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Bildung14.06.2011

Studierende testen Hilfsbereitschaft

Helfer, wo bist du?

Hand aufs Herz: Sind Sie ein hilfsbereiter Mensch? Inwieweit Menschen bereit sind, ihrem Nächsten zu helfen, haben Studierende der SRH Hochschule Heidelberg getestet – mit zum Teil alarmierenden Ergebnissen.

Zusammengesunken kauert ein junger Mann auf der Bahnhofstreppe, den Kopf auf den Knien, die Arme um den Körper geschlungen – auffälliger Ruhepol in einer hektischen Masse. Passanten eilen vorbei, einige werfen ihm mitleidige, andere sogar verärgerte Blicke zu. Es dauert eine ganze Weile, bis endlich eine Frau stehen bleibt und fragt: „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Eine simple Frage, die im Ernstfall Leben retten kann und doch offenbar Überwindung kostet. Denn die Zahl derer, die sie an diesem Tag stellen, ist gering. Was jedoch weder Helfer noch Vorübereilende wissen: Sie alle sind Teil eines Experiments angehender Wirtschaftspsychologen der SRH Hochschule Heidelberg. „Das Ergebnis unseres Feldversuchs zum Thema Hilfsbereitschaft hat uns schockiert“, sagt Student Maik Brudtloff. „Von rund 7.000 Passanten, die unsere Gruppe in zwei Monaten beobachtet hat, haben gerade mal 94 ihre Hilfe angeboten. Und das in einer Situation, von der keine Gefahr für Außenstehende ausging.“

Von der Theorie zur Praxis

Der Feldversuch ist Teil des experimentalpsychologischen Praktikums, bei dem die Studierenden zu einem vorgegebenen Thema ihr Wissen in Sozial-, Persönlichkeits- und Allgemeiner Psychologie vertiefen. „Das Praktikum dient außerdem dazu, methodisches Arbeiten, Eigenverantwortlichkeit und Selbstorganisation zu trainieren“, ergänzt Professor Dr. phil. Frank Musolesi. Zunächst beschäftigen sich die Studierenden mit Methodik und Aufbau eines Experiments. Dann formulieren sie, aufgeteilt in Gruppen, ihre Ausgangsfragen: Warum helfen manche Menschen und andere nicht? Welche Rolle spielen Alter und Geschlecht der Hilfesuchenden oder der Helfer? Wie wirkt sich die Umgebung auf die Bereitschaft zu helfen aus? Anschließend überlegen sie, welche Szenarien sich am besten eignen, um die Thesen zu überprüfen. „Schließlich sind drei ganz unterschiedliche Ansätze entstanden“, berichtet Musolesi. Gruppe eins hat sich entschieden, in einem Supermarkt die Reaktion der Kunden zu beobachten, wenn einer Person die Einkaufstüte platzt. Gruppe zwei möchte testen, wie viele Fahrgäste bereit sind, einer jungen Frau im Rollstuhl beim Einstieg in die S-Bahn zu helfen. Und Gruppe drei setzt einen „kranken“ Lockvogel auf Passanten an. „Bei ihrem Feldversuch waren die Studierenden auf sich alleine gestellt, konnten sich aber jederzeit mit Fragen an mich wenden“, sagt Musolesi.

Im Selbstversuch

Gruppe drei will unter anderem herausfinden, ob die Hektik einer Umgebung das Helferverhalten beeinflusst. Daher postieren sich die Studierenden an zwei Orten: am belebten Bahnhof und in der etwas ruhigeren Fußgängerzone. Einige spielen abwechselnd den Lockvogel, die Übrigen beobachten und dokumentieren das Geschehen. „Wir haben ein Setting gewählt, das weder gefährlich noch ekelerregend auf die Umstehenden wirkte, aber eindeutig als Notsituation erkennbar war“, erzählt Brudtloff. Die Beobachter positionieren sich möglichst unauffällig, doch so, dass sie Lockvogel und Passanten gut im Blick haben. Sie notieren, wie viele Menschen vorbeigehen und wie viele Hilfe anbieten. Hinterher befragen sie die Helfer, etwa zu ihrem Alter oder ihren Gründen, zu helfen. „Die meisten gaben an, für sie sei es selbstverständlich, zu helfen“, sagt Brudtloff. „Und viele lobten unser Experiment, weil sie das Thema für enorm wichtig erachten. Das gab uns ein gutes Gefühl.“

Doch die Gruppe macht auch negative Erfahrungen. „Manche, vor allem ältere Leute, reagierten aggressiv auf unsere Lockvögel und beschimpften sie, weil sie im Weg saßen“, erinnert sich Brudtloff. Und Ulf Mertens von Gruppe zwei berichtet: „Manchmal musste unsere Kommilitonin im Rollstuhl ziemlich lange warten, es kam sogar vor, dass sie auf dem Bahnsteig zurückblieb, weil ihr niemand in die S-Bahn half – das hatten wir so überhaupt nicht erwartet.“

Mechanismen der Hilflosigkeit

Bystander-Effekt: Je größer die Zahl der Umstehenden, desto eher neigen diese dazu, die Situation zu verharmlosen. Da bisher niemand eingegriffen hat, schließen alle einen Notfall aus.

Verantwortungsdiffusion: Je mehr Personen ein Ereignis beobachten, desto weniger fühlt sich jeder Einzelne verantwortlich, einzugreifen. Jeder wartet darauf, dass ein anderer den ersten Schritt wagt.

Selbstberuhigungseffekt: Je harmloser eine Situation wirkt, desto weniger ausgeprägt ist das Helferverhalten. Ansonsten hätte ja sicherlich bereits jemand geholfen.

Angst vor Versagen oder Blamage: Die Angst, zu versagen oder sich zu blamieren, hindert viele Menschen daran, zu helfen – vor allem, wenn sie eine Situation nicht eindeutig einschätzen können.

Ernüchternd und alarmierend

Wochenlang machen die Gruppen Stichproben, an verschiedenen Tagen und zu unterschiedlichen Zeiten. Die Ergebnisse sind ernüchternd; am schlimmsten fällt das Fazit von Gruppe drei aus, die in zwei Monaten insgesamt 138 Stichproben macht. „Von 6.924 Passanten, die den Lockvogel wahrgenommen haben, halfen 94. Keiner von ihnen war jünger als 20 oder älter als 60“, sagt Brudtloff. In Gruppe zwei haben immerhin 30 Prozent von insgesamt 256 Fahrgästen Hilfe angeboten. „Ich fand sehr erstaunlich, dass die Gruppe der über 60-Jährigen bei uns zwar unterrepräsentiert war, sich aber als hilfsbereit erwiesen hat“, ergänzt Mertens. Auf die Goldwaage dürfe man diese Ergebnisse zwar nicht legen, meint Musolesi, da die Studie nicht repräsentativ sei und viel Raum für Interpretation bleibe. Dennoch seien bestimmte Tendenzen erkennbar. „Unsere These, dass es einen Unterschied im Helferverhalten macht, ob der Ort hektisch oder ruhig ist, hat sich nicht bestätigt“, erzählt Brudtloff. Auch habe es keinen signifikanten Unterschied gemacht, ob der Lockvogel weiblich oder männlich war. Insgesamt jedoch seien mehr Frauen als Männer bereit gewesen, zu helfen, erklären die Studenten.

Die Motive der Nicht-Helfer bleiben im Dunkeln; sie wurden nicht befragt. „Dennoch können wir Vermutungen anstellen“, erklärt Mertens. So habe sich zum Beispiel bestätigt, was Verhaltensforscher als Bystander-Effekt (siehe Kasten) bezeichnen: Je mehr Leute in die Bahn eingestiegen seien, desto weniger hätten geholfen. Dennoch: Ein solch extremes Ergebnis haben weder Musolesi noch seine Studierenden erwartet. Und so bleiben noch viele Fragen offen – etwa ob die Kleidung oder das Alter des Lockvogels das Helferverhalten beeinflussen –, und neue haben sich aufgetan. Der Professor kann sich daher vorstellen, das Thema erneut für ein Studienprojekt aufzugreifen. Das begrüßen auch die Studierenden: „Es war gut, am eigenen Leib zu erfahren, wie aufwendig ein Experiment ist“, sagt Brudtloff, und Mertens ergänzt: „Ich glaube, gerade methodisch haben wir eine Menge gelernt, etwa welche Dinge wir beachten müssen, damit wir das Resultat nicht verfälschen.“ Und beide Studenten sind sich einig: Die Ergebnisse hätten gezeigt, wie wichtig es sei, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Dem stimmt auch ihr Professor zu: „Helferverhalten ist im positiven Sinn ansteckend. Wenn einer anfängt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass andere folgen. Daher dürfen wir dieses Thema nicht tabuisieren, müssen offen darüber diskutieren.“ Damit künftig vielleicht mehr Menschen über den eigenen Schatten springen – und so einen guten Anfang machen.

Gabriele Jörg

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