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Gründen lernen

Gruenden lernen (Foto: My Heart beats vegan)

Deutschland kann mehr Unternehmergeist gut gebrauchen. An den SRH Hochschulen in Berlin und Heidelberg werden Studierende ausgebildet, um kreative Geschäftsideen erfolgreich umzusetzen.

Ein bisschen skurril hat es sich für David Specht schon angefühlt, als er Mitte Juli zum Feuerwerksspektakel „Kölner Lichter“ aufbrach. Wie eine Reise zu den eigenen Anfängen. Denn im vergangenen Jahr war der 22-jährige Heidelberger schon einmal am Kölner Rheinufer, als Besucher – mit Kommilitone Daniel Kretz und Cousine Elisa Schiemann. Lange hatten die drei Veganer an diesem Tag auf dem Festivalgelände nach etwas Essbarem gesucht und konnten kaum glauben, dass eine so große Veranstaltung nichts für sie parat hatte. Damals kam ihnen zum ersten Mal der Gedanke, „man müsste mal …“ Als weitere Stadtfeste folgten, auf denen sich zwischen Schwenkgrill und Würstchenbude nichts für das Trio fand, wurde die Idee zum Plan. Warum nicht selbst einen veganen Fastfood-Stand betreiben?

Veganer kulinarisch verwöhnen

Gruenden lernen (Foto: My Heart beats vegan)

Veganer haben es bei der Ernährung nicht leicht, das wissen David Specht (rechts), Daniel Kretz und Elisa Schiemann aus eigener Erfahrung. „Fertiggerichte enthalten immer tierische Produkte. Wenn man nicht selbst kocht, verhungert man“, erzählt David Specht lachend. Und so hat sich das Trio 2013 darangemacht, mit „My Heart beats vegan“ Fast- und Fingerfood für Veganer zu kreieren. „Wir sind alle drei noch jung. Wir nehmen uns jetzt einfach mal die Zeit, es mit der Selbstständigkeit zu versuchen“, erklärt Specht. „Und wenn es nicht klappt, werde ich eben doch Steuerberater. So eine wertvolle Erfahrung hat nicht jeder im Lebenslauf stehen.“

 

 

Eine gute Idee. Disziplin und den Willen, zu arbeiten. Wer sich nicht selbst motivieren kann, wird es schwer haben.

David Specht

„Auf dem Schwetzinger Weihnachtsmarkt sind wir dann das erste Mal mit ‚My Heart beats vegan’ und unseren rein pflanzlichen Gerichten angetreten“, berichtet Jungunternehmer Specht. „Das ist eingeschlagen wie eine Bombe.“ Heute, nur wenige Monate später, ist ihre vegane Eventgastro­nomie ein gefragtes Angebot auf Stadtfesten zwischen Köln und Stuttgart, für Wochenmärkte reicht kaum noch die Zeit. Der Cateringservice für Firmen- und Familienfeste nimmt langsam Fahrt auf, und die ersten Städte der Region bieten sich als Standort für das perspektivisch geplante Restaurant an. Neben dem ganzen Trubel schreibt David Specht gerade an seiner Bachelorarbeit. Zu den diesjährigen Kölner Lichtern reiste der BWL-Student mit seinen beiden Kompagnons im eigenen, sechs Meter langen Koch- und Verkaufstrailer an, Berge von appetitlich angerichteten Chili sin Carne, Falafel-Sandwiches und Mexican-Burgern im Gepäck.

Unternehmergeist wecken

Dass die drei überhaupt den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und sie bis dato solide gemanagt haben, ist auch ein Verdienst des Gründer-Instituts an der SRH Hochschule Heidelberg. Unbürokratisch und kostenfrei gab es dort Rat und Tat von Experten rund um Prof. Dr. Rüdiger Fischer, den Gründungsbeauftragten der Hochschule und Leiter des Instituts. Das Team hilft dabei, dass aus einer Idee ein Geschäftsmodell wird, und begleitet beim Markteintritt. „Es gibt beim Gründen so viele Regelungen und Details, die man noch gar nicht überblickt“, weiß David Specht. „Ich bin sicher, dass wir ohne die Hilfe einige unglückliche Entscheidungen getroffen hätten.“ Das Gründer-Institut ist einer der Bausteine in der Gründerförderung, die an den SRH Hochschulen Berlin und Heidelberg geleistet wird. „Wir haben zu wenig Gründer und Unternehmer in diesem Land. Dabei sind sie die Quelle von Arbeitsplätzen, Wachstum und Innovationen“, erklärt Prof. Dr. Jörg Winterberg, Rektor der SRH Hochschule Heidelberg, das Engagement. „Als private Hochschule, die wir ja selbst Unternehmer sind, haben wir da eine besondere Verantwortung.“ 

Tatsächlich rangiert Deutschland mit einer Selbstständigenquote von 10,5 Prozent (ohne Landwirtschaft) im EU-Vergleich nur im unteren Mittelfeld. Es sei aber nicht so, dass Studierende keine Unternehmer werden wollten, weiß Winterberg. Das Problem sei vielmehr Unwissenheit. „Sie stehen vor einer Wand und wissen nicht, wie sie sie erklimmen sollen. Wenn wir ihnen aber eine Treppe an die Wand bauen, wählen vielleicht einige einen Weg, den sie sonst nicht genommen hätten. Wir möchten einfach, dass Studierende die Wahl haben.“

Hochschule stellt Räume und Experten

Das gleiche Ziel vor Augen, haben die beiden SRH Hochschulen dennoch unterschiedliche Ansätze gewählt, um Unternehmergeist zu fördern. In Heidelberg arbeitet man mit einem dreiteiligen Angebot aus Gründer-Institut, Lehrveranstaltungen und Experten-Netzwerk. Für das Gründer-Institut hat die Hochschule 800 Quadratmeter Büroflächen angemietet. Dort können sich Studierende, Absolventen, wissenschaftliche Mitarbeiter und Dozenten günstig einmieten, um ihre Geschäftsideen weiterzuentwickeln. 15 Teams nutzen aktuell das Angebot.

Patienten nach Deutschland holen

Gruenden lernen (Foto: Retas)

„Your Health is our Responsibility“ – damit wirbt Artur Steffen (rechts). Sein Unternehmen RETAS Medical Assistance bietet russischen Patienten medizinische Leistungen in Deutschland an, stellt Kontakte zu Kliniken und Ärzten her und begleitet die Patienten während der Behandlung. „Bis vor ein paar Jahren wollte ich noch unbedingt Banker werden. Aber die Möglichkeit, in so einem Unternehmen Einfluss zu nehmen, ist gering. Wenn ich mein eigener Chef bin, kann ich die Dinge selbst lenken.“ Der 26-jährige Berliner liegt in den letzten Zügen seines Entrepreneurship-Masterstudiums an der SRH Hochschule Berlin. Danach will er mit Vollgas RETAS vorantreiben.

 

 

Ein gutes Team und gute Leute, die man um Rat fragen kann. Hilfe zu suchen, ist ganz normal und wichtig.

Artur Steffen

Zudem kann sich der Nachwuchs in allen Phasen seiner Gründung ganz praxisnah von Rüdiger Fischer und anderen Experten aus dem Netzwerk coachen lassen, bis etwa drei Jahre nach der Gründung. Ein stetig wachsender Pool aus Fachleuten quer durch alle Branchen stellt dafür Know-how und Kontakte zur Verfügung. „Wir haben in allen Fakultäten der Hochschule so viele Menschen mit guten Ideen“, berichtet Fischer. „Denen wollen wir Raum in jeglicher Hinsicht geben, damit sie etwas daraus machen können. Wir möchten sie ermutigen, es mit unserer Hilfe einfach mal zu versuchen.“

Parallel dazu implementiert die Hochschule das Thema sukzessive in die Lehre: Jeder Studierende, gleich welchen Faches, soll zu Beginn seines Studiums ein paar Einheiten Gründerlehre hören. Wer mehr wissen will, kann weitere Module belegen. „Wir sind eine sehr heterogene Hochschule. Neben Kaufleuten, Ingenieuren und Informatikern bilden wir Architekten, Therapeuten und Psychologen aus“, sagt Fischer. „Alles Berufe, bei denen eine Selbstständigkeit relevant werden kann.“

In einigen Masterstudiengängen wie etwa Internationales Mittelstandsmanagement sind Lehr­veranstaltungen zum Thema Entrepreneurship schon fester Bestandteil des Lehrplans. Studierende, die eine Geschäftsidee haben, können diese auch ins Studium einbringen. Daniel Brixy hat genau das getan: Die Grundidee zu seinem Unternehmen – eine werbewirksamere Nutzung von QR-Codes – hat der 30-Jährige aus Asien mitgebracht. „In verschiedenen Studienmodulen habe ich sie dann unter immer neuen Aspekten bis zur Marktreife weiterentwickelt.“ Das Pflichtpraktikum konnte er quasi im eigenen Unternehmen absolvieren und QR-Codes zum Thema seiner Masterarbeit machen. Im Herbst 2013 hat Brixy dann, zeitgleich zum Master-Abschluss, mit zwei Freunden Nematico aus der Taufe gehoben. „Wenn man schon seine eigene Idee hat, muss man sie auch umsetzen. Und wenn nicht jetzt, wann dann?“, fragt der SRH-Absolvent. Dass am Ende nicht alle Unternehmer werden, sei klar, meint Gründungsexperte Fischer. „Aber wenn wir die aktuelle Gründerquote unter Absolventen von ein auf zwei Prozent verdoppeln würden, wäre das auch ein gutes Ergebnis.“ Und selbst wer mit seinem Vorhaben scheitere, habe trotzdem gewonnen. „In der Wirtschaft kommen unternehmerische Erfahrungen immer gut an.“

Gründungswillige anleiten

Dass sich Gründen durchaus lernen lässt, davon ist Ronald Glasberg, Professor für Entrepreneurship an der SRH Hochschule Berlin, überzeugt. „Wir bringen unseren Studierenden das nötige Handwerk bei, damit sie als Gründer und Unternehmer erfolgreich sein können“, erklärt er. „Die Leidenschaft und den Kampfgeist müssen sie allerdings schon selbst mitbringen. Es ist wie mit einem Rohdiamanten: Wenn die Grundsubstanz da ist und sie richtig geschliffen wird, wird daraus ein funkelnder Brillant.“

QR-Codes clever einsetzen

Sie sind schwarz-weiß, immer quadratisch und haben meist nicht viel mehr zu bieten als ein paar platte Werbebotschaften, wenn man sie scannt: QR-Codes. Daniel Brixy (Mitte) und seine Mitstreiter Sebastian Elter (links) und Christoph Peters haben eine Software entwickelt, die das ändert. Ihre QR-Codes sind farbig und können alle erdenklichen Formen annehmen. Unternehmen und Privatleute können wechselnde Inhalte hinter ihnen parken und genau analysieren, wie und wann die Codes genutzt werden. 2013 gründen die drei die Kommunikationsagentur Nematico und die Marke myflatty. „Ich wollte eigentlich schon immer Unternehmer werden“, berichtet Brixy. „Und als ich gelesen habe, dass die SRH Hochschule Heidelberg das fördert, habe ich mich für das Studium dort entschieden.“

Gruenden lernen (Foto: Nematico)

 

 

Durchhaltevermögen. Es dauert, bis ein Unternehmen entwickelt ist und läuft. Und man muss sein Produkt objektiv sehen können – oder man hat gute Freunde, die einem mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Daniel Brixy

Solche Persönlichkeiten mit Unternehmergeist versammeln Ronald Glasberg und sein Team im englischsprachigen Masterstudiengang Entrepreneurship. „Viele Interessenten kommen mitten aus dem Berufsleben. Jetzt wollen sie ihr eigener Chef sein“, berichtet der Professor. 30 Kandidaten, quer aus allen Berufen und Kontinenten, kann Ronald Glasberg inzwischen pro Wintersemester aufnehmen. „Es ist ein sehr persönlicher Studiengang. Wir investieren viel Energie und Zeit in die Betreuung. Schließlich wollen wir, dass erfolgreich gegründet wird.“ Wer bereits eine Geschäftsidee mitbringt, kann an ihr arbeiten, wer noch keine Vorstellung hat, entwickelt eine im Laufe des Studiums. Binnen vier Semestern lernen die Studierenden am eigenen realen Gründungsprojekt, wie man von der Geschäftsidee über den Entwurf eines Geschäftsmodells bis hin zur Umsetzung des Businessplans ein Unternehmen aufbaut. „Wir kommen auf dieser Reise an allen klassischen BWL-Themen vorbei – nur eben auf eine andere Art“, sagt Prof. Dr. Ronald Glasberg. 

Unternehmensgründung als Studienprojekt

Im Idealfall gründen die Studierenden schon während des Studiums ihr Unternehmen und nutzen dabei sowohl das Know-how, das ihnen von der Hochschule geboten wird, als auch die Chance, sich mit anderen Gründern zu beraten. Von unschätzbarem Wert ist das Netzwerk der Hochschule, das bis in die Vorstandsetagen von großen und kleinen Unternehmen reicht. 2012 gestartet, werden in diesem Herbst die ersten Absolventen fertig. 

Zu ihnen gehört Tim Tepass. Der 27-Jährige bezeichnet sich selbst als passionierten Gründer, betrieb schon auf Malta ein Unternehmen für Online-Marketing. Er entschied sich nach seiner Rückkehr für den Master Entrepreneurship an der SRH Hochschule in Berlin, um besser in der deutschen Wirtschaft zurechtzukommen. „Das Studium war eine enorme Hilfe“, findet Tepass. „Die Hochschule nimmt einen wirklich an die Hand, stellt kompetente Sparringspartner und macht einem Mut, wenn es mal nicht so läuft. Leute aus der Praxis geben einem Tipps. Es bleibt nicht nur bloße Theorie.“ Schon im zweiten Semester hat der Berliner mit Kommilitonen und Freunden „Wunschkandidaten“ gegründet. Das Unternehmen vermittelt ausländische IT-Fachkräfte an deutsche Unternehmen und ist mit bis dato fast drei Dutzend Kunden auf einem guten Weg.

„Natürlich sind wir auch später noch für unsere Absolventen da“, versichert Entrepreneurship-Professor Glasberg und feilt bereits an der Zukunft. So möchte er etwa die internationalen Kontakte der Hochschule nutzen, um Gründern nützliche Stippvisiten an globalen Hotspots der Start-up-Szene zu ermöglichen. Der Ansatz der Heidelberger Kollegen, die Gründerlehre in allen Studiengängen zu verankern, soll auch nach Berlin übertragen werden. Ziel ist, Studierende aller Fachrichtungen darin zu unterstützen, international erfolgreiche Unternehmen zu gründen – damit das nächste Facebook vielleicht bald aus Deutschland kommt.

Von Ulrike Heitze

IT-Kräfte aus dem Ausland rekrutieren

In Spanien, Italien, Griechenland, Portugal, Israel sitzen junge Informatiker ohne Job, in Deutschland suchen Unternehmen fieberhaft nach IT-Fachkräften. „Unproduktiv“ finden das die beiden SRH Studenten Tim Tepass (links) und Christoph Speckmann (rechts) sowie ihr Kompagnon Jasper van Ghemen. Mit ihrer Personalvermittlung „Wunschkandidaten“ bringen sie seit 2013 Angebot und Nachfrage zueinander. „Wir suchen mittlerweile für Weltmarktführer aus dem Mittelstand ebenso IT-Fachleute wie für kleine Start-ups“, sagt Tim Tepass. „Und in Berlin sind wir mit unserem Angebot genau am richtigen Ort.“

Gruenden lernen (Foto: Wunschkandidaten)

 

 

Man darf nicht immer nur das Risiko sehen, sondern sollte sich die amerikanische Denkweise zulegen: Ist doch super, dass ich das hier mache – und wenn es nicht klappt, nehme ich einen neuen Anlauf.

Tim Tepass

Veganer

Veganer ernähren sich ausschließlich pflanzlich, verzichten also – wie Vegetarier – auf den Verzehr von Fleisch, meiden zudem aber auch alle anderen Nahrungsmittel tierischen Ursprungs wie etwa Milchprodukte. In den letzten Jahren entscheiden sich immer mehr Menschen europaweit für den Veganismus, insbesondere Jüngere. Der Trend zeigt sich in einer Flut von veganen Kochbüchern in den Buchhandlungen.

 

 

Gruenden lernen (Foto: SRH Hochschule Heidelberg)

Rüdiger Fischer, Gründungs-Professor, Heidelberg

„Wir haben in allen Fakultäten der Hochschule so viele Menschen mit guten Ideen. Denen wollen wir Raum geben, damit sie etwas daraus machen können. Wir möchten sie ermutigen, es mit unserer Hilfe einfach mal zu versuchen.“

www.hochschule-heidelberg.de

QR-Codes

QR-Codes sind zweidimensionale Codes, die Informationen speichern können. Klassischerweise haben QR-Codes die Form von Quadraten mit schwarzen und weißen Punkten und werden auf Gegenstände oder Papier aufgebracht. Scannt man die Quadrate, beispielsweise per Mobilfunk-App, werden die eingearbeiteten Informationen entschlüsselt. Unternehmen nutzen die Codes etwa in der Werbung und der Logistik, Regierungen setzen sie in Ausweisdokumenten ein.

Gruenden lernen (Foto: SRH Hochschule Berlin)

Ronald Glasberg, Gründungs-Professor, Berlin

„Mit Gründern ist es wie mit einem Rohdiamanten: Wenn die Grundsubstanz da ist und sie richtig geschliffen wird, wird daraus ein funkelnder Brillant.“

www.srh-hochschule-berlin.de