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Gesundheit04.09.2012

Neues Verfahren hilft bei Hypertonie

Den Druck nachhaltig senken

Dr. Martin Winterhalter (Foto: Timo Volz)

Hat dem Bluthochdruck den Kampf angesagt: Kardiologe Dr.Martin Winterhalter.

Für Menschen, die an schwer therapierbarem Bluthochdruck leiden, gibt es Hoffnung: Eine neue Behandlungsmethode hat in Studien bewiesen, dass sie den Blutdruck entscheidend senken kann. Seit Mai wird sie im SRH Wald-Klinikum Gera eingesetzt.

Er ist im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlich – und wird doch häufig unterschätzt: Bluthochdruck. Schätzungen zufolge weist etwa ein Viertel der Weltbevölkerung zu hohe Werte auf. Doch weil Hypertonie zu Beginn keine Schmerzen verursacht, sind die meisten Betroffenen ahnungslos. Und längst nicht alle, die von ihrem Leiden wissen, lassen sich behandeln. Doch genau das wäre wichtig. Denn ein dauerhaft erhöhter Blutdruck schädigt das gesamte Organsystem – und zwar irreversibel. Er verengt die Gefäße, beschleunigt Arteriosklerose und kann zu Erkrankungen an Herz, Gehirn, Nieren oder Augen führen. So ist Hypertonie einer der Hauptrisikofaktoren für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes.

In seltenen Fällen wird Bluthochdruck von einer behandelbaren Erkrankung etwa der Nieren oder der Schilddrüse verursacht; häufig findet sich jedoch keine Ursache. Diese primäre Hypertonie wird meist medikamentös behandelt. Doch was tun, wenn sich der Wert trotz Therapie nicht in den Zielbereich von 130/80 Millimeter Quecksilber (mmHg) senken lässt – wie bei etwa zehn Prozent aller Hypertonie-Patienten?

Eingriff in das sympathische Nervensystem

Ein neues Verfahren gibt Anlass zur Hoffnung: die renale Denervierung (RDN). Sie unterbricht die sympathischen Nervenbahnen der Nierenarterie und greift auf diese Weise in die hormonelle Steuerung des Blutdrucks ein (s. Kasten). Die RDN hinterlässt keine Schäden an der Arterie, die Nierenfunktion bleibt unbeeinflusst. „In zwei klinischen Studien konnte der Blutdruck durch die RDN bei vier von fünf Patienten lang anhaltend gesenkt werden, im Durchschnitt sank der obere Messwert um 30 mm. Das ist eine ganze Menge“, erklärt Dr. Martin Winterhalter, Chefarzt der Klinik für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin am SRH Wald-Klinikum Gera. Dort wurden bislang zwölf Patienten behandelt – „und das sehr erfolgreich“, so der Kardiologe.

Der minimalinvasive Eingriff dauert etwa eine Stunde. Statt einer Vollnarkose erhalten die Patienten starke Schmerz- und Beruhigungsmittel. Über die Leiste wird ein Katheter eingeführt und über die Bauchschlagader bis zur Nierenarterie vorgeschoben; seine genaue Position verfolgen die Ärzte am Bildschirm. Am Ziel angelangt, sendet die hauchdünne, metallische Spitze des Katheters zwei Minuten lang einen Hochfrequenzimpuls. „Die entstehende Hitze dringt durch das Blutgefäß bis zur Außenwand, wo die sympathischen Nervengeflechte angesiedelt sind, die die Arterie wie ein Netz umgeben. Sie werden durch die Hitze verödet, die Reizweiterleitung wird unterbrochen“, erläutert Winterhalter.

Die sogenannte Ablation wird in beiden Arterien an vier bis acht Punkten – je nach Länge der Arterie – wiederholt. Weil dadurch an der Gefäßinnenseite kleine Verbrennungsnarben zurückbleiben, müssen die Punkte einen bestimmten Abstand voneinander haben, damit die Arterie durch die Narben an einer Stelle nicht zu stark verengt wird. „Das Positionieren des Katheters braucht Zeit und Fingerspitzengefühl, die Anatomie ist ja bei jedem Patienten anders. Doch Kom­plikationen, etwa ein Gefäßeinriss, sind sehr selten“, erklärt Winterhalter. Nach dem Eingriff bleiben die Patienten noch ein bis zwei Tage zur Beobachtung auf der Station. Ein Effekt der RDN zeigt sich häufig bereits in den ersten Tagen nach der Behandlung, und nach drei Monaten hat sich der Blutdruckwert meist auf einem bedeutend niedrigeren Niveau eingependelt.

DIE NIEREN - ENTGIFTER UND REGULATOREN

Die Nieren übernehmen im Organismus eine lebenswichtige Aufgabe, denn sie entgiften unter anderem den Körper. Darüber hinaus spielen sie auch bei der Steuerung des Blutdrucks eine zentrale Rolle: Sie regulieren den Flüssigkeitshaushalt sowie die Hormonproduktion und beeinflussen den Sympathikus, einen Teil des vegetativen Nervensystems. Dieser ist vor allem aktiv, sobald der Körper Stress oder anderen Belastungen ausgesetzt ist, und setzt alle dafür notwendigen Prozesse in Gang. Bei manchen Menschen ist das symphatische Nervensystem jedoch chronisch überaktiviert – eine häufige Ursache für erhöhten Blutdruck. Bei der renalen Denervierung werden daher die Nervenfasern in den Blutgefäßen der Niere „ausgeschaltet“. Das führt dazu, dass die blutdrucksteigernden Hormone Renin und Noradrenalin vermindert ausgeschüttet werden.

Vielversprechende Ergebnisse

Dr. Martin Winterhalter (Foto: Timo Volz)

Ist der Blutdruck dauerhaft zu hoch, hat das Folgen für den ganzen Körper, zum Beispiel für das Herz, Dr. Martin Winterhalters Spezialgebiet.

Doch die RDN ist nicht für jeden Patienten geeignet. Zugelassen ist das Verfahren bislang nur für die therapierefraktäre arterielle Hypertonie, also für Patienten, deren Blutdruck sich nicht zufriedenstellend einstellen lässt – trotz konsequenter Einnahme von mindestens drei Blutdrucksenkern inklusive eines wassertreibenden Medikaments. Und auch bei solchen Patienten gibt es Ausschlusskriterien, etwa eine Engstelle in dem zu behandelnden Gefäßabschnitt oder eine sekundäre Hypertonie, also ein hoher Blutdruck, dessen Ursache eine behandelbare Erkrankung ist. „Außerdem kann die RDN die bisherige Medikation nicht ersetzen, sondern höchstens Anzahl oder Dosis der Arzneimittel reduzieren“, ergänzt Winterhalter.

Weil das Verfahren noch recht neu ist, liegen bislang keine Beobachtungswerte von mehr als drei Jahren vor. Langzeitwirkung und -risiken sind daher noch nicht untersucht. „Doch die vorliegenden Ergebnisse sind vielversprechend, bisher sind keine negativen Folgen aufgetreten. Daher schätzen wir die Risiken der RDN niedrig ein“, betont Winterhalter. „Und ich bin sicher, dass sie prognostisch sinnvoll ist.“

Künftige Studien müssen nun die bislang erbrachten Studienergebnisse bestätigen und zeigen, ob die renale Denervierung hilft, Endorganschäden zu vermeiden und damit die Langzeitprognose zu verbessern. „Ob wir jedem Patienten helfen können, weiß ich nicht. Aber es ist ein großer Erfolg, dass wir jenen, die bisher mit den Risiken ihrer Hypertonie leben mussten, nun eine Behandlungsoption bieten können“, erklärt Winterhalter. Zudem könne das Verfahren künftig auch für andere Indikationen relevant werden. So gebe es Berichte, dass die sympathische Denervierung in Einzelfällen schwere Herzrhythmusstörungen beendet hat. „Bestätigen künftige Untersuchungen die Therapiesicherheit der RDN, wird sich ihr Einsatz bestimmt auf weitere Indikationen erweitern“, ist der Kardiologe sicher.

Gabriele Jörg

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SRH Wald-Klinikum Gera

Mit 90.000 Patienten im Jahr in 24 Fachbereichen ist das SRH Wald-Klinikum Gera das größte Krankenhaus der Region Ostthüringen.