direkt zum Inhalt

Freiräume zum Denken

Was haben moderne Unternehmensstrategien mit Gesellschaftsspielen zu tun? Und wie ­können digitale Geräte die stationäre Pflege unterstützen? Die aktuelle Forschung an den SRH Hochschulen hat viele Facetten.

Mensch ärgere Dich nicht, Siedler, Call of Duty oder Minecraft – wenn Jens Junge (Foto links, Mitte) mit seinen Doktoranden zum Teammeeting zusammentrifft, dann kommt auch schon mal das eine oder andere Brett- oder Computerspiel auf den Tisch. Rein wissenschaftlich, versteht sich. Denn Jens Junge ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Marketing an der desgin akademie berlin – der SRH Hochschule für Kommunikation und Design – und leitet seit November das neu gegründete Institut für Ludologie – zu Deutsch: Spielewissenschaften. 

Junge geht – gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) – der Frage nach, was Unternehmer von Spieleentwicklern lernen können: „Spiele sind oft faszinierender als die Realität, deshalb verbringen viele Menschen sehr viel Zeit mit ihnen. Wir untersuchen, was sie dazu motiviert – und welche Spielregeln Unternehmen benötigen, damit die Mitarbeiter dort auch Engagement und Begeisterung entwickeln.“ Dazu analysieren die Wissenschaftler Spielideen, Regelwerke und Spielmechaniken und übertragen sie auf Unternehmensthemen wie die Personalauswahl oder Mitarbeiter-Feedbacksysteme. Im Mittelpunkt der aktuellen Forschung stehen dabei kleine und mittelständische Unternehmen sowie Start-ups. Denn die seien besonders darauf angewiesen, die richtigen Strukturen zu schaffen, erklärt Jens Junge.

„Start-ups müssen zum Beispiel ihren Mitarbeiterstamm zügig von 20 auf 200 pushen und haben daher wenig Raum für Fehleinschätzungen.“ In den kommenden zwei Jahren wird das Ludologie-Team deshalb zusammen mit Studierenden Hunderte Spielmechanismen unter die Lupe nehmen und mit den Unternehmensdaten von gut 900 Start-ups abgleichen. Das Beispiel zeigt: Moderne Forschung in Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Hochschulen hat sehr unterschiedliche Gesichter. Auch bei der SRH wird diese Vielfalt deutlich: Die Projekte reichen von der Grundlagenforschung in vergleichsweise neuen Bereichen bis hin zu sehr anwendungsorientierten Lösungen für konkrete Problemstellungen – etwa der Frage, wie man Wohnungen möglichst barrierefrei umbauen kann (siehe Infokästen). Üblicherweise arbeiten Hochschulen in der Forschung mit Part­nern zusammen – das können etwa Unternehmen sein, die ein Interesse an der Erforschung bestimmter Sachverhalte haben und dafür auch die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen. Auch staatliche Institutionen oder außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer Institut geben Hochschulen konkrete Aufträge.

Neue Standards beim Sanieren

Für barrierearmes ­Reno­vieren: Susanne Edinger

Rampen statt Stufen, viele Handläufe, leichtgängige Armaturen in Küchen und Bädern – dass Wohnungsunternehmen heutzutage darauf achten, ihre Altbauten möglichst bar­riere­arm zu sanieren, ist mit ein Verdienst von Susanne Edinger. 

Der Architektur-Professorin an der SRH Hochschule Heidelberg fiel im Rahmen ei­nes vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung geförderten Forschungsprojektes auf, wie gedankenlos viele Häuser renoviert wurden. Weil die Wohnungsunternehmen die bis dahin propagierte hundertprozentige Barrierefreiheit ohnehin nicht erreichen konnten, ließen sie den Aspekt gleich ganz unter den Tisch fallen. „Dabei wären 70 Prozent doch auch schon mal gut“, fanden Prof. Susanne Edinger und ihr Kollege Prof. Dr.-Ing. Helmut Lerch und trugen Ideen zusammen, wie Wohnungen mit wenig Aufwand aufgemöbelt werden können, sodass Menschen möglichst lange selbstständig darin wohnen können. Ein wichtiges Thema in einer alternden Bevölkerung. Das fand auch das Bundesamt und bewilligte weitere Fördermittel. Der neue Gedanke der Barrierearmut floss sogar in staatliche Förderrichtlinien ein. „Die Ergebnisse unserer Forschung haben ein vollständiges Umdenken beim Thema Bauanpassung ausgelöst“, stellt Edinger fest. Ab Mai gibt es ihre Ergebnisse als praxisnahen Ratgeber für Eigentümer und Bewohner („Handbuch Barrierereduzierung“, Beuth Verlag).

Freiräume zum Denken

„Voraussetzung für gute Ergebnisse ist, dass die Forschenden genügend Freiräume haben, in denen sie denken, testen und entwickeln können“, verrät Gerrit Tamm, Professor für Wirtschaftsinformatik an der SRH Hochschule Berlin. Für das BMBF-Forschungsprojekt zum Einsatz von Smart-Items-Technologien in der stationären Pflege (siehe unten) bietet das SRH Umfeld optimale Voraussetzungen: „Die Verbindung von Bildung und Gesundheit innerhalb der SRH eröffnet großes Potenzial für die gemeinsame Anwendungsforschung mit Hochschulen und Kliniken“, so Tamm. Auch Forschungskooperationen mehrerer Hochschulen seien üblich. Die Erkenntnisse können dann nicht nur gemeinsam entwickelt, sondern auch gemeinsam genutzt werden. 

So wie beim Projekt „FlexiCare 50 plus“ von Margot Sieger: Auf unzähligen Veranstaltungen und Vorträgen hat die Professorin für Pflegewissenschaften an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera bereits ihre Forschungsergebnisse vorgestellt. Wie flexibles und demografiesensibles Lernen in der Pflege funktioniert, interessierte die breite Öffentlichkeit ebenso wie Kollegen anderer Hochschulen – sogar an der Universidade Tiradentes in Aracaju, Brasilien, waren die Erkenntnisse von Margot Sieger Thema. Und auch die Forschungsergebnisse der SRH Hochschule Heidelberg zur Barrierereduzierung im Wohnungsbestand machten Schule: Sie flossen nicht nur ins Lehrprogramm für künftige Studierende ein, sondern sogar in offizielle Förderrichtlinien und Handbücher für die Wohnungswirtschaft.

„In Deutschland und in der EU ist ein Trend zu einer mehr anwendungsorientierten Forschung zu beobachten. Da passen die Fachhochschulen mit ihrem praxisnahen Ausbildungsauftrag gut hin­ein“, meint Prof. Victoria Büsch, Präsidentin der SRH Hochschule Berlin. Schließlich sei es Aufgabe der Hochschulen, für Gesellschaft und Wirtschaft einen Mehrwert zu erzeugen – zudem seien Forschungsaufträge und -erfolge natürlich auch immer gut für die Reputation.

„Die SRH Hochschulen verstehen sich als forschungsorientiert“, sagt Dr. Matthias Staat, Hochschul­koordinator der SRH. Deshalb stellt die Förderstiftung Gelder zur Verfügung, um beispielsweise die Anschubfinanzierung von Projekten zu sichern. Professoren können im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit Zeitbudgets für Forschungsfreiräume in Anspruch nehmen. „Forschungsmöglichkeiten sind darüber hinaus wichtig, um qualifizierte Professoren für die Hochschulen zu gewinnen“, betont Staat.

Für die Studierenden bringt die hochschuleigene Forschung entscheidende Vorteile. „Wer als Bachelor von der Fachhochschule an die Universität wechselt, um dort seinen Master zu absolvieren, braucht Forschungskompetenz“, ist sich Hochschulkoordinator Dr. Matthias Staat sicher. Insofern sollten Studierende schon so früh wie möglich lernen, sich selbstständig Inhalte und Kompetenzen zu erarbeiten. So wie an der SRH Hochschule Berlin: Hier veröffentlichen Studierende regelmäßig gemeinsam mit ihren Professoren Forschungspapiere, die sie auch auf internationalen Tagungen vorstellen. Studentin Anja Saller hat etwa jüngst einen Vortrag zum Thema Gesundheitsmanagement auf einer Fachkonferenz in Indien gehalten. „Eine tolle Erfahrung für Studierende“, findet Victoria Büsch, Präsidentin der SRH Hochschule Berlin.

Digitale Helfer in der Pflege

Kommunikationsunterstützung: das Forschungsteam

T-Shirts, die den Herzschlag messen, Unterwäsche oder Armbänder, die den Puls erfassen, Tablettenblister, die an die Einnahme von Medikamenten erinnern, oder Mikrochips im Schlafanzug, die Atemgeräusche überwachen. Noch ist das alles eher Zukunftsmusik, wenn es um den Einsatz dieser Technologien an Patienten und Pflegebedürftigen geht. 

Dass die Zukunft möglichst bald anbricht, dafür forschen aktuell Prof. Vladimir Stantchev und Prof. Gerrit Tamm vom Institut für Wirtschaftsinformatik an der SRH Hochschule Ber­lin zusammen mit anderen Hochschulen und Partnern aus der Wirtschaft. Ihr Projekt heißt OpSIT – Optimaler Einsatz von Smart-Items-Technologien in der stationären Pflege – und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mitfinanziert. „Wir untersuchen, wie zum Beispiel Smartwatches und intelligente Tablettenblister im Pflegebereich als Kommunikationsunterstützung für Pfleger und Angehörige genutzt werden können, um die Betreuung zu optimieren“, erklärt Gerrit Tamm. Aktuell nimmt sein Team die Geräte im Testlabor unter die Lupe. Noch in diesem Jahr sollen die ersten Produkte live in der Pflegepraxis erprobt werden.

Weichenstellung für den Berufsweg

Auch Weichenstellungen für den späteren Berufsweg sind über Forschungsprojekte an den Hochschulen möglich: „Gerade die anwendungsorientierte Forschung mit Unternehmen der freien Wirtschaft bietet Studierenden die Möglichkeit, einen intensiven Kontakt zu potenziellen Arbeit­gebern zu knüpfen“, weiß Prof. Gustav Rückemann, Prorektor für Forschung und Lehre an der ​SRH Hochschule Heidelberg. Zudem habe die Erfahrung gezeigt: Wer bereits im Studium eine wissen­schaftliche Neugierde zeigt und diese gezielt in Projekten weiterentwickelt, profitiert davon spä­ter­ im Beruf. Das findet auch Jens Mielke. Der 23-Jährige ist Masterstudent im Studiengang ­Manage­ment Energiewirtschaft und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der SRH Hochschule für Logistik und Wirtschaft in Hamm. Er hat sich im Rahmen des Forschungsprojekts von Prof. Norbert Biermann (siehe unten) intensiv mit der Auslastung von Flughafen-Förderbändern beschäftigt. „Dadurch war ich ganz nah an der Praxis, im Prinzip schon direkt im Berufsleben. Das ist ganz anders als in der Vorlesung.“

Mentoring für Studierende

Besondere Bedürfnisse erforscht: Rüdiger Reinhardt

Überraschende Ergebnisse sind für Forscher an der Tagesordnung. Diese Erfahrung machte Prof. Dr. habil. Rüdiger Reinhardt, Professor für Wirtschaftspsychologie an der SRH Fernhochschule Riedlingen: Der Stif­ter­verband der Deutschen Wissenschaft hatte Hochschulen aufgerufen, Maßnahmen zu entwickeln, mit denen sich der Studienerfolg verbessern lässt. „Als Fernhochschule, an der sehr viele berufsbegleitend studieren, betreuen wir unsere Studierenden ohnehin schon sehr eng“, erklärt Reinhardt. „Deshalb interessierte uns, wie man Studierende, die gleich mehrfach „belastet“ sind – etwa durch Sprachhürden oder als Alleinerziehende –, besser unterstützen kann.“ 

Befragungen ergaben Interessantes: Die „Mehrfachbelasteten“ hatten keinen besonderen Beratungsbedarf. „Weil sie um ihre besondere Lage wissen, gehen sie Probleme zügig an, nutzen unsere Angebote und kommen gut damit zurecht.“ Eine wichtige Erkenntnis für die Qualität des eigenen Mentoringprozesses. Das Forschungsprojekt gab dennoch Hinweise, wie sich der Studienerfolg noch verbessern lässt: Während Fachliches kaum Anlass für SOS-Anrufe gab, kamen Studierende öfter mit beruflichen Fragen, etwa wie man mit Konflikten im Büro umgehen könne. „Auch dazu sollte man also Antworten parat haben oder entsprechende Diskussionsforen bieten“, erklärt Reinhardt.

Logistik fürs Amazon-Zeitalter

Forscht für ein optimales Logistik­zentrum: Norbert Biermann

Jeder kennt die riesigen eingeschossigen Logistikzentren auf der grünen Wiese mit ihren Hunderten Rolltoren ringsherum und den Lkws davor. Hier werden Waren aus- und umgepackt, umgeladen und weitertransportiert. „Dieses Konzept hat in der Vergangenheit gut funktioniert“, weiß Norbert Biermann, Professor für Technische Logistik von der SRH Hochschule für Logistik und Wirtschaft in Hamm. „Aber Logistik verändert sich. Menschen bestellen durch das Internet zum Beispiel deutlich mehr als früher und erwarten eine prompte Lieferung vor die Haustür.“ Deshalb sind künftig kleinere, agilere Umschlagzentren näher am End­kunden nötig. Gemeinsam mit wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studierenden und gefördert von der landes­eigenen NRW.BANK entwickelte Biermann also ein sogenanntes Compact Cross Docking Center (CCD). 

Während der vierjährigen Forschungsphase entstand das Modell eines Logistikzentrums, das optisch an ein drei- bis vierstöckiges, terrassiertes Parkhaus erinnert. Auf mehreren Ebenen kann gelagert und hantiert werden, während unten Lkws, Schiffe und Eisenbahnen rangieren. Portalkräne aus Häfen übernehmen den Umschlag der Waren, Förderbänder aus Flughäfen den Transport im Gebäudeinneren. „Jetzt, da das Modell ­theoretisch steht, geht es darum, Interessenten für die Umsetzung zu finden“, erklärt Biermann. „Zudem er­geben sich aus jeder Forschung viele neue Fragen, die es zu beantworten gilt.“

Lerneinheiten am Tablet

Moderne Computer für die moderne Pflege: „FlexiCare 50 plus“

Oft löst Forschung mehr als nur ein Problem. So auch das Projekt „FlexiCare 50 plus – flexibles und Demografie-sensibles Lernen in der Pflege“ von Margot Sieger, Professorin für Pflegewissenschaften an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera. FlexiCare wurde vom BMBF und aus dem Europäischen Sozial­fonds gefördert und greift gleich mehrere Knackpunkte bei der Weiterbildung im Pflegebereich auf: Viele Pflegekräfte bringen große Erfahrung in ihrem Fach mit, haben aber nur selten Gelegenheit, einen Computer bei der Arbeit zu nutzen, geschweige denn sich per Computer weiterzubilden. 

Gleichzeitig fordert der Gesetzgeber, dass Kranke nach dem neuesten Stand der Pflegewissenschaft zu versorgen sind. Deshalb haben Margot Sieger und ihr Team zusammen mit zwei Konsortialpartnern eine dreiteilige, praxisnahe Weiterbildung entworfen, die über Tablet-PCs genutzt wird: kleinere internetbasierte Lektionen zu aktuellen Themen, größere Lerneinheiten unter anderem in einem virtuellen Klassenraum, in dem die Teilnehmer lernen, Themen selbst zu recherchieren, sowie ein Online-Fachkräfteforum zum Erfahrungsaustausch. „Rund 70 Pflegekräfte aus drei Kliniken haben das Bildungsangebot durchlaufen und sind jetzt in der Lage, mit Tablet-PCs selbstständig zu lernen und wissenschaftlich fundiert Probleme am Arbeitsplatz zu lösen“, berichtet Sieger. In Kürze erscheinen die Forschungsergebnisse als Buch („Digital lernen – evidenzbasiert pflegen“, Springer Verlag.)

Von Ulrike Heitze

Forschung unterteilt sich in Grundlagenforschung und angewandte Forschung. Grundlagenforschung erfolgt vorwiegend an Universitäten, Akademien oder Forschungsinstitutionen. Sie hat die wissenschaftliche Erkenntnis zum Ziel.

Bei der angewandten Forschung steht der Praxisbezug im Mittelpunkt. Dieser Forschungszweig erstreckt sich vornehmlich auf die Fachhochschulen, Institutionen der Wirtschaft und die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft.

Quelle: Bundesbericht Forschung und Innovation 2014

Quelle: Bundesbericht Forschung und Innovation 2014

Die SRH Hochschulen

Zur SRH gehören acht Hochschulen in Deutschland sowie eine in Paraguay. Mehr als 9.250 Studierende lernen hier für ihre Bachelor- und Master-Abschlüsse.

www.srh-hochschulen.de