direkt zum Inhalt

Eine Klasse für sich

Schüler der 4 c schön schräg ausstaffiert extra für den Fototermin

Kinder mit und ohne Behinderung zusammen zu unterrichten, ist kein Pappenstiel. Deshalb geben inklusionserfahrene Lehrer der SRH Stephen-Hawking-Schule ihr Know-how an andere Schulen weiter und unterrichten in Außenklassen. 

Die 4 c ist nicht zu bremsen. 21 Neun- und Zehnjährige flitzen im Sportunterricht der Friedrich-von-Schiller-Schule im baden-württembergischen Reilingen beim Völkerball lärmend durch die Halle. Lukas schlägt Haken, um dem Ball zu entwischen, Lamara duckt sich schnell hinter eine Freundin. Was für Außenstehende nach normalem Unterricht aussieht, ist für die Kinder und ihre Lehrer eine Herausforderung. Denn hier lernen und spielen Kinder mit körperlichem Handicap gemeinsam mit nicht behinderten Schülern – egal ob in Mathe, Deutsch, Kunst oder eben in Sport. Die 4 c ist eine Inklusionsklasse. 

Alles kein Problem, solange der Weg durchs Schul­gebäude und zu den Schülertoiletten barrierefrei ist und das Klassenzimmer ausreichend Platz für einen Rollstuhl bietet? „So denken tatsächlich viele Besucher“, lächelt Corinna Ahnert, Sonderschulpädagogin und Klassenlehrerin der Rasselbande. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Schon auf den ersten Blick entdeckt man in dem sonnengelb gestrichenen Klassenzimmer der 4 c die Unterschiede zu einem herkömmlichen Unterrichtsraum: die extrahelle Lampe in der ersten Reihe für Nick, der eine Sehschädigung hat. Vor Lamara ein Computer, den die Zehnjährige zum Schreiben benutzen darf, weil die Beweglichkeit ihrer Hände eingeschränkt ist. Oder einen Platz weiter Simons Spezialstuhl aus roten Metallrohren und schwarzen Polstern, der mit seinen zwei Knubbeln an der Rückenlehne an einen Käfer mit Fühlern erinnert. Der Sitz hilft Simon, der mit einer zerebralen Lähmung geboren wurde, den Unterkörper in der richtigen Position zu behalten und die Füße fest auf den Boden zu stellen. „Das erdet ihn und unterstützt ihn dabei, sich zu konzentrieren“, erklärt Corinna Ahnert.

Inklusion braucht deshalb mehr als den zusätzlichen Platz für einen Rollstuhl. Eine große Hilfe im Unterricht ist beispielsweise das Konzept „Team-Teaching“: Zwei oder drei Lehrkräfte sind gemeinsam in einer Klasse anwesend, um an der Tafel zu erklären oder bei Auf­gaben am Platz zu unterstützen. Gut, wenn die Lehrer dann auch noch Erfahrung im Umgang mit Schülern mit Handicap haben.

Wissen zum Wohle der Kinder teilen 

An dieser Stelle sind jedoch viele Schulen, insbesondere kleinere auf dem Land, personell und fachlich überlastet. „Für eine solche Aufgabe sind viele Lehrer gar nicht ausgebildet und fühlen sich überfordert“, stellt Florian Dold, Abteilungsleiter für den Primarbereich an der SRH Stephen-Hawking-Schule (SHS) in Neckargemünd, fest. Deshalb engagiert sich die SHS seit einiger Zeit in sogenannten kooperativen Organisationsformen, oder einfach: Sie bietet Außenklassen. Die inklusionserfahrene Schule entsendet dabei Kooperationslehrer an andere Schulen, um Schüler mit speziellem Förderbedarf zu unterrichten. 
Lehrer wie Corinna Ahnert. Seit September betreut die 35-jährige SHS-Lehrerin gemeinsam mit ihrer Reilinger Grundschulkollegin Sandra Knopf die 4 c. Und je nach Schüler und Unterrichtsstunde werden sie auch noch von Ergo- und Physiotherapeuten unterstützt. Von dieser Zusammenarbeit haben nicht nur Schüler mit Handicap wie Nick oder Lamara etwas, da sind sich die beiden Lehrerinnen einig: „Die ganze Klasse profitiert vom Mehr-Augen-Prinzip.“

„Wir versuchen, möglichst viel von unserem Know-how an die Kooperationsschulen weiterzugeben“, sagt Florian Dold, der für die Außenklassen verantwortlich ist. Team-Teaching über Schulgrenzen hinweg sei eine Chance für alle Lehrenden, sich mit Lerneinschränkungen vertraut zu machen und sich kleine Tricks und Kniffe abzugucken, die behinderten Kindern den Schulalltag erleichtern. In der 4 c tauscht sich das Lehrer- und Therapeutenteam einmal in der Woche aus und bespricht, wie sich die einzelnen Schüler entwickeln und wer eventuell noch zusätzliche Unterstützung benötigt. Wenn es in den Stundenplan passt, können die Kinder ihre Übungen mit den Therapeuten gleich im Unterricht machen und verpassen so weniger Stoff.

Lehrerin Corinna Ahnert im Deutschunterricht

beim Völkerball

Inklusion braucht mehr als den zusätzlichen Platz für einen Rollstuhl.

Jeder nach seinen Möglichkeiten

Auch für Kinder ohne Behinderung haben die Experten hilfreiche Tipps parat, etwa wenn der Nachwuchs seinen Stift zu verkrampft hält oder beim Lesen in eine schiefe Haltung rutscht. „Manchmal geht es nur darum, den Unterrichtsstoff ein klein wenig zu verändern, damit jedes Kind mitmachen kann und jedes zielgerecht gefördert und gefordert wird“, erklärt Sonderschulpädagogin Ahnert. Steht in Textiles Werken etwa Häkeln auf dem Programm, bekommt Simon, dem die Feinmotorik schwerfällt, stattdessen das Fingerhäkeln beigebracht. Und in Deutsch werden die Arbeitsblätter für Seh- oder Schreibschwache einfach größer kopiert oder übersichtlicher gestaltet. 

Wo die Kinder mit Handicap lernen, sich selbst etwas zuzutrauen, trainieren ihre nicht behinderten Mitschüler täglich Kompetenzen in Sachen Geduld und Mitgefühl: „Klar hätten wir alle gerne auch einen Computer wie Lamara“, sagt zum Beispiel Muhammed. „Aber sie kann ohne ihn nicht so gut schreiben, deswegen finden wir es toll, dass sie ihn bekommen hat.“ Und Clara scheint einigen aus der Seele zu sprechen, wenn sie sagt: „Bei der Einschulung haben wir schon ein bisschen gezögert, als die behinderten Kinder zu uns kamen.“ Aber alle nicken eifrig, als sie ergänzt: „Jetzt halten wir zusammen, egal was passiert oder wer was kann!“
Eine Freundschaftserklärung, die beim Fangspiel Fuchs und Hase in der Sporthalle sogar ihren eigenen Rhythmus bekommt: Simon, der nach einer Operation sechs Wochen beim Sport pausieren musste, darf heute zum ersten Mal wieder mitmachen. Langsam tastet er sich auf Turnschläppchen vorwärts, läuft zögerlich los. Seine 4 c klatscht mit und feuert ihn lauthals an. „Simon! Simon!“ – Oft haben schon kleine Schritte eine große Wirkung. 

Text Kristina Junker Fotos Gustavo Alàbiso

Mit Vergrößerungsgläsern liest es sich leichter

Lehrerin Sandra Knopf hilft bei den Deutsch-Aufgaben

Die RH Stephen-Hawking- Schule (SHS) in Neckargemünd wurde 1974 als Förderschule gegründet. Seit 1995 lernen dort Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam. Die Schule bietet zehn verschiedene Bildungsgänge – von der Grundschule bis zum Gymnasium. Zusätzlich un­terstützen die Lehrer und Therapeuten aktuell Inklusions-Außenklassen in Grundschulen, in der Mittelstufe und in berufsvorbereitenden Schulen an neun Stand­orten im Rhein-Neckar-Kreis und im Landkreis Heilbronn.

www.stephenhawkingschule.de (Unser Konzept/Inklusion/Außenklassen)

Weitere Artikel "Gesundheit"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Gesundheit" finden Sie hier

Weitere Artikel "Bildung"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Bildung" finden Sie hier