direkt zum Inhalt

Bildung06.12.2012

Interview mit Prof. Dr. Anabel Ternès

"Gemeinsam fürs Leben lernen"

Laut der aktuellen Onlinestudie von ARD und ZDF sind drei von vier Deutschen online, drei Viertel davon bewegen sich in sozialen Medien. Prof. Dr. Anabel Ternès, Studiengangsleiterin Kommunikationsmanagement an der SRH Hochschule Berlin, sieht in Blogs, Wikis und Social Networks auch große Chancen für eine neue Art der Wissensvermittlung.

Prof. Dr. Anabel Ternès (Bild: Michael Danner, Berlin)

Kommunikation hat viele Facetten. Die gestenreiche Sprache von Anabel Ternès, Studiengangsleiterin Kommunikations-management an der SRH Hochschule Berlin, ist der beste Beweis.

Frau Prof. Ternès, welches Potenzial haben soziale Medien?

Soziale Medien haben das Potenzial, unsere Gesellschaft zu beeinflussen und zu verändern. Das zeigte sich beispielsweise eindrucksvoll im Arabischen Frühling 2011. Ich habe mit ägyptischen Managern gesprochen, die berichteten, dass das Internet zu Beginn der Proteste zwei Tage nicht funktionierte. Obgleich Facebook und Twitter bei der Organisation der Massendemonstrationen unersetzbar schienen, hatte das Web die Menschen bereits so zusammengeschmiedet, dass diese die digitalen Verbindungen real werden ließen und ihre Botschaften innerhalb weniger Stunden auf die Straße trugen. Das zeigt: Soziale Medien haben das Potenzial zu großen politischen Umwälzungen. Im Alltag vieler Menschen sind sie inzwischen unverzichtbare Informationskanäle.

Wo und wie sind die Veränderungen am stärksten spürbar?

Beim virtuellen Einkauf, bei der Restaurantwahl, bei der Recherche für wissenschaftliche Arbeiten – eigentlich überall. Das Web 2.0 ist ein Mitmach-Internet. Via Wikis, Blogs, Video-Plattformen oder sozialen Netzwerken wie Facebook kann jeder Nutzer Informationen abrufen und einspeisen. Das birgt Chancen und Risiken. So sind beispielsweise Wikipedia-Informationen im Gegensatz zum herkömmlichen Lexikon nicht unbedingt wissenschaftlich abgesichert, dafür aber meistens topaktuell. Restauranttipps auf Qype oder produktbezogene Bewertungen in Shoppingportalen fundieren oft nicht nur auf Fakten, sondern auch auf subjektiven Eindrücken oder bewusst wertenden Stellungnahmen, die nützen oder schaden sollen – und sind entsprechend mit Vorsicht zu genießen. Durch die Weisheit der Vielen, auch Schwarmintelligenz genannt, kann ein Beitrag genauer werden; der Vertrauenseffekt kann allerdings auch zum kollektiven Fehler führen, wie bei der Finanzkrise. Gleichzeitig profitieren wir als Lehrende und Lernende davon, dass Informationen jederzeit und überall verfügbar sind. Ich kann mich gut erinnern, wie ich früher mit Büchern beladen aus der Bibliothek nach Hause kam und auf Fernleihen bis zu vier Wochen warten musste. Heute kann ich mich mit meinen Kollegen aus Sydney problemlos zu einem Meeting per Bildtelefon treffen, zum Beispiel über Skype.

Prof. Dr. Anabel Ternès (Bild: Michael Danner, Berlin)

Wir als Lehrende müssen den Studierenden auf Augenhöhe begegnen - vor allem in Sachen moderner Technologien und sozialer Medien.

Also profitieren auch Lehre und Lernen von Social Media?

Natürlich. Schließlich erschließen sie nicht nur den Zugang zu einem regelrechten Informations-Eldorado, sie fördern auch Medienkompetenz und Medienbildung. Heute geht es primär nicht mehr darum, Informationen zu verarbeiten, sondern zu erarbeiten. Wurden früher Zahlen, Daten und Fakten aus Büchern oder Lern-CDs in Eigenarbeit destilliert und mental abgespeichert, bringen Facebook, Twitter und Co. Lernende und Lehrende auf der ganzen Welt zusammen. Man profitiert von der Arbeit der anderen und baut darauf auf, erweitert oder ergänzt den kollektiven Wissensstand. Soziale Medien transformieren traditionelle Lernprozesse: Statt sich Informationen allein im stillen Kämmerlein anzueignen, tauschen sich Studierende heute in ihrer „Learning Community“ per Mausklick aus. Das eröffnet großartige Möglichkeiten. Denn neue Ideen entspringen fast immer dem direkten Austausch zwischen Menschen.

Die Rolle der Lehrenden wandelt sich ebenfalls. Sie haben in einer Umfrage Studierende nach ihren Erwartungen an die Dozenten gefragt. Was kam dabei heraus?

Studierende wünschen sich Dozenten, die nicht nur Wissen vermitteln. Vielmehr sollen sie die Funktion eines Trainers, Moderators, Beraters und Managers übernehmen. Statt theoretische Informationen passiv zu konsumieren, erwarten Studierende einen klaren Praxisbezug. Sie möchten sicher sein, dass das, was sie lernen, relevant für später ist – egal, ob es sich dabei um harte Fakten oder sogenannte Soft Skills handelt. Studierende wollen schreiben, reden lernen, teamfähig werden, Orientierung bekommen. Um ihre Absolventen optimal auf das Berufsleben vorzubereiten, müssen Dozenten also nicht nur Inhalte, sondern auch weiterführende Kompetenzen vermitteln. Schließlich suchen Wirtschaft und Industrie zunehmend nach Fachkräften, die konzeptionelle und strategische Managementkompetenzen mit Fachwissen und praktischen Erfahrungen verbinden. Umso wichtiger finde ich es deshalb, dass Lehrende ihren Studierenden auf Augenhöhe begegnen – vor allem in Sachen moderner Technologien und sozialer Medien.

Was sind die Konsequenzen für Hochschulen?

Eine Hochschule sollte auch online überzeugen. Und zwar auch dort, wo die Studierenden sind, also auf Facebook ebenso wie in anderen sozialen Netzen. Zudem ist es wichtig, dass bereitgestellte Inhalte stimmig sind und Studierende sich auch in der virtuellen Hochschulwelt zurechtfinden. Hochschulen, die herkömmliche Strukturen durch E-Learning-Angebote und Fernunterricht ergänzen, optimieren Lernprozesse, erhöhen die Mobilität und erleichtern so den Einstieg ins Berufsleben.

Trotzdem warnen Kritiker immer öfter davor, der ständige Online-Betrieb könne das Lernen behindern oder gar zu digitaler Demenz führen? Ist da etwas dran?

Die Gefahr besteht sicherlich. Das Verarbeiten von Information kostet Kraft. Auch wenn wir vieles bewusst nicht aufnehmen, unser Unterbewusstsein reagiert darauf und filtert. Das kann durchaus zu einer Art „digitalem Burn-out“ führen. Umso wichtiger ist es, ab und an auch mal den Stecker zu ziehen, Dinge vertieft zu bearbeiten und in realen Gruppen in der direkten Auseinandersetzung mit anderen zu arbeiten. Dafür gibt es keinen Ersatz.

Georg Haiber

Kommentar hinzufügen


* Pflichtfeld

Kommentare

Keine Kommentare

SRH Hochschule Berlin

Die SRH Hochschule Berlin im Zentrum der Hauptstadt ist eine internationale Managementhochschule, die deutsch- und englischsprachige Studiengänge anbietet.

Weitere Artikel "Gesundheit"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Gesundheit" finden Sie hier

Weitere Artikel "Bildung"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Bildung" finden Sie hier