direkt zum Inhalt

Gesundheit12.03.2012

TIPS-Methode kann Leben retten

Erste Hilfe für die Leber

Eine chronisch vernarbende Leberentzündung, im Fachjargon Leberzirrhose, kann zu lebensgefährlichen Blutungen und Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum führen. Durch die Implantation eines Drahtröhrchens lässt sich die Gefahr bannen. Dr. Marc Walther, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II am SRH Zentralklinikum Suhl, hat die Methode dort eingeführt.

Jahr für Jahr sterben knapp 20.000 Menschen an den Folgen einer Leberzirrhose. Nicht selten sind innere Blutungen im Bereich des oberen Magens und der Speiseröhre die Todesursache. „Wird beispielsweise eine solche Blutung nicht innerhalb kurzer Zeit mit einer Magenspiegelung gestoppt, stirbt der Betroffene“, sagt Marc Walther. Letztlich ließe sich dies nur vermeiden, indem man die Ursache, also die Leberzirrhose, beseitige. „Das geht nur mit einer Lebertransplantation. Allerdings stehen dafür nicht genügend Spenderorgane zur Verfügung. Wir haben daher nach einer Lösung gesucht, wie wir die lebensbedrohlichen Blutungen und die Bauchwassersucht (Aszites) verhindern und den Zeitraum bis zur rettenden Transplantation zuverlässig überbrücken können“, erklärt Walther.

Die von ihm am Suhler Klinikum eingeführte operative Methode heißt „transjugulärer intrahepatischer portosystemischer Shunt“ oder schlicht TIPS. Sie wurde bereits Ende der 1980er-Jahre am Freiburger Universitätsklinikum erstmals erfolgreich angewendet und seitdem sukzessive optimiert. Mittlerweile wird das Verfahren an einigen großen Kliniken angeboten; zu den Vorreitern zählen in Thüringen das SRH Wald-Klinikum in Gera sowie – seit Sommer vergangenen Jahres – auch das SRH Zentralklinikum Suhl.

Ein Ventil für das Blut

Bei der TIPS-Methode implantieren die Ärzte dem Betroffenen ein Röhrchen aus feinem Spezialdraht (Stent), das innen teilweise mit einem speziellen Kunststoff beschichtet ist. Das Implantat wird dabei über die Halsvene durch den Brustkorb bis zur Leber geführt. Dort verbindet das Röhrchen die Schlagader, die das Blut in die Leber transportiert, mit der, die es gereinigt aus der Leber zum Herzen abführt. Das Blut wird auf diese Weise an der Leber vorbeigeleitet, der Kreislauf gewissermaßen kurzgeschlossen. „Im Prinzip ist die Vorgehensweise ähnlich wie beim Setzen eines Stents, der die Gefäße für den Blutdurchfluss offen hält und auf diese Weise Herz­infarkten vorbeugt“, erläutert Walther. „Bei der TIPS-Methode jedoch verknüpfen wir durch einen Stent zwei unterschied­liche Gefäße direkt miteinander, damit der Blutkreislauf in Fluss bleibt.“

Das ist nötig, denn durch die chronische Entzündung kommt es zu einem narbigen Umbau der Leber. In der Folge verschlechtert sich die Durchblutung, das Blut staut sich in der sogenannten Pfortader am Eingang der Leber. Durch den anstehenden Druck sucht sich das Blut neue Wege, und es bilden sich Krampfadern im Bereich des oberen Magens und der Speiseröhre. Wenn diese Adern platzen, kommt es zu den erwähnten Blutungen. Zudem kann sich Wasser im Bauch  ansammeln, und die Nieren werden geschädigt.

Was der Leber zusetzt

Gefährdet sind Menschen mit chronischem Leberleiden, meist verursacht durch Krankheiten wie Hepatitis B und C oder Alkoholmissbrauch. Die Hepatitis-Viren und die giftigen Stoffwechselprodukte aus dem Alkoholabbau zerstören die Leberzellen. Diese alarmieren das Immunsystem. Entzündungszellen werden aktiviert, wandern in die Leber und schädigen sie zusätzlich. Schließlich sterben die Leberzellen ab und werden durch Bindegewebszellen ersetzt. Es bilden sich Narben, in der Folge verknotet sich das Organgewebe regelrecht, und die Leber schrumpft; Ärzte sprechen dann von Schrumpfleber oder Leberzirrhose. 

Bei einer Zirrhose kann die Leber das Blut nicht mehr reinigen. Mit der Zeit treten deshalb Vergiftungserscheinungen auf, die sich unter anderem in einer Gelbfärbung der Haut äußern. Noch schwerer wiegt allerdings der Blutstau am Eingang der Leber. Zwar gibt es laut Walther Möglichkeiten, das Blut durch einen größeren chirurgischen Eingriff um­zuleiten. „Allerdings bedeutet ein solcher Eingriff eine große Belastung für den Patienten; zudem kann eine spätere Lebertransplan­tation erschwert oder sogar verhindert werden“, erläutert Walther.

TIPS kann die Leber retten

Mit TIPS jedoch bleibt eine solche Option erhalten. Walther berichtet sogar von Fällen, bei denen nach einer Stent-Implantation gar keine Spenderleber mehr erforderlich war. Da Leberzellen imstande sind, nachzuwachsen, könne sich mithilfe der TIPS-Methode eine Leber mit der Zeit wieder teilweise regenerieren. Das Metall und die Kunststoffbeschichtung des Röhrchens werden vom Körper gut angenommen, und der Stent kann mit der Zeit problemlos mit dem gesunden Lebergewebe verwachsen. „Die Regeneration funktioniert, vorausgesetzt, die Leberschädigung ist noch nicht zu weit fortgeschritten“,  betont Walther. Ziel sei es daher, die Krankheit rechtzeitig zu erkennen und den TIPS-Eingriff möglichst früh durchzuführen. „Natürlich kommt es auch auf die Kooperation des Patienten an“, sagt Walther. Er müsse bereit sein, seine Ernährungsgewohnheiten umzustellen, sprich den Konsum von Alkohol und eiweißhaltigem Essen zu vermeiden, denn die Leber kann das Blut nicht mehr in vollem Umfang reinigen. Und im Falle einer Infektion sei die Viruslast medikamentös zu senken. Walther sieht in dem Verfahren ein wichtiges Behandlungsfeld für Magen-Darm-Spezialisten. 

Über das Kooperationsnetz TIPS stehen sein Team und er mit anderen Kollegen in ständigem fachlichem Austausch. So kann die Methode stetig weiterentwickelt werden. „Mit TIPS eröffnen sich für uns ganz neue Behandlungsoptionen bei Leberleiden. Und noch entscheidender: Mit einem vergleichsweise kleinen Eingriff lassen sich Leben retten.“ 

Georg Haiber

Kommentar hinzufügen


* Pflichtfeld

Kommentare

Keine Kommentare

SRH Zentralklinikum Suhl

Mit 666 Planbetten und 20 eigenständigen Fachbereichen ist das SRH Zentralklinikum Suhl die größte Klinik in der Region Südthüringen.

Weitere Artikel "Gesundheit"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Gesundheit" finden Sie hier

Weitere Artikel "Bildung"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Bildung" finden Sie hier