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Harmonien für schwere Jungs

Strafgefangene trommeln Rhythmen, Gewalttäter singen gemeinsam. Um straffällig gewordene Jugendliche und Erwachsene auf das Leben in Freiheit vorzubereiten, setzen Experten zunehmend auf Musiktherapie.

Schon durch die Tür rockt es gehörig. Nicht ganz melodisch, dafür laut. In dem 17 Quadratmeter großen, hellen Raum dahinter jammen gerade drei Jungen im Alter zwischen 13 und 14 Jahren. Einer sitzt vor einem Keyboard, ein anderer bearbeitet die Seiten einer E-Gitarre, der Dritte lässt seine Schlagzeugsticks auf eine kleine Trommel niedersausen. Hier probt eine ganz normale Schülerband, möchte man meinen. Doch dahinter steckt mehr: Die drei Jungs sind Bewohner einer Jugendeinrichtung in Baden- Württemberg. Hier sind sie wegen einer richterlichen Anordnung „eingezogen“: weil sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. In der Jugendhilfeeinrichtung gehen sie zur Schule und erhalten therapeutische Hilfe, um die Störung des Sozialverhaltens – so ihre Diagnose – in den Griff zu bekommen. 

Einmal in der Woche steht nachmittags Musiktherapie auf dem Stundenplan. „Die Musik schafft einen guten Zugang zu den Jungs. Sie ist quasi der Mantel, unter dem psychotherapeutische Prozesse stattfinden können“, erklärt Oliver Feuerstein, Musiktherapeut und Dozent an der SRH Hochschule Heidelberg. Seit 2011 betreut er Jugendliche in der Einrichtung im Rahmen einer Kooperation mit der Hochschule. Aktuell hat er drei Gruppen mit acht Jugendlichen unter seinen Fittichen. 

Die Stunden folgen einem bestimmten Muster: „Erst reden wir darüber, was in der Woche alles gelaufen ist, dann machen wir Musik“. In der Regel schreibt jede Gruppe im Laufe eines Semesters ein eigenes Lied, das 
sie zum alljährlichen Sommerfest präsentiert. „Für die Jugend­lichen hier ist das eine enorme Herausforderung“, erklärt Feuerstein. „Sie haben bisher in ihrem Leben vorrangig erfahren, dass sie sich durchsetzen müssen, ohne Rücksicht auf andere. Viele haben zudem Probleme mit der Emo­tionsregulation und eine extrem niedrige Frustrationstoleranz.“ Nun müssen sie sich plötzlich mit anderen einigen – wer spielt welches Instrument, wer steht als Sänger im Vordergrund, wer hält das Stück mit seinen Beats zusammen – und aufeinander achten, damit ein hörbarer Song entsteht. Außerdem beherrscht anfangs kaum einer ein Instrument. Es zu lernen, braucht Ausdauer und Geduld. „Selbst kleinste Fortschritte sind dabei riesige Erfolge“, hat Therapeut Feuerstein erfahren. „Anfangs ist für die Jungs alles grundsätzlich ‚Mist‘. Ablehnung pur.“ Doch irgendwann kippt das und sie öffnen sich. 

Neue Hilfsangebote für Straftäter

„Was Musiktherapie in der forensischen Psychiatrie, also in der Arbeit mit psychiatrisch auffälligen Straftätern, alles bewirken kann, wird Wissenschaftlern wie Praktikern immer deutlicher“, stellt auch Prof. Dr. Thomas Hillecke fest. Er ist Dekan der Fakultät für Therapiewissenschaften an der SRH Hochschule Heidelberg (siehe Kasten rechts). Nicht nur in Jugendhilfeeinrichtungen, auch in foren­sischen Psychiatrien und zunehmend auch in Gefängnissen werden musiktherapeutische Techniken als Ergänzung zu Gesprächstherapien oder Medikamenten eingesetzt, um einen Zugang zu eigenen – auch problematischen – Gefühlen, Denk- und Verhaltensweisen zu ermöglichen. Übergeordnetes Ziel ist die Resozialisierung: Häftlinge, Patienten oder straffällige Jugendliche sollen auf ein Leben „da draußen“ intensiv vorbereitet werden. Sie lernen, sich den Regeln der Gesellschaft unterzuordnen. Das hilft, künftigen Straftaten vorzubeugen. 
Über die Arbeit mit Musik können Therapeuten bei den Teilnehmern soziale Kompetenzen und das Selbstwertgefühl stärken, ihre Kommunikations- und Empathiefähigkeit verbessern. „Gefangene oder Patienten, denen es schwerfällt, über sich zu sprechen, und deren Gefühle und Gedanken schwer zugänglich sind, erhalten zum Beispiel über die Musik eine alternative Form des Ausdrucks“, erklärt Biljana Coutinho, Musiktherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der SRH Hochschule Heidelberg. „Zudem geht es auch um musikgestützte Entspannungstechniken, die den Stress in der neuen Lebenssituation und Spannungen im Gefängnisalltag lindern können“, ergänzt Dekan Thomas Hillecke. 

Töne statt vieler Worte 

Die eingesetzten Techniken sind dabei sehr unterschiedlich und reichen vom Songwriting über gemeinsames Improvisieren und Singen bis zu musikgestützten Rollen- und Regelspielen. Eines davon heißt „Rauswerfen“. „Ein Patient beginnt zu trommeln, ein anderer setzt später ein und versucht, den ersten aus dem Takt zu bringen“, erklärt Judith Behnke. Die 22-Jährige studiert Musiktherapie an der SRH Hochschule Heidelberg und hat dieses interaktive Spiel während ihres sechsmonatigen Praktikums in einer forensischen Psychiatrie kennengelernt. „Musik zu machen ist ein sehr unmittelbarer Ausdruck von Gefühlen und sagt oft mehr als 1.000 Worte.“ Und so kam es vor, dass Patienten im Gespräch mit einem Richter, Arzt oder Psychologen gerade noch erklärt hatten, sie hätten das mit der Wut jetzt im Griff. Bei der Trommeljagd zeigte sich dann, dass ihre Frustrationstoleranz doch gering war. Musik sei aber eben auch ein Spiegel der Seele, sagt Behnke. In manchen Sitzungen durften sich Patienten Lieder wünschen. „Schwierige und prägende Ereignisse wie Abschied, Tod oder erfahrene Gewalt sind manchmal verbunden mit einem bestimmten Lied“, weiß die Studentin. An der Auswahl der Stücke konnten die Therapeuten erkennen, ob es ihren Patienten gut oder schlecht ging. 

Für die Studentin war das sechsmonatige Praktikum eine sehr spannende und intensive Zeit. Damit, dass sie es teilweise mit Gewaltverbrechern und Sexualstraftätern zu tun hatte, konnte sie gut umgehen. „In der Therapie saß vor allem der Mensch vor mir.“ Trotzdem war sie aus Sicherheitsgründen nie allein in einer Sitzung, sondern immer begleitet von einer Mentorin. In Gruppensitzungen sind ohnehin regelmäßig zwei Therapeuten anwesend.

Musik zu machen ist ein sehr unmittelbarer Ausdruck von Gefühlen und sagt oft mehr als 1.000 Worte.

Judith Behnke studiert Musiktherapie und arbeitete im Praktikum mit forensischen Psychiatriepatienten.

Musik lockert

Dass Musiktherapie Psychologen, Sozialarbeitern und Vollzugsmitarbeitern sehr gute Rückschlüsse auf die Befindlichkeiten von Häftlingen liefern kann, hat auch Dr. Dirk Bruder erfahren. Der Neuropsychiater ist Leiter der Sozial­therapeutischen Abteilung der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Offenburg. Seit März absolvieren in seiner JVA acht ­Insassen wöchentlich eine anderthalbstündige Therapie­sitzung. Xylofon, Trommeln, Triangel, Harfe, Bongos und Klavier stehen dafür parat. „Wir können zum Beispiel erkennen, wer arg unter Druck steht oder wie sich die gefängnisinternen Hierarchien oder die Gruppendynamik im gemeinsamen Musizieren widerspiegeln“, berichtet der Mediziner. Die Männer nähmen Musik als Art von Psychotherapie sehr gut an, sagt er. Einige lebten regelrecht auf. „Sie sehen die Sitzungen als Chance, sich Luft zu machen und etwas auszudrücken, ohne immer reden zu müssen.“ 

Offenburg ist eine der ersten JVAs in Deutschland, die Musiktherapie einsetzt. Dirk Bruder möchte die Effekte nun auch wissenschaftlich dokumentieren. In Kooperation mit der SRH Hochschule Heidelberg soll untersucht werden, was Musiktherapie im Strafvollzug bewirkt und welche Techniken sich für welche Therapieziele anbieten. 

In der schwäbischen Jugendhilfeeinrichtung hat unterdessen eine der wichtigsten Bandphasen begonnen. Die Jugendlichen schreiben ihre Texte. Bedingung: Etwas Autobiografisches soll eingebaut werden. Vielleicht entsteht wieder ein Rap wie schon einmal vor einigen Jahren. Da nutzte ein Junge den Song, um sich bei seiner Mutter für seine Straftaten zu entschuldigen. Viel Zeit haben die Gruppen nicht mehr. Im August ist bereits das Sommerfest. Für Therapeut Feuerstein sind die Auftritte ein Highlight. „Die Jungs, die noch vor einem dreiviertel Jahr cool und unnahbar vor mir saßen, sind dann sogar in der Lage, sich dafür zu bedanken, dass ich an sie geglaubt habe.“ 

 

Von Melanie Rübartsch

In einer therapeutischen Behandlung wird Musik gezielt eingesetzt, um seelische, körperliche oder geistige Gesundheit wiederherzustellen, zu erhalten oder zu fördern. So lassen sich Sozial- und Kommunikationskompetenzen stärken, Emotionen ausdrücken und regulieren oder Stress abbauen. Musik wird dabei rezeptiv – der Patient als Zuhörer – oder aktiv eingesetzt. Dann spielt der Pa­tient, therapeutisch begleitet, allein oder in der Gruppe ein Ins­trument oder singt.

Forensik stammt vom Lateinischen „forum“ für „Marktplatz“ ab. Im alten Rom wurden dort öffentlich Gerichtsprozesse abgehalten, Urteile verkündet und vollstreckt. Heutzutage fasst man unter Forensik alle Arbeitsgebiete zusammen, in denen kriminelle Handlungen systematisch erfasst, untersucht und rekonstruiert werden. Die forensische Psychiatrie ist ein Teil der Psychiatrie. Dabei geht es um die Behandlung, Begutachtung und Unterbringung von (psychisch kranken) Straftätern.

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