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Die Kunst des Scheiterns

Florian Hofmann berichtet Studenten der EBS, warum seine erste Firma Pleite gemacht hat.

Misserfolge haben hierzulande völlig zu Unrecht ein schlechtes Image. Auf FuckUp Nights teilen gescheiterte Gründer, was sie aus ihren Fehlern gelernt haben. 

„Wir hatten das richtige Produkt, wir hatten die richtigen Leute, wir haben uns gefühlt wie die Götter in Frankreich – und am Ende ist alles kaputtgegangen.“ Lächelnd, selbstironisch und beinahe ein wenig triumphierend erzählt Florian Hofmann, wie sein Start-up Paij gescheitert ist. Rund 80 Studenten der EBS Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel hören dem 36-Jährigen in Karohemd und Jeans gebannt zu. Sie erfahren, wie Hofmann und sein Team eine Plattform zum Bezahlen via Handy entwickelt haben und wie „das Ding“ in den Jahren 2013 und 2014 zunächst durch die Decke ging. Die Gründer gewannen Preise, waren zu Gast in Vorstandsetagen deutscher Großbanken, sammelten zügig ihre ersten Millionen ein.

Plötzlich begannen drei der zehn Gesellschafter, sich gegenseitig zu blockieren. Geschäftsführer Hofmann konnte die Konflikte nicht lösen. „Die Marke war noch nicht so weit, sich selbst zu tragen, Technologieentwicklung und Marketing waren teuer, und es gab kein frisches Geld mehr“, erinnert sich der Wiesbadener. Nach acht Monaten zähen Kämpfens meldeten die Gründer Ende 2014 Insolvenz an und verkauften Paij notgedrungen.

Aus Fehlern wird man klug

Im Kiep-Center der EBS erntet Hofmann dafür Applaus. Sein 15-minütiger Vortrag ist Teil der ersten FuckUp Night an der Universität im Rheingau. Die Idee des Events: Gründer berichten über ihr eigenes Versagen, damit andere daraus lernen können. Im Fall von Florian Hofmann beispielsweise: Man darf das Konfliktpotenzial zwischen Gesellschaftern und die Abgebrühtheit von ­Investoren nicht unterschätzen. „Wenn es nur noch um Machtspiele geht, leitet eine frühe Exit-Strategie ein, sucht möglichst schnell einen Käufer und versucht, da rauszukommen“, rät Hofmann den Zuhörern. 
FuckUp Nights tauchen inzwischen in vielen ­großen Städten im Veranstaltungskalender auf. Den Organisatoren geht es darum, eine neue Fehlerkultur in Deutschland zu etablieren. Eine, in der Pleiten, Pech und Pannen kein Stigma sind. 

Auch Sarah Bohlmeier teilt ihre Geschichte mit den Zuhörern. Die 29-Jährige gründete vor drei Jahren gemeinsam mit einem guten Freund Teambay. Ihr Start-up entwickelte eine App, mit der Unternehmen anonyme Mitarbeiterumfragen in Echtzeit durchführen können. Doch mitten in der Wachstumsphase – das Produkt funktionierte, erste Kunden waren da und die Nachfrage stieg stetig – entschied das Gründerteam, sich aufgrund von „Differenzen“ zu trennen. „Als Freunde waren wir ein tolles Team, aber gemeinsam arbeiten, das hat einfach nicht gepasst“, erinnert sich Sarah Bohlmeier. Plötzlich stand das ganze Projekt auf der Kippe. Sie entschied sich, alleine weiterzumachen – mit Erfolg. Heute ist die App am Markt etabliert, und die Gründerin hat ein zehnköpfiges Team um sich geschart. „Meine Lehre: Wenn man als Team gründet, muss man Bedenken direkt und offen ansprechen und sehr genau auf Signale achten.“

Neue Perspektiven nach Lebenskrisen

Reden hilft auch, um Misserfolge zu bewältigen. Für Florian Hofmann zum Beispiel waren die Auftritte bei mehreren FuckUp Nights eine heilsame Erfahrung. „Es hat enorm gutgetan, mit ein bisschen Abstand über meine Paij-Erlebnisse zu berichten“, bestätigt er. Zum Glück sei er ein optimistischer Typ und könne gut zwischen dem Ereignis der Insolvenz und seiner eigenen Persönlichkeit trennen.  Diese Fähigkeit hilft bei einem beruflichen Neustart. Das gilt nicht nur für gescheiterte Jungunternehmer, sondern auch für Menschen, die sich aus gesundheit­lichen Gründen neu orientieren müssen. Der Koch etwa, der nach einem komplizierten Beinbruch nicht mehr stundenlang in der Küche stehen kann, oder der Vertriebsmitarbeiter, den der Leistungsdruck in eine Erschöpfungsdepression führt.André Weber kennt viele solcher Fälle. Er arbeitet als Psychologe im Berufsförderungswerk der SRH Berufliche Rehabilitation Heidelberg. Seine Klienten, die hier eine Umschulung absolvieren, sind häufig durch Unfall oder Erkrankung aus ihrem gewohnten Alltag herausgerissen und müssen Hilfe vom Staat annehmen. „Die emotionale Gemengelage ist nicht einfach“, weiß der Psychologe. „Viele haben das Gefühl, versagt zu haben.“Im ersten Schritt gehe es darum, das Ereignis – und das damit eventuell verbundene Scheitern – als solches zu erkennen, zu akzeptieren und Abstand zu gewinnen. Was kann ich aus möglichen Fehlern lernen, und welche posi­tiven Erfahrungen habe ich mitgenommen? Fragen nach dem Warum – „Warum musste mir das passieren?“, „Warum habe ich es nicht gepackt?“ – sind hinderlich. „Das führt zu Grübeleien, hält das negative ­Gefühl künstlich am Leben und zögert den Neuanfang ­hinaus“, sagt Weber.

Es hat enorm gutgetan, mit ein bisschen Abstand über meine Erlebnisse zu ­berichten.

Florian Hofmann, Gründer und Teilnehmer der FuckUp Night

Hinfallen – und wieder aufstehen

Ein Neubeginn braucht Zeit – für die berufliche Orientierung und um auf die eigenen Stärken und Begabungen zu achten. „Anschließend gilt es, dranzubleiben und mit erneuten Rückschlägen – etwa bei Prüfungen – kons­truk­tiv umzugehen“, sagt Weber. Die Psychologen der SRH Berufliche Rehabilitation unterstützen die Teilnehmer, das zu lernen. Es hilft, wenn sich rasch erste Erfolge einstellen und es eine grobe Zukunftsperspektive gibt. 

Unternehmer Florian Hofmann hat diese Schritte ohne Reha genauso hinter sich. „Ich habe im Zuge der Pleite gelernt, dass ich mit Herz und Seele Gründer bin“, sagt er. Nun will er zeigen, dass er seine Lektionen gelernt hat – als Geschäftsführer von Poltergeist.chat. Das Start-up hat einen Mitteilungsdienst für Smartphones entwickelt, bei dem die Nutzer ihre Nachrichten mit Emojis, also kleinen Piktogrammen, verschlüsseln können. So verschickt jeder seine Texte in einer Art Geheimsprache. Neue Gründung, neues Glück. 

Text Melanie Rübartsch   Fotos Erik Schumacher

Aus den Fehlern anderer Jungunternehmer lernen – das ist ein Sinn der FuckUp Nights.

Bei sogenannten FuckUp Nights berichten Gründer von ihrem Scheitern. Was ist schiefgelaufen, was haben sie daraus gelernt? Die Zuschauer, oft selbst Unternehmer oder Gründer in spe, sollen von den Erfahrungen lernen. Anschließend wird gemeinsam gefeiert. Die Idee entstand 2012 in Mexico City und breitete sich von dort weltweit aus. In Deutschland finden in vielen Großstädten oder an Universitäten wie der EBS solche Events statt.
www.ebs.edu
www.fuckupnights.com

In einem Berufsförderungswerk lernen Erwachsene, die aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen ihre bisherige Tätigkeit nicht weiter ausüben können, einen neuen Beruf. Während der Umschulung oder Ausbildung werden die Teilnehmer medizinisch, therapeutisch und sozialpädagogisch unterstützt.
www.bfw-heidelberg.de

Sarah Bohlmeier hat ihr Start-up Teambay schließlich allein zum Erfolg geführt.

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