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Im Herzen einer Klinik

Was im Klinikum Karlsbad-Langensteinbach hinter den Kulissen passiert, damit vorne bei den Patienten alles rundläuft. Auf Tour mit einem Haustechniker. 

Eilig steckt Detlef Biener das Diensthandy in die Seitentasche seiner blauen Arbeitshose zurück und schiebt den Schraubenzieher, mit dem er gerade noch an der Steuerungseinheit des Aufzugs gewerkelt hat, gleich hinterher. Ein Rettungshubschrauber aus der Schweiz hat sich mit einem Notfallpatienten angekündigt. Motorradunfall. Für Biener bedeutet das: Ab aufs Dach! 

Trotzdem hat der 59-Jährige noch ein aufmunterndes Wort für die beiden Schwesternschülerin­nen, die mit dem Aufzug knapp über dem dritten Stock stecken geblieben waren. Wenn ein Aufzug mal streikt, hilft Biener in der Regel gemeinsam mit einem Kollegen. „Der eine spricht mit den Insassen, der andere sieht zu, dass das Ding schnell wieder läuft.“ In der Regel klappt das, ohne dass die Aufzugsfirma anrücken muss. 

27 Aufzugsanlagen sind im SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach ständig in Betrieb. Dass das so bleibt, darum kümmern sich Detlef Biener und seine Kollegen. Das siebenköpfige Team vom Technischen Service sorgt hinter den Kulissen dafür, dass das Klinikum, das benachbarte Berufliche Bildungs- und Rehabilitationszentrum und die angrenzende SRH Fachschule für Ergotherapie inklusive ihrer Wohnheime technisch rundlaufen. Sie sind verantwortlich dafür, dass Ärzte und Schwestern Licht, Strom, Wärme und frische Luft für ihre Arbeit haben, dass Patienten in ihren Zimmern fernsehen, telefonieren und im Internet surfen können, dass die Kühlschränke, Herde und Spülmaschinen auf den Stationen funktionieren. Die Kollegen von der Medizintechnik haben alle medizinischen Gerätschaften unter ihren Fittichen.

Viel los hinter den Kulissen

In Sachen Infrastruktur hat ein Krankenhaus etwas von einer kleinen Stadt. Rund 23.500 Megawattstunden Gas und Strom verbraucht das SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach zum Beispiel pro Jahr. So viel wie eine durchschnittliche Kleinstadt mit 13.000 Einwohnern. Schon das Klinikum ohne die Wohnheime der Fachschule hat eine Hauptnutzfläche, die fünf Fußballfelder groß ist. Das Gesamtareal misst zwölf Hektar – oder 17 Fußballfelder. Gut 1.000 Telefonanschlüsse und weitere 400 Mobiltelefone sind auf dem Gelände im Einsatz. Allein in der Zentralen Aufnahme für die Patienten, die vor einigen Jahren umgebaut wurde, sind rund 30 Kilometer Strom-, Telefon- und Datenkabel verlegt worden. All das gilt es intakt und technisch aktuell zu halten – schließlich hängen Menschenleben davon ab.

Eines davon hat Detlef Biener gerade in die Unfallchirurgie gelotst. Denn wenn ein Rettungshubschrauber gelandet ist, muss einer vom Technischen Service bei der Feuerlöscheinrichtung an der Ladeplattform wachen, während ein Kollege den Notarzt und den Patienten durchs Haus begleitet. „Damit die sich nicht verlaufen. Viele kennen sich ja nicht aus“, erläutert Biener. Im Frühjahr fliegen die Notärzte mehrmals pro Woche ein, bringen meist Opfer von Motorradunfällen, im Sommer sind es verstärkt Badeunfälle. Erst zum Winter hin wird es ruhiger. 

Anlage, die einheizt

Der nächste Gang führt Detlef Biener ins hauseigene Blockheizkraftwerk, das etwas oberhalb des Klinikums liegt. Ein Computer in der Technikzentrale hatte einen Fehler in der Steuerungseinheit gemeldet. „Heutzutage ist alles so vernetzt, dass wir zentral angezeigt bekommen, wenn etwas nicht funktioniert“, sagt er. „Vieles lässt sich dann schon vom Rechner aus lösen. Andernfalls geht man vor Ort nachsehen, wo es klemmt.“ Seit 17 Jahren arbeitet der gelernte Fernmeldeelektroniker im Karlsbader Klinikum. Er kennt jeden vom Stammpersonal – und jeder kennt ihn. Wenn Detlef Biener zwischen zwei Aufgaben übers Gelände geht, wird hier gegrüßt, dort ­fröhlich gewunken. „Hin und wieder komme ich zwar schon noch in Ecken, bei denen ich denke, hier warst du noch nie“, berichtet er. Aber das passiert immer seltener.

Neben dem Pfad zum Heizkraftwerk liegt umgeknickt eine blaue Wegesleuchte im Gras. Von Fußgängern weggetreten? Von Radlern umgenietet? Detlef Biener untersucht stirnrunzelnd den blauen Patienten und setzt ihn gedanklich gleich auf seine To-do-Liste: „Das müssen wir richten – sobald es das Wetter erlaubt.“ Starkstrom dagegen nötigt auch einem erfahrenen Elektriker wie Detlef Biener immer wieder gehörigen Respekt ab. „Wenn zum Beispiel auf einer Station durch eine Überlastung ein Leistungsschalter fällt und man beim Wiedereinschalten auch nur einen falschen Handgriff tut oder einen anderen Schalter übersieht, kann das schlimmste Folgen haben“, erklärt er. Der entstehende Lichtbogen kann die ganze Station niederbrennen – und das eigene Leben kosten. „Solch heikle Aufgaben kommen zum Glück nur alle paar Jahre mal vor.“

Totalausfall zur Fußball-WM

Den Worst Case hat das Technik-Team ohnehin bereits hinter sich. 2006, ein warmer Sommerabend. Die deutsche Nationalmannschaft spielt gerade bei der Fußball-WM, als irgendwo im Süd­deutschen ein heftiges Gewitter tobt. Ein Blitz legt die Oberleitung der EnBW lahm. Die Re­gion liegt im Dunkeln. Sofort springt der Notstromdiesel des Klinikums an. Doch zwei weitere heftige Blitze zerlegen zwei Steuerungseinheiten. Im Klinikum geht das Licht aus, die Aufzüge stehen – mitsamt Insassen –, die Telefone sind tot. Der OP-Bereich und die Intensivstation werden zum Glück noch via Batterie mit Strom versorgt. „Ich saß gerade daheim vor dem Fernseher, als plötzlich alles duster wurde“, erinnert sich Biener. Ruck, zuck saß er im Auto. Es dauert eine halbe Stunde, bis der Energieversorger und das Elektrik-Team die Klinik wieder sicher am Netz haben. „So etwas muss man in seinem Berufsleben nur einmal haben“, meint Biener.

Heute war es dagegen nur ein Relais in der Steuerungseinheit des Kraftwerks, das ausgetauscht werden musste. Keine wilde Sache und schnell erledigt. Damit hat Detlef Biener nun endlich Zeit, sich seinen Aufträgen in der technischen Telefonzentrale im dritten Untergeschoss des Klinikums zu widmen. In dem fensterlosen Raum laufen zwischen diversen Computern Tausende Drähte zusammen. Weiß-grüne, weiß-gelbe, weiß-rote Kabel für die mehreren Tausend analogen und digi­talen Telefon- und Datenanschlüsse, die das Klinikum mit der Außenwelt und mit sich selbst verbinden. Wann immer ein Telefon in einem Patientenzimmer in Betrieb genommen wird, eine Leitung gestört ist, das Internet hakt oder ein neuer Klinikmitarbeiter einen Anschluss braucht, ist das ein Job für das Technik-Team. In grauen Kartons neben einem Schreibtisch lagern Dutzende ausrangierte tragbare Telefone und Handys verschiedenster Marken und Baureihen. Mal mehr, mal weniger vom Klinikalltag gezeichnet. Das Ersatzteillager. 

Rufbereitschaft rund um die Uhr

Detlef Biener knöpft sich die traurigen Überreste des tragbaren Telefons eines Radiologen vor. „Auch so etwas bekommen wir schon mal angeliefert. Wenn der Clip abbricht, fallen die Dinger gerne schon mal runter. Falls wir Zeit haben, flicken wir auch das wieder zusammen.“ In drei Schichten steht das Technik-Team rund um die Uhr im Klinikum parat. Wer die Spätschicht ab zwölf Uhr mittags hat, übernimmt auch die nächtliche Rufbereitschaft. Manchmal müssen sie jede Nacht einmal anrücken, weil etwa jemand im Aufzug feststeckt oder der Brandmeldealarm – zum Glück meist fälschlich – in einem der Fachschulwohnheime losgegangen ist. Oft bleibt es aber auch ruhig. Trotzdem gibt es in so einem großen Laden wie dem Klinikum immer irgend­etwas zu tun – wenn nichts Akutes, dann eine der unzähligen gesetzlich vorgeschriebenen Wartungsarbeiten von den Aufzugsschächten bis hin zu den Kaffeemaschinen.

Kaum hat Detlef Biener den Schraubenzieher an dem Telefonwrack angesetzt, geht erneut sein Dienstpiepser los. Eine der automatischen Türen in der Zentralen Aufnahme öffnet und schließt nicht mehr richtig. 150 von diesen automatischen Türen haben sie im Klinikum. Jede davon muss einmal im Jahr gewartet werden. Seufzend schiebt Biener die Telefonbruchstücke auf den Schreib­tisch zurück und macht sich erneut auf den Weg. Wie jeden Tag wird er auch heute bis zum Abend wieder unzählige Kilometer durch verborgene Flure zurückgelegt haben, um zusammen mit seinen Kollegen das Klinikum technisch am Laufen zu halten.

Von Ulrike Heitze

Das SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach liegt am Rande des Schwarz­waldes in der Nähe von Karlsruhe. Das Fach- und Akutkrankenhaus verfügt über 405 Betten, 13 spezialisierte Fachbereiche, ein interdisziplinäres Gefäßzentrum und ein zertifiziertes Schlaganfallzentrum. Jährlich werden 30.000 Patienten behandelt, davon 20.000 ambulant.

Rettungshubschrauber heißen in Deutschland in aller Regel Christoph, jeweils ergänzt um eine Zahl oder eine Region. Christoph 60 ist zum Beispiel am SRH Zentralklinikum in Suhl stationiert. Die Rettungshubschrauber, die das Karlsbader Klinikum anfliegen, kommen meist aus Karlsruhe, aber auch aus Luxemburg, Österreich und der Schweiz.

Imposant groß, warm, vibrierend: Das Blockheizkraftwerk des Klinikums gehört zu den Publikumslieblingen beim Tag der offenen Tür. Sieben Transformatoren wandeln hier lautstark die 20.000 Volt, die vom Stromversorger EnBW durch die Leitung kommen, in kliniktaugliche 400 Volt um. Pro Jahr erbringt die Anlage 1.230.500 Kilowattstunden Strom und 1.510.800 Kilowattstunden Wärme. Damit der Klinikbetrieb auch bei einem Stromausfall sicher weiterläuft, stehen vier Dieselaggregate mit zusammen knapp 1.600 PS parat. Die besonders sensiblen Klinikbereiche – etwa die Operationssäle – sind noch einmal zusätzlich durch drei Groß­batterieanlagen geschützt.

www.klinikum-karlsbad.de

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