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Die Probleme in Urlaub schicken

Wie Menschen mit Depressionen oder Ängsten einen erholsamen Urlaub hinbekommen, ohne dass zusätzlicher Stress ihre Erkrankung verschärft, erklärt Hirnforscher und Psy­chotherapeut Prof. Dr. Ahmed A. Karim von der SRH Fernhochschule.

Bei welchen psychischen Erkrankungen ist eine Reise in den Urlaub möglich?

Prof. Dr. Ahmed A. Karim: Der Patient muss eine gewisse Stabilität besitzen, um zusätzliche Stressoren im Urlaub auszuhalten. Klassische Beispiele: Man hat sich verlaufen und findet nicht zum Hotel zurück, das Portemonnaie kommt weg, ein Unfall passiert. Wenn das eigene Stress­potenzial daheim schon am Limit ist, sollte man besser auf eine Reise verzichten. Aber wenn der Therapeut sein Okay gibt, ist nichts dagegen einzuwenden – im Gegenteil.

Wann raten Sie eher von einer Urlaubsreise ab?

Patienten sollten dann am Heimatort bleiben, wenn akute Eigen- oder Fremdgefährdung besteht. Wenn jemand beispielsweise unter einer schweren Depression selbstmordgefährdet ist. Auch manisch-depressive Patienten können sich und andere gefährden. Die manischen, also emo­tionalen Hochphasen gehen oft mit hoher Risikobereitschaft einher. ­Betroffene fahren dann möglicherweise viel zu schnell Auto oder gehen unüberlegt sexuelle Kontakte ein.

Wie lässt sich unnötiger Stress im Urlaub vermeiden?

Das fängt mit einer guten Reiseplanung an. Das Hotel zum Beispiel – sollte nicht das billigste sein. Sonst gibt es dort vielleicht lärmende Baumaßnahmen. In guten Hotels kann man auch meist bedenkenlos alles essen. Patienten, die Psychopharmaka einnehmen, müssen besonders auf Hygiene achten. Vor dem Urlaub sollten sie mit dem Psychiater klären, wie sie sich bei Durchfall und Erbrechen verhalten.

Lieber alleine oder in der Gruppe fahren?

Wer glückliche Paare am Strand beobachtet, fühlt sich erst recht einsam. Deshalb empfiehlt sich für depressive Menschen eine Gruppen­reise mit Tagesstruktur. Die Balance zwischen Aktivität und Erholung ist auch für Patienten wichtig, die zu Perfektionismus neigen. Alleine laufen sie Gefahr, sich zu übernehmen. Patient und Therapeut sollten vor dem Urlaub besprechen, welche krankheitsbedingten Probleme auftreten können und Lösungen festhalten. Ich nenne das den schriftlichen Notfallkoffer. Darin steht auch, an wen man sich wenden kann, wenn es einem schlecht geht.

Wie können Partner und Familie zur Entspannung beitragen?

Vor der Reise sind Therapiesitzungen mit den Bezugs­personen sinnvoll. Patienten mit einer impulsiven Persönlichkeitsstörung etwa werden dem Partner gegenüber aggressiv, sobald ein ­Problem auftritt. Im Rollenspiel lässt sich zum Beispiel vorher simulieren, dass die Koffer weg sind, und man übt gemeinsam das Konfliktmanage­ment. So lassen sich Strategien trainieren, um Emotionen herunter­zuregeln und konstruktiv eine Lösung zu suchen. Je öfter man ein Ver­halten übt, desto mehr neue Synapsen, also Verbindungen zwischen Nervenzellen, entstehen im Gehirn.

Warum ist Urlaub trotz möglicher Konflikte erholsam?

Architektur bestaunen, Sonne auf der Haut spüren, den Wellen lauschen: Wer etwas achtsam beobachtet, richtet seinen Fokus automatisch nach außen und ist von Problemen abgelenkt. Beim Entspannen wird der Parasympathikus, sozusagen der Ruhenerv, aktiviert, der Blutdruck sinkt, die Muskeln lockern sich. Der Körper kann Glückshormone ausschütten, und der Genuss mit allen Sinnen beginnt. Am besten übt man die Achtsamkeit schon vorher, intensiviert sie im Urlaub und nimmt die heilsamen Effekte mit nach Hause.

Positive Erlebnisse führen dazu, dass im Gehirn der Glücksbotenstoff Serotonin ausgeschüttet wird.

Prof. Dr. Ahmed A. Karim, Leiter des Masterstudiengangs Prävention und Gesundheitspsychologie an der SRH Fernhochschule – The Mobile University

Wie hält die Erholung aus dem Urlaub möglichst lange an?

Man muss sich selbst ein guter Freund sein, nicht nur im Urlaub, auch im Alltag. Mindestens einmal täglich sollte man eine Mahlzeit mit Genuss zu sich nehmen oder mit Achtsamkeit spazieren gehen und die Natur mit allen Sinnen genießen, ohne dabei über Probleme zu grübeln. 

Und wenn sich jemand ohne die nette Reisegruppe daheim ­wieder einsam fühlt? 

Im Urlaub ist man meist kontaktfreudiger. Positive Erlebnisse – Lachen oder Komplimente bekommen – führen ganz natürlich dazu, dass im Gehirn der Glücksbotenstoff Serotonin ausgeschüttet wird. Deshalb sollte man sich die offene Haltung aus dem Urlaub bewusst bewahren. Soziale Isolation und Depression gehen Hand in Hand. 

www.fh-riedlingen.de

Interview Liane Borghardt
Foto: Thomas Warnack

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