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Bildung19.12.2013

Freundschaftliche Beziehungen im beruflichen Umfeld

Freund oder Kollege – oder beides?

Freund oder Kollege - oder beides? (Illustration: Martin Burkhardt)

Freundschaft am Arbeitsplatz ist kein Problem, wenn der Umgang bei der Arbeit professionell bleibt.

Kollegen sitzen durchschnittlich acht Stunden am Tag Schreibtisch an Schreibtisch oder arbeiten zusammen in einer Schicht. Kein Wunder, dass sich dabei enge Bindungen und sogar Freundschaften entwickeln können. Wer sowohl beruflich als auch privat harmonieren möchte, sollte aber einige Regeln beachten.

„Alle Schätze dieser Erde wiegen einen guten Freund nicht auf“, formulierte bereits der berühmte französische Schrift­steller und Philosoph Voltaire. Dieser Aussage werden vermutlich die meisten Menschen zustimmen. Zeigt sie doch, welch große Bedeutung Freundschaft hat. „Gute Freunde tun uns einfach gut, sie sind für unser Gemütsleben wichtig“, unterstreicht Marlis Schlüter, Psychologin am Beruflichen Trainingszentrum Rhein-Neckar (BTZ) der SRH in Wiesloch. Gerade heute, da vermehrt der Job gewechselt wird und die Zahl der Singles stetig steigt, sind Freunde manchmal die einzige Konstante über einen langen Zeitraum. „Sie wirken positiv auf unser Selbstwertgefühl und sind häufig unverzichtbare Stütze im 
Leben“, so die Psychologin. 

Einsamkeit macht krank

Wissenschaftler beobachten immer wieder, dass Freundschaften sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Zahlreiche 
Studien aus den letzten Jahren belegen: Ein intaktes Sozial­leben hält gesund. Oder umgekehrt: Einsamkeit macht krank. Das bestätigt etwa eine Metaanalyse der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Julianne Holt-Lunstad von der Brigham Young Universität in Utah, die zusammen mit ihrem Team 
Daten aus 148 Studien mit insgesamt mehr als 308.000 Menschen ausgewertet hat. Das Ergebnis: Die Gefahren für die 
eigene Gesundheit durch fehlende soziale Beziehungen sind vergleichbar mit den Risikofaktoren durch Rauchen und Alkoholkonsum und sogar deutlich höher als der schädliche Einfluss von Bewegungsmangel und Übergewicht.

Obwohl gute Beziehungen privat und im Beruf selten gleich funktionieren, sind sie auch fürs Arbeitsleben wichtig, weiß Marlis Schlüter: „Das Gefühl, dazuzugehören, steigert die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit. Wer ein gutes soziales Umfeld hat, ist am Arbeitsplatz ausgeglichener und motivierter“, erklärt die Expertin. Dabei spiele es zunächst keine Rolle, ob der Freund auch Kollege ist. Auf keinen Fall sollten aber eine gute, freundliche Arbeitsbeziehung und Freundschaft vorschnell miteinander verwechselt werden. Denn beide unterscheiden sich in einigen Punkten. So ist ein wichtiges Merkmal von Freundschaft die Freiwilligkeit. Jeder sucht sich seine Freunde selbst aus, was bei Kollegen in der Regel nicht möglich ist. Außerdem folgen Arbeitsbeziehungen dem Ziel, dass die Mitarbeiter zusammen produktiv sein sollten. In einer Freundschaft verbinden uns jedoch das gegenseitige Interesse und die Zuneigung zum jeweils anderen. „Freundlich 
ist nicht das Gleiche wie freundschaftlich“, sagt Schlüter und meint damit: Ein freundlicher und fachlich respektvoller Umgang im Beruf fördert die Zusammenarbeit und verbessert 
die Arbeitsatmosphäre. Dafür müssen die Kollegen aber nicht unbedingt befreundet sein. Respekt, Loyalität, Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft sind ohne Frage auch wichtige Voraussetzungen für die Teamarbeit. Da können die Grenzen schon einmal fließend ineinander übergehen, und man tauscht Vertraulichkeiten miteinander aus. Die Psychologin rät daher: „Jeder sollte sich genau überlegen, ob, ab wann und wem er Persönliches anvertraut. Für ein freundliches Gespräch unter Kollegen eignen sich zu Beginn einer Arbeitsbeziehung eher Themen wie Urlaubserlebnisse oder Freizeitaktivitäten.“

Beruf und Freundschaft trennen

Und wenn aus Kollegen doch echte Freunde werden? Das ist auch in Ordnung, meint Marlis Schlüter. Denn wer arbeitet nicht gern mit sehr vertrauten Menschen zusammen, in deren Gegenwart man sich einfach wohlfühlt? Grundsätzlich sollte der Umgang am Arbeitsplatz jedoch professionell bleiben und Beruf und Freundschaft klar getrennt werden. Das heißt zwar nicht, dass man nicht auch mal privat über den Job sprechen könne und umgekehrt, so Schlüter. „Aber die Probleme mit dem Partner oder Berichte über das vergangene Wochenende gehören nicht in die Arbeitszeit – auch wenn die Kollegin die beste Freundin ist“, verweist die Expertin.

Eine starke Bewährungsprobe für jede freundschaftliche Beziehung unter Kollegen ist eine Beförderung. Zwar freuen sich einige von Herzen für den anderen, doch können auch Neid und Missgunst aufkommen. Das sei ganz verständlich, findet die SRH Psychologin. Schließlich sei ein wichtiges 
Kriterium der Freundschaft die Gleichheit. Marlis Schlüter: „Steigt einer innerhalb der Hierarchie-Ebenen nach oben, wird dieses Prinzip dadurch außer Kraft gesetzt.“ Sie rät in solchen Situationen zu großer Offenheit. „Wichtig ist, dass beide ihre Erwartungen und Befürchtungen thematisieren und Lösungswünsche im Umgang damit formulieren. Am 
besten zeitnah und in aller Ruhe.“ Dann gebe es eine gute Chance, dass die Freundschaft bestehen bleibt – auch über Hierarchie-Ebenen hinweg. 

Susan Bohle

Feierabend mit den Kollegen

40 Prozent der deutschen Arbeitnehmer verbringen ab und zu ihre Freizeit mit Kollegen. Das zeigt eine Umfrage des Online-Karriereportals Monster.de. Über ein Viertel der Umfrageteilnehmer versteht sich mit den eigenen Kollegen sogar so gut, dass sie diese zu ihrem Freundeskreis zählen. Dagegen trennt ein Drittel der Deutschen Berufs- und Privatleben strikt und verbringt keine Freizeit mit den Arbeitskollegen. 

Um deutlich zu machen, welche Nähe am Arbeitsplatz persönlich gewünscht wird, hilft Offenheit und die Fähigkeit, Grenzen zu ziehen. Das sind nach Marlis Schlüter zwei wesentliche Regeln, damit es am Arbeitsplatz mit den Kollegen klappt.

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