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Gesundheit16.09.2013

Mit Stuhltransplantationen Darmentzündung heilen

EIN LEBENSRETTER DER BESONDEREN ART

Fäkalien als Heilmittel? Das klingt erst mal seltsam, doch für Patienten mit einer schweren Darmentzündung kann das neue Verfahren, mit dem Ärzte am SRH Kurpfalzkrankenhaus die Darmflora eines gesunden Stuhlspenders übertragen, lebensrettend sein. 

Hans Schmitt* befand sich im Tiefschlaf, als er am SRH Kurpfalzkrankenhaus eine aufbereitete Stuhlprobe seiner 27-jährigen Enkelin in den Zwölffingerdarm übertragen bekam. Für den Rentner war es die letzte Chance, seine bedrohlich gestörte Darmflora wieder ins Lot zu bringen. Sein Zustand war kritisch. „Mir ging es miserabel. Ich hatte zwei Monate lang Durchfall“, sagt der 79-Jährige. Auslöser war der gefährliche Keim Clostridium difficile. Der aggressive Erreger hatte leichtes Spiel. Wegen eines Herzinfarkts und einer Lungenentzündung sowie einer anschließenden Infektion mit dem Noro virus musste Hans Schmitt mehrere Antibiotika einnehmen. Diese Medikamente töten zwar die krankmachenden Erreger, haben aber auch eine unerwünschte Nebenwirkung: Sie zerstören lebenswichtige Darmbakterien, die für die Immunabwehr sorgen. Meistens kann der Körper nach einer solchen Attacke die Darmflora rasch wieder  aufbauen. Manchmal gelingt dies allerdings nicht. Dann schlägt die Stunde von Clostridium difficile. Unbehelligt von seinen natürlichen Konkurrenten nistet sich der Keim in der Darmwand ein und schüttet kontinuierlich Giftstoffe aus. Die Folge: Bauchkrämpfe, Durchfall und Eiweißverlust. Mithilfe  eines speziellen Antibiotikums lässt sich der äußerst widerstandsfähige Erreger in der Regel zwar kurzzeitig bändigen, jedoch nicht endgültig vernichten. Durch wehrhafte Sporen geschützt, gewinnt er immer wieder die Oberhand. 

Eine letzte Waffe

Von Tag zu Tag verlor Hans Schmitt mehr Gewicht. Fiebrig und abgemagert war der Rentner, mit seinen Kräften  völlig am Ende; aufgrund des massiven Flüssigkeitsverlustes drohte ein erneutes Nierenversagen. In dieser Situation entschieden sich die Ärzte des SRH Kurpfalzkrankenhauses Heidelberg gemeinsam mit dem Patienten und seiner Familie zu einem letzten und ungewöhnlichen Therapieversuch. Sie wollten Schmitts geschädigte Darmflora durch die Stuhlprobe eines gesunden Spenders sanieren, um dadurch die natürlichen Widersacher der Clostridien zu stärken: Milliarden von aktiv biologischen Darmbakterien. Der Eingriff war ein Novum am SRH Kurpfalzkrankenhaus. „Wir haben uns zu diesem ungewöhnlichen Schritt entschlossen, weil die Therapie gute Heilungschancen bietet“, erklärt Dr. Philipp Ehlermann, der Ärztliche Direktor des SRH Kurpfalzkrankenhauses. Das Verfahren kommt in Ländern wie den USA und den Niederlanden bereits sehr erfolgreich zum Einsatz, ist hierzulande jedoch kaum bekannt. „Um Patienten zu heilen, müssen wir manchmal zu ganz individuellen und neuartigen Maßnahmen greifen“, sagt der Mediziner. Voraussetzung war, dass ein Familienmitglied die Stuhlprobe spendete, da sich die Darmflora von Verwandten in ihrer Zusammensetzung oft ähnelt. 

Heilende Helfer

Spenderin und Spendermaterial mussten frei von bestimmten Krankheitserregern sein. Ferner durften in dem halben Jahr vor der Spende keine Antibiotika eingenommen werden. Nachdem eine Infektion ausgeschlossen war, konnte die Transplantation erfolgen. Dr. Ehlermann übertrug den präparierten Stuhl während einer Magenspiegelung. Dazu wurde die Sonde tief im Zwölffingerdarm positioniert, damit wurden rund 100 Milliliter des heilbringenden Fäkalbakterien-Mix verabreicht. Die neuen Darmbesiedler sollten sich ausbreiten und die tückischen Keime in Schach halten. Für Dr. Ehlermann ist die Behandlungsmethode „Naturheilkunde pur“: Die geschädigte Darmflora wird mit biologischem Material neu angezüchtet und dadurch gewissermaßen ein „ökologisches“ Gleichgewicht wiederhergestellt. „Bei einer solchen Darmentzündung greifen Antibiotika häufig nicht mehr, weil dadurch möglicherweise noch mehr Darmflora zerstört wird. Deshalb ist für mich die Übertragung von Spenderstuhl bei solch hartnäckigen Fällen eine ernsthafte Option“, betont Dr. Ehlermann. Hans Schmitt hat sie das Leben gerettet. Dem Patienten geht es heute – mehr als vier Monate nach der Behandlung – ausgezeichnet. Als neue Allzweckwaffe gegen chronische Darmkrankheiten sei die Therapie jedoch nicht geeignet, dämpft Dr. Ehlermann allzu hohe Erwartungen. Dennoch hofft der Chefarzt, dass künftig mehr deutsche Kliniken das Verfahren anwenden und durch die heilende Kraft des Stuhls kranken Menschen helfen. 

Heike Link

* Name von der Redaktion geändert

Am SRH Kurpfalzkrankenhaus in Heidelberg verlief die Behandlung mehrerer Patienten problemlos; ihnen konnte dadurch geholfen werden. Statt Stuhltransplantation oder Fäkaltherapie heißt die Methode hier „allogene Darmrekolonisation“. Allongen bedeutet, dass die Probe von einem Spender derselben Spezies stammt, also von einem Menschen. Ideal ist ein naher Angehöriger, da sich die Darmflora bei Verwandten ähnelt und auch die Akzeptanz dieser Art von Behandlung größer ist.

SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg

Das SRH Kur­pfalz­kran­ken­haus Hei­del­berg ist ein Fach­kran­ken­haus für In­ne­re Me­di­zin, Neu­ro­lo­gie und Dia­ly­se mit 102 Bet­ten und 12 Dia­ly­se­plät­zen.

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