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Die Anti-Stress-Strategie

Sven Hannawald ist mehrfacher Skisprung- und Skiflug-Weltmeister und Olympiasieger. Heute arbeitet er als Unternehmensberater und TV-Experte.

Von Termin zu Termin, immer erreichbar und ständig leistungsbereit. Viele Menschen leben so. Ex-Skispringer Sven Hannawald weiß, was das auf Dauer mit einem macht – und auch, wie man mit mehr Achtsamkeit wieder zu Kräften kommt.

Stress kann beflügeln und einen über sich selbst hinauswachsen lassen. Denn Stress ist die stärkste natürliche Leistungsdroge, die es gibt. „In Situationen, die einen fordern, fühlt man sich oft hellwach und voller Energie, weil ein uraltes menschliches Reaktionsmuster im Körper abläuft“, erklärt Prof. Dr. Ahmed Karim, Leiter des Masterstudiengangs Prävention und Gesundheitspsychologie an der SRH Fernhochschule – The Mobile University. Denn dann stiftet der Sympathikus, ein Teil des auto­nomen Nervensystems, die Nebennieren an, Adrenalin durch den Körper zu jagen, der Blutdruck schießt nach oben, das Herz klopft schneller. Die Muskeln spannen sich an und machen sich bereit, mit aller Kraft zu kämpfen – oder zu fliehen. Der Haken: Während der Sympathikus auf Hochtouren arbeitet, köcheln alle nicht akut lebenswichtigen Körperfunktionen wie etwa die Ver­dauung oder die Zellerneuerung auf Sparflamme. Auf Dauer ist das ungesund.
„Bei akutem Stress kann einem das Adrenalinhoch einen wertvollen Kick geben“, bestätigt Julia Gebauer von der SRH Burgenlandklinik im sachsen-anhaltinischen Bad Kösen. „Viele Menschen kommen aus dem Hamsterrad allerdings gar nicht mehr heraus, wollen immer neue Topleistungen in Rekordzeit ­erreichen und überfordern sich damit jahrelang selbst“, weiß die Psychologin, die sich in achtsamkeitsbasierter Psychotherapie spezialisiert hat. 
Und Deutschland steht tatsächlich unter Strom. Sechs von zehn Befragten gaben im vergangenen Jahr bei einer Umfrage des Meinungsinstituts Forsa an, mindestens manchmal gestresst zu sein. Fast jeder Vierte fühlt sich sogar oft unter Druck – mit spürbaren Folgen: Verspannungen, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Verdauungsprobleme zählen zu den häufigsten Stresssymptomen, im schlimmsten Fall drohen Herz-Kreislauf-Erkrankungen – oder der Burnout. 
Skisprunglegende Sven Hannawald beendete nach einem solchen Zusammenbruch 2005 seine Sportlerkarriere und krempelte sein Leben um. Im vergangenen Jahr war er mehrfach bei der SRH als Referent zum Thema Achtsamkeit zu Gast, unter anderem in einigen der Beruflichen Trainingszentren. Mit großer Leidenschaft spricht er über Achtlosigkeit und sein persön­liches Weniger-Stress-Programm:

„Es kann jeden treffen, der über längere Zeit überfordert ist: Selb­stständige, Mütter, uns alle.“

Sven Hannawald, Skisprunglegende und Referent

 

„Zwischen Höhenflug und Achtsamkeit“ heißt einer Ihrer Vorträge. Ist das eine die Antwort auf das andere? 

Sven Hannawald: Ja, es geht darum, ganz bewusst nach einer Balance zu suchen. Viele Menschen, mit denen ich spreche, haben sich noch nie Gedanken gemacht, wie sie mit ihrer täglichen Dosis Stress und Hektik umgehen wollen. Sie geben in ihrem Job oder in der Freizeit alles, ohne für den notwendigen Ausgleich zu sorgen.

Sie haben hautnah erlebt, welche Folgen ständiger Erfolgsdruck haben kann. Wann sollten Menschen die Notbremse ziehen? 

Wenn die Arbeit, die einen immer erfüllt hat, plötzlich als Belastung empfunden wird, man an Kleinigkeiten verzweifelt oder nicht mehr schlafen kann, weil einem alles über den Kopf wächst. Viele Menschen scheuen sich, in die Beratung zu gehen, weil sie Burnout für eine Krankheit von Topmanagern halten. Doch es kann jeden treffen, der über längere Zeit überfordert ist. Mütter, Selbstständige, uns alle. 

Was machen Sie heute anders als früher? 

Als leidenschaftlicher Perfektionist habe ich früher immer 150 Prozent gegeben. Heute höre ich in mich hinein und frage mich, ob eine neue Herausforderung zu mir passt, ob ich Freude daran habe oder mich nur aus alter Gewohnheit draufstürze. Vor allem aber habe ich gelernt, um Hilfe zu bitten.

Sie sind Unternehmer, Coach und vor Kurzem Vater geworden. Was tun Sie für Ihren Stress-Ausgleich?

Am liebsten Golf spielen, für mich eine tolle Kombina­tion aus frischer Luft, leichter Bewegung und Technik. Trotzdem kann ich heute gelassener sagen: Ich muss mich nicht völlig austoben, ich mache 100 Abschläge und gehe zu meiner Familie. 

 

www.mobile-university.de, www.burgenlandklinik.de

Text Kristina Junker Foto: Nadine Rupp

 

 

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