springen die Kollegen ein. Im Gegenzug übernehme ich andere Arbeiten. 

Wo profitieren Sie voneinander?

Schüttler: Osman hat erst jüngst berufsbegleitend seinen Master in Sozialer Arbeit gemacht. Dadurch bringt er frisches Wissen mit, zum Beispiel bei sozialrechtlichen Regelungen, von dem wir beide profitieren. Karcier: Judith hat dagegen die längere Berufserfahrung. Jeder bringt etwas anderes Hilfreiches ein. Wir ergänzen uns prima und schauen je nach Fall, wo wer am besten passt. Und damit sind wir dann wieder ganz weit weg vom Thema Behinderung. 

Was haben Sie voneinander gelernt?

Schüttler: Ich habe vor allem ein stärkeres Bewusstsein für die Probleme Behinderter entwickelt. Als Rollstuhlfahrer setzt du dich nicht einfach 
in einen Zug, sondern du musst erst anrufen und das aufwendig organisieren. Dann merkt man erst mal, was es heißt, im Leben so eingeschränkt zu sein. Nicht weil man selbst eingeschränkt ist, sondern weil einen das Umfeld so limitiert. Osman begegnet dem allen unglaublich gelassen und beharrlich. Ich selbst wäre da viel ungeduldiger und zorniger. Diese Gelassenheit und Flexibilität habe ich mir über die Jahre von ihm abgeguckt. 

Karcier: Durch ein Handicap lernt man tatsächlich eine gewisse Geduld. Weil immer irgendetwas ist. Entweder ist ein Aufzug kaputt, die Bahn hat Verspätung oder die Türen sind zu schmal. Da schreit man dann nicht herum, sondern sucht gelassen nach einer Lösung. Man fragt sich durch, und mit Humor und Charme kriegt man das hin. Solche Fähigkeiten helfen auch im Job.

Warum stellen Unternehmen Mitarbeiter mit Behinderung so zurückhaltend ein?

Schüttler: Arbeitgebern geht es um Leistung, und sie haben dabei immer das schnelle, starke, agile Ideal vor Augen. Behinderten Menschen wird gleich unterstellt, dass sie die Leistung nicht so erbringen können, wie man das von ihnen erwartet. Man traut ihnen nicht zu, dass sie ihr Handicap kompensieren können. Dabei ist das reichlich unfair. Auch in einem Büro, in dem nur körperlich unversehrte Menschen arbeiten, ergänzt und arrangiert man sich. Jeder kann unterschiedliche Dinge gut oder schlecht – egal ob behindert oder nicht.

Karcier: Arbeitgeber fragen sich immer, was bringt uns ein Mitarbeiter. Diese Frage stellen sie sich bei allen, aber der Behinderte kommt eben schon mit seinem sichtbaren Handicap daher. Bei körperlich unversehrten Menschen ist eine mögliche Einschränkung nicht gleich so offensichtlich.
Allein schon, wenn im Büro eine Treppe oder enge Türen sind, geht es mit dem Kopfkino los. Der Arbeitgeber fragt sich gleich, wie viel mehr Zeit er in diesen Kandidaten investieren muss.

Berechtigte Bedenken?

Karcier: Eigentlich nicht. Sehen Sie, ich bin von Geburt an behindert. Ich habe gelernt, mein Handicap so in mein Leben zu integrieren, dass es mich möglichst wenig einschränkt. Man lernt, seine Kräfte und Möglichkeiten so einzuteilen, dass man den Job gestemmt bekommt. 

Schüttler: Man muss auch aufhören, Behinderung automatisch mit Minderleistung zu verknüpfen. Auch körperlich fitte, durchtrainierte Kollegen empfinden Leistungsdruck und Stress, kommen mit Aufgaben nicht klar oder brauchen länger für bestimmte Jobs. Viele Problematiken im Berufs­alltag entstehen nicht durch ein Handicap. Die erleben auch nicht behinderte Kollegen.

Also sind Sonderbehandlungen gar nicht nötig?

Karcier: Nein, ich möchte von meinem Arbeitgeber gar nicht anders behandelt werden als alle anderen. Ich bin tatsächlich sehr froh, dass sich meine Behinderung in meiner bisherigen Laufbahn nicht ausgewirkt hat – in keine Richtung. Im Übrigen sind eine gute Zusammenarbeit und Erfolge im Team keine Frage von behindert oder nicht behindert, sondern von Charakter. Wäre ich ein kerngesunder, aber unangenehmer Kollege, würde niemand auf mich zugehen – und umgekehrt. 

Von Ulrike Heitze

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