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Frei entfalten

Verena Joest* steuert auf ihren erfolgreichen Abschluss als Fachinfor­matikerin für System­integration zu.

In den SRH Berufsbildungwerken finden junge Menschen mit gesundheit­lichen Einschränkungen den Beruf, der zu ihnen passt. In fast zwei Dutzend Ausbildungsberufen können sie ihr Potenzial entwickeln und zeigen, was in ihnen steckt. Therapeuten und Mediziner unterstützen sie dabei. 

Verena Joest* ist mächtig stolz auf sich. Dass die 23-Jährige heute als Auszubildende für einen Ludwigshafener IT-Dienstleister wichtige Datenleitungen plant, schaltet und entstört, hätte sie vor drei Jahren selbst nicht geglaubt. Denn die Heidelbergerin leidet an Depressionen. Lange Zeit kamen soziale Phobien hinzu, die Angst, auf andere Leute zuzugehen, die Angst, sich zu blamieren. Nach dem Abitur hatte Verena Joest begonnen, Computer­linguistik zu studieren – und brach unter dem Druck ­zusammen. Der Versuch, eine Ausbildung anzufangen, scheiterte schon an den Bewerbungsgesprächen. „Ich habe sie nervlich einfach nicht durchgestanden“, erinnert sich die junge Frau.
Schließlich erfuhr sie von der Möglichkeit, bei ­einem Berufsbildungswerk (BBW) zu lernen (siehe 
Kasten). Die BBWs sind auf die Ausbildung junger Menschen mit speziellem Förderbedarf spezialisiert. Die Teilnehmer durchlaufen eine ganz normale duale Ausbildung mit Praxis- und Theoriephasen und abschließender Prüfung vor der Industrie- und Handels-, der Handwerks- oder Steuerberaterkammer. Zugleich stehen Mediziner, Therapeuten, Sozialpädagogen und Psychologen sowie Ausbilder mit rehabilitationspädagogischen Zusatz- qualifika­tionen vor Ort bereit, um sie zu unterstützen.
Verena Joest informierte sich und erhielt von der Agentur für Arbeit die Zusage für eine Reha-Ausbildung zur Fachinformatikerin für Systeminte­gra­tion beim SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd (BBWN). Im September wird sie ihre Abschlussprüfung machen. „Ich fühlte mich hier schnell sicher. Ich wusste, wenn ich falle, dann fängt mich ein großes soziales Netz auf“, beschreibt sie. Diese Gewissheit machte ihr Mut, sich auszuprobieren. Sie setzte sich große Ziele. Mit Erfolg. In den Berufsschulphasen schreibt sie durchweg Einsen, in der Praxis hilft sie oft Mitschülern, Lösungen zu finden. Ihren größten Triumph feierte Joest aber mit der Bewerbung um ein Praktikum bei einem IT-Dienstleister in Ludwigshafen. „Ich habe all meinen Mut zusammengenommen, bin ganz ruhig geblieben und habe das Vorstellungs­gespräch sogar erstaunlich gut gemeistert“, erinnert sie sich. Von ihren Problemen erzählte sie dem potenziellen Arbeitgeber nichts.

Vor dem ersten Arbeitstag hatte sie dennoch gehörig Bammel. „Inzwischen hatte ich aber gelernt, mich auf solche Herausforderungen auch zu freuen.“ Das wurde belohnt: Das Unternehmen war so begeistert von ­ihren Leistungen, dass es nicht nur das Praktikum verlängerte, sondern auch ihre komplette praktische Ausbildung, die sonst intern erfolgt wäre, übernahm. „Verenas Geschichte ist eine echte Erfolgsstory“, schwärmt ihr Ausbilder beim BBWN, Alexander Borcherding. Dass Joest nun im Arbeitsalltag mit Druck umgehen kann, freut ihn riesig.

 

 

Verena Joest hat komplexe Netzwerke im Griff.

„Ich wusste, wenn ich falle, dann fängt mich ein großes soziales Netz auf.“

Verena Joest, Auszubildende am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd

 

Fast 100 Prozent Erfolgsquote

Die Qualifikation für den ersten Arbeitsmarkt zu erhalten und dort möglichst auch zu bestehen, dafür wollen die Berufsbildungswerke der SRH ihre Teilnehmer fit machen. In Neckargemünd etwa können junge Leute mehr als 40, zum größten Teil hochqualifizierte Berufe erlernen: vom Elektroniker bis zum Marketing-Spezialisten. Im BBW Dresden sind es 20. „Die Menschen kommen zu uns, weil sie im normalen Berufsleben nicht zurechtgekommen sind oder weil ihr Handicap ihnen von vornherein die Chance auf eine normale Ausbildung erschwert hat“, sagt BBWN-Ausbildungsleiter Jörg Trabold. Deshalb ermitteln die Berufsbildungswerke zu Beginn mit den Teilnehmern über Potenzialanalysen und Eignungsabklärung den geeigneten Beruf. Anschließend durchlaufen die jungen Leute entweder zuerst ein berufsvorbereitendes Bildungsprogramm oder steigen direkt in die Ausbildung ein.Sowohl die Berufsschule als auch die Praxisphasen absolvieren die Azubis in der Regel im BBW. Praktisch erproben sie sich zum Beispiel in Betrieben, die das BBW selbst gegründet hat. Die Nachwuchsinformatiker warten die IT-Systeme der Einrichtung, die angehenden Mediengestalter betreiben eine Medienwerkstatt. Dass externe Unternehmen wie bei Verena Joest die komplette praktische Ausbildung übernehmen, ist dagegen noch selten. Um den Azubis trotzdem Chancen auf eine Übernahme zu ermöglichen, sind externe Praktika Pflicht. Der Erfolg gibt dem Ausbildungsmodell recht: „Mehr als 98 Prozent unserer Teilnehmer bestehen ihre Prüfung“, berichtet Ausbildungsleiter Trabold. Zwei ­Drittel davon finden meist innerhalb des ersten Jahres einen Job. Gleiche Erfolge meldet das BBW Dresden. 

 

 

„Menschen mit Autismus haben tolle Fähigkeiten, die ein Unternehmen sicherlich bereichern.“

Gabriele Baumgärtel, Psychologin am BBW Dresden

Juliane Schneider* büffelt Theorie für ihre ­Ausbildung zur Verwaltungs­fachangestellten.

Punktgenau ausbilden

Vor 25 Jahren waren es vor allem Menschen mit körperlichen Handicaps, die ein SRH Berufsbildungswerk besuchten. Inzwischen überwiegt die Zahl derer mit psychischen Erstdiagnosen wie soziale Phobien, Depressionen, Borderline-Störungen oder Autismus. Fast zwei von zehn Auszubildenden am BBW Dresden bringen eine autistische Störung mit. 15 bis 20 Prozent aller Menschen mit autistischen Störungen sind laut Dresdner Autismus­ambulanz theoretisch in der Lage, unabhängig ihren ­Alltag zu gestalten, nachdem sie erfolgreich eine Ausbildung absolviert haben. Dennoch ist ihre Arbeitslosenquote schätzungsweise dreimal so hoch wie im Durchschnitt. „Menschen mit Autismus haben tolle Fähigkeiten, die ein ­Unternehmen sicherlich bereichern: exaktes Ausführen ­bestimmter Aufgaben, Pünktlichkeit und bisweilen eine hohe Intelligenz auf einem bestimmten Gebiet“, erklärt Gabriele Baumgärtel, Psychologin am BBW Dresden. Aber es gebe eben auch die Einschränkungen, auf die sich ein Unternehmen einlassen muss und die es vor allem den Betroffenen schwer machen, im Berufsalltag durchzuhalten. „Reizüberflutungen zum Beispiel oder das ­Abweichen von Routinen können schwer vorhersehbare Folgen auslösen.“ Wie mühsam es in der Praxis für Betroffene ist, damit umzugehen, weiß Juliane Schneider* nur zu gut. Die 20-Jährige bringt ein Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus mit und steckt gerade mitten in der Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten am SRH Berufsbildungswerk Dresden. Buchführung und Beschaffung liegen ihr, während ihr der Umgang und die Kommunikation mit anderen Menschen zu schaffen machen. Die Thüringerin braucht in ihrem Alltag feste Regeln – gleiche Abläufe, Gewohnheiten, Rituale. Spontane Ab­weichungen überfordern sie. „Deshalb gehen wir zum Beispiel zusammen detailliert den Plan für den Tag durch, oft auch mithilfe von Bildern“, sagt Juliane Schneiders Ausbilder Udo Uschner. Ihre vier Mitschüler haben starke körperliche Beeinträchtigungen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Mobbing ist daher kein Thema. Da hat Schneider schon anderes erlebt. Die Gruppe gibt ihr Halt. „Ich werde von den anderen so akzeptiert, wie ich bin“, sagt sie. Arbeitgeber ziehen mitSchneider wohnt in einer Wohngemeinschaft auf dem Campus des BBW Dresden. Das große Netz an Betreuern und Therapeuten empfindet sie als großen Vorteil. So fällt es ihr zum Beispiel oft schwer, sich die Zeit richtig einzuteilen. In Aufgaben, die sie sehr interessieren, kann sie sich verbeißen, bei anderen schaut sie schon einmal eine Viertelstunde aus dem Fenster. Eine Heilpädagogin trainiert mit ihr, sich besser zu organisieren. Juliane Schneiders Betreuer und Therapeuten tun alles dafür, dass sie ihre Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt erhält. „Bereits im Vorfeld haben wir genau geprüft, welcher Beruf generell gut für sie wäre“, berichtet Psychologin Baumgärtel. Für die Verwaltung sprach, dass der öffentliche Dienst eine gewisse Sicherheit bieten würde, dass es Rückzugsmöglichkeiten im Büro und Aufgaben ohne Bürgerkontakt gäbe. „Arbeiten im Archiv mit einem immer gleichen Ablauf würden ihr zum Beispiel sehr liegen“, ist Ausbilder Udo Uschner überzeugt. Dennoch wird es bei jungen Menschen wie Juliane Schneider und Verena Joest darauf ankommen, wie flexibel Arbeitgeber auf ihre Handicaps eingehen können und wollen. „Bei körperlichen Beeinträchtigungen ist es schon viel einfacher geworden, die Menschen über barrierefreie Büros und technische Anpassungen zu integrie­ren“, sagt Jörg Trabold. Bei psychischen Erkrankungen sei die Unterstützung dagegen oft schwieriger. Dennoch wären immer mehr Unternehmen dazu bereit, beobachtet er. Nicht zuletzt der Fachkräftemangel macht es nötig. Verena Joest jedenfalls hat ihren Ausbilder längst in ihre „besonderen Umstände“ eingeweiht. „Er hat großes Verständnis dafür, unterstützt und fördert mich sehr.“ Sie freut sich auf die Arbeit nach der Prüfung. „Ich kann mein Hobby zum Beruf machen.“ 

 

Text Melanie Rübartsch Fotos Andreas Henn, Sven Döring

Nach dem Abschluss würde Juliane Schneider gerne im öffentlichen Dienst anfangen.

Die SRH Berufsbildungswerke

Die SRH betreibt Berufsbildungswerke in Neckargemünd und in Dresden, mit einer Zweigstelle in Cottbus. Die BBWs sind auf die außerbetriebliche Ausbildung junger Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und besonderem Förderbedarf spezialisiert. Zusätzlich zu mehreren Dutzend staatlich anerkannter Ausbildungsberufe von Wirtschaft bis Technik können Teilnehmer auch die Fachhochschulreife erwerben. Die Kosten für die Ausbildung übernehmen meist die Arbeitsagenturen, aber auch die Jugendhilfe oder die Rentenkasse. Die Azubis erhalten je nach individueller Situation medizinische, therapeutische, psychologische oder sozialpädagogische Unterstützung und können bei Bedarf in Wohnheimen, betreuten Außenwohngruppen oder in Einzelwohnungen der BBWs leben. Schwer körperlich behinderte Menschen haben die Möglichkeit, in virtuellen Klassenzimmern zu lernen.

www.bbw-neckargemuend.de, www.bbw-dresden.de

Fachinformatiker für Systemintegration planen und konfigurieren in oder für Unternehmen IT-Systeme. Sie vernetzen Hard- und Software­komponenten, ermitteln und beseitigen Störungen in der EDV und schulen Kollegen oder Kunden im Umgang mit den IT-Systemen. Die Ausbildung dauert drei Jahre.

Autismus-Spektrum-Störungen liegt eine lebenslange, bereits im Kindesalter beginnende komplexe Störung des Nervensystems zugrunde. Betroffen ist insbesondere die Wahrnehmungsverarbeitung. 
Die Störungen können in sehr unterschiedlichen Formen und Ausprägungen auftreten. Dazu zählen frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom und Atypischer Autismus. Generell haben Menschen mit Autismus Schwierigkeiten, Informationen, Wahrnehmungen und Reize zu verarbeiten. Das wirkt sich auf das zwischenmenschliche Verhalten und die Kommunikation mit anderen aus. 

Im Vordergrund des Asperger-Syndroms steht die Kontakt- und Kommunikations­störung. Die Fähigkeit, Mimik, Gestik und sprachliche Äußerungen differenziert zu erfassen und selbst wieder auszusenden, ist beeinträchtigt. Auf Änderungen in ihrem Alltag reagieren Menschen mit Asperger-Syndrom teils sehr stark. Sie be­sitzen oft eine normale allgemeine, in Teilgebieten sogar besonders hohe Intelligenz, sogenannte Inselbegabungen. 

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