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Gesundheit14.09.2011

Interview mit Prof. Dr. Curt Diehm

Forschung als wichtiges Signal

Prof. Dr. Curth Diehm

Für seine Forschungsarbeiten im Rahmen der getABI-Studie zur Untersuchung der Gefährlichkeit der Schaufensterkrankheit wurde Prof. Dr. Curt Diehm, Chefarzt Innere Medizin am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, der BEST PAD RESEARCH AWARD 2010 verliehen. Die Auszeichnung kommt einem wissenschaftlichen Ritterschlag gleich und zeigt: Ohne Vernetzung und internationale Kontakte geht nichts.

Herr Prof. Diehm, was bedeutet Ihnen der Forschungspreis der US Peripheral Arterial Disease Coalition?
Er ist die Krönung für eine mehr als zehnjährige Arbeit an einem herausragenden Projekt. Wir konnten mit unserer Studie zeigen, wie heimtückisch Durchblutungsstörungen der Becken- und Beinarterien sind. Früher oder später führen sie zum Herzinfarkt oder Schlaganfall, meist trifft es die Patienten aus heiterem Himmel. Mit der von uns entwickelten Messmethode lassen sich die Durchblutungsstörungen auf einfache Art feststellen, und man kann entsprechend vorbeugen.
Und dass wir den Preis in den USA gewonnen haben, freut mich natürlich besonders, denn für Nicht-Amerikaner ist es in der Regel schwer, sich dort durchzusetzen.

Warum wurde der Preis in Amerika vergeben? Es handelt sich doch um eine rein deutsche Studie.
Richtig. Die Zahlen wurden in Deutschland ermittelt, doch die Ergebnisse sind auf andere Länder übertragbar und insofern weltweit von Bedeutung. Daher wollten wir von vornherein unsere Resultate in den bekanntesten Fachzeitschriften platzieren – und die kommen allesamt aus Amerika. Die Hauptergebnisse wurden in Circulation publiziert, dem weltweit wichtigsten Journal für die Herz-Kreislauf-Forschung. Dadurch sind die Gutachter des National Institute of Health (NIH) auf die Studie aufmerksam geworden und haben uns als Kandidaten für den Preis vorgeschlagen.

Was hat sich dadurch für Sie verändert?
Die Auszeichnung eröffnet ganz neue Perspektiven. Immer häufiger werde ich von Fachmagazinen wie Circulation, Lancet und Stroke gebeten, eingereichte Forschungsarbeiten zu begutachten. Das ist auf der einen Seite zwar viel Arbeit, auf der anderen Seite bieten sich mir dadurch aber auch viele Chancen. So bin ich auf meinem Wissensgebiet immer auf dem neuesten Stand, denn als Gutachter kenne ich die Ergebnisse ein halbes Jahr, bevor sie veröffentlicht werden. Auch in der Forschung ist Benchmarking von zentraler Bedeutung. Last, but not least lerne ich durch die Korrespondenz interessante Kollegen kennen, vor allem in den USA.

Wie wichtig ist dieser internationale Austausch für eine Forschungsarbeit?
Gute internationale Kontakte und eine enge Zusammenarbeit sind für den Erfolg unabdingbar. Die USA sind in der medizinischen Forschung federführend. Dort gibt es auch die bekanntesten medizinischen Fachmagazine und die renommiertesten Kongresse. Sie sind die Bühne, um sich zu präsentieren und Kontakte zu knüpfen. Auf diese Weise habe ich vor Jahren einen der bekanntesten US-amerikanischen Herz-Kreislauf-Spezialisten getroffen. Als er einmal in Europa war, lud ich ihn ein, auch einen Abstecher nach Karlsbad zu machen. Er fand unsere Arbeit so interessant, dass er gleich zwei Wochen am Klinikum hospitierte. Manchmal werden aus solchen Kontakten richtige Freundschaften.

Einfach, aber wirksam: die Blutdruckmessung an Arm- und Beinvenen per Dopplergerät.

Ein Killer wird enttarnt

In der getABI-Studie haben Mediziner untersucht, wie häufig arteriosklerotische Gefäßkrankheiten sind und wie groß das Risiko ist, deswegen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Dazu haben sie von Garmisch-Partenkirchen bis Kiel Daten von fast 7.000 Patienten ausgewertet. Ergebnis: Jeder Fünfte ab 65 ist von der Gefäßkrankheit der Beinarterien betroffen und stirbt dadurch im Schnitt zehn Jahre früher – unabhängig davon, ob er Schmerzen verspürt oder nicht.

Weil die Erkrankung massiv unterschätzt wird, sind die Patienten auch medikamentös schlecht versorgt. Und viele wissen gar nichts von ihrer Krankheit. Inzwischen haben die Verantwortlichen in der Politik und bei den Krankenkassen die Brisanz erkannt. Immer mehr Kassen übernehmen die Kosten für die Blutdruckmessung an den Beinarterien, das Bundesministerium fördert die Studie, die noch drei weitere Jahre laufen soll. Hier erhoffen sich die Ärzte genauere Angaben über das Risiko, innerhalb eines bestimmten Zeitraums aufgrund von Durchblutungsstörungen einen Herzinfarkt oder Hirnschlag zu erleiden.

Welche Rolle spielen Netzwerke und das Web für die medizinische Forschung? Wie informieren Sie sich persönlich?
Durch meine Gutachtertätigkeit bin ich fast automatisch up to date. Natürlich lese ich auch die einflussreichsten internationalen Medizinjournale. Zudem bin ich Mitherausgeber wichtiger internationaler Herz-Kreislauf-Medizinjournale. Ich finde, dass Netzwerke und das Web beim Wissenstransfer inzwischen eine herausragende Rolle spielen. Ich selbst tausche mich mit meinen Kollegen – national wie international – intensiv in medizinischen Communitys aus. Daraus ergeben sich oft ganz neue Ideen und Ansätze – die letztendlich immer auch unseren Patienten zugutekommen.

Welche Bedeutung messen Sie der Forschung an Kliniken bei?
Wenn eine Klinik in Studien oder andere Forschungsaktivitäten eingebunden ist, signalisiert das nach außen: Hier wird wissenschaftlich auf einem Topniveau gearbeitet, hier sind Patienten bestmöglich versorgt. Das steigert natürlich die Attraktivität des Hauses. Und gerade Kliniken wie unsere, im ländlichen Raum, müssen sich aktiv um Patienten und Ärzte bemühen. Allgemein betrachtet, steigt das Renommee einer Klinik mit Forschungsaktivitäten und der Bekanntheit der vor Ort tätigen Ärzte. Das ist gerade dann wichtig, wenn man auch Patienten aus dem Ausland an die Klinik holen will.
Ein guter Ruf macht ein Krankenhaus aber auch für den Ärztenachwuchs interessant. In meinen fast 20 Jahren hier im Haus haben unter meiner Leitung 32 Doktoranden an unserem akademischen Lehrkrankenhaus in Heidelberg promoviert – keiner mit einer Note unter cum laude. Der Doktortitel ist für viele ein Anreiz, bei uns als Assistenzarzt zu beginnen oder eine Facharztausbildung zu machen.

In welche Forschungsaktivitäten sind Sie und Ihr Team derzeit involviert?
Unter anderem erforschen wir die Stammzelltherapie bei Patienten mit amputationsbedrohten Durchblutungsstörungen der Beinarterien. Auch die getABI-Studie läuft weiter. Ärzte können zu diesen Themen bei uns promovieren. Und wir sind eines von fünf Studienzentren in Deutschland, das an Genstudien zur Erforschung von Wachstumsfaktoren bei urchblutungsstörungen der Becken-Bein-Arterien teilgenommen hat.

Und wie schnell lassen sich Forschungsergebnisse in die Praxis umsetzen?
Im Fall der getABI-Studie ist uns das in weniger als fünf Jahren gelungen. Inzwischen messen wir den Blutdruck an den Beinarterien routinemäßig, und die meisten Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür. Die Messung ist vergleichsweise einfach. Mithilfe sogenannter Dopplergeräte lässt sich der Blutdruck an Arm- und Beinvenen bestimmen. Bei gesunden Menschen ist der Blutdruck am Bein immer höher als am Arm; ist er niedriger, liegt eine Durchblutungsstörung vor. Wir haben die Methode inzwischen automatisiert und können den Blutdruck an beiden Beinen und Armen gleichzeitig erfassen. Ein entsprechendes Gerät ist seit zwei Jahren auf dem Markt. Damit lassen sich an einem Nachmittag rund 500 Messungen durchführen, etwa im Rahmen größerer Felduntersuchungen, – eine simple Messung mit großer, nämlich lebensverlängernder Wirkung.

Georg Haiber

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SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach

Das Klinikum – Fachkrankenhaus und Akutklinik in einem – verfügt über 538 Betten in den Bereichen Wirbelsäulenchirurgie, Orthopädie, Neurologie, Innere Medizin, Gefäßchirurgie und Psychiatrie.

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