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Im Rampenlicht

Sänger Alex Hauer (l.) und Schlagzeuger Michèl Martins Almeida haben sich im ersten Semester kennengelernt.

Die Musikbranche ist ein Milliardenbusiness und bietet spannende Berufswege. Wie die SRH Hochschule der populären Künste (hdpk) in Berlin junge Talente auf den Einstieg ins Musikgeschäft vorbereitet.

Dass er mal ernsthaft Ingenieur werden wollte, kommt Alex Hauer heute vor wie aus einem anderen Leben. Nicht einmal an den Namen seines ersten Studiengangs kann er sich noch richtig erinnern: „Irgendwas mit Re­cyc­ling und Abfallwirtschaft“, sagt der 27-jährige Dresdner. Viel mehr als Wertstoffe und ihre Wiederverwertbarkeit interessieren ihn seit jeher Melodien und Akkorde. Niemand in seinem Umfeld sei wirklich überrascht gewesen, als er sein Studienfach gewechselt hat – um statt Recyclingexperte lieber Popmusiker zu werden: „Das war schon immer mein Traum, ich wusste bloß lange Zeit nicht, wie ich ihn umsetzen soll.“

Dass Alex Hauer seinem Berufswunsch in den vergangenen drei Jahren ein entscheidendes Stück näher gekommen ist, verdankt er nicht zuletzt seinem Studium an der SRH Hochschule der populären Künste (hdpk) in Berlin. Die private Hochschule gehört zu den wenigen Institutionen in Deutschland, die junge Musiktalente praktisch und theoretisch auf eine Karriere in der Musikbranche vorbereiten.
Seit April 2014 studiert Hauer an der hdpk Musikproduktion. Wer sich hier bewirbt, beherrscht mindestens ein Instrument oder kann gut singen – so wie der 27-Jährige, der Klavier und Gitarre spielt und bereits in verschiedenen Bands gesungen hat. Pro Semester werden etwa 15 Bewerber angenommen. Professioneller Gesangs- und Instrumentalunterricht stehen ebenso wie Gehörbildung, Songwriting, Studiotechnik, Medienrecht oder Konzertorganisation auf dem Vorlesungsplan.

Vielseitige Absolventen

„Eine solide Ausbildung am Instrument ist für Musiker elementar, allerdings ist es nicht unser vorrangiges Ziel, musikalische Hochleistungssportler auszubilden“, erklärt Robert Lingnau, Prorektor und Professor für Musiktheorie, Arrangement und Gehörbildung an der hdpk. Der erfahrene Musiker, Komponist und Arrangeur leitet den Studiengang Musikproduktion. Das Curriculum an der hdpk unterscheidet sich deutlich von klassischen Musikhochschulen oder Konservatorien, die in der Regel auf eine Karriere als aktiver Musiker abzielen. „Unsere Absolventen können später in vielen musikalischen Berufen arbeiten, nicht nur auf der Bühne, sondern auch dahinter oder bei Produktionen“, so Lingnau. 

Das moderne Musikgeschäft ist längst eine mil­liardenschwere, hochgradig professionalisierte Branche. Damit aus einem Song ein Hit und aus einem Nachwuchskünstler eines Tages vielleicht sogar ein Popstar wird, kommt es nicht allein auf Talent und Persönlichkeit des Interpreten an. Auch hinter den Kulissen arbeiten zahlreiche Musik- und Marketingprofis an der Vermarktung mit. Insbesondere die Major Labels, das heißt große internationale Plattenfirmen wie BMG, Sony, Universal oder Warner Music überlassen den Erfolg nicht dem Zufall. Branchenangaben zufolge investieren sie bis zu zwei Millionen US-Dollar in den Aufbau eines Nachwuchstalents. 

Entsprechend gibt es spannende und gut be­zahlte Jobs, für die das Studium an der hdpk eine gute Grundlage schafft. Artist & Repertoire Manager, kurz A&R Manager, sind beispielsweise als Talentscouts im Auftrag von Plattenlabels auf der Suche nach vielversprechenden neuen Künstlern, die sie unter Vertrag nehmen und aufbauen können: ein Traumjob für Leute, die etwas von Musik verstehen und gerne Konzerte besuchen. 
Ist der Plattenvertrag geschlossen, kommt in der Regel der Produzent ins Spiel. Er macht aus der Urver­sion eines Songs die professionelle Produktion, die später auf CD, per Streaming oder Download angeboten wird und im Radio läuft. Ähnlich wie ein Regisseur sorgt der Produzent dabei für ein stimmiges Gesamtbild, Span­nung und Effekte. Produktmanager kümmern sich um die Vermarktung des fertigen Songs. Dazu buchen sie weitere Spezialisten, zum Beispiel Musikvideo-Regisseure, Fotografen und Texter. Auch Technikprofis sind gefragt, zum Beispiel für Aufnahmen im Studio und für die Live-Beschallung von Konzerten.

Sänger Alex Hauer mit seiner Band FAID beim Live-Auftritt im Bremer Tivoli.

Ein gutes Netzwerk ist Gold wert

In Deutschland arbeiten schätzungsweise 127.000 Menschen in der Musikwirtschaft – mehr als in allen anderen Kreativbranchen. Ein Großteil verdient sein Geld als Freiberufler. Um an Aufträge zu kommen, brauchen sie vor allem ein gutes Netzwerk. Alex Hauer hat an seiner Hochschule schon viele wertvolle Kontakte geknüpft – die beiden wichtigsten gleich am ersten Studientag. Da lernte er seine Kommilitonen Marco Lesche aus München und Michèl Martins Almeida aus Cuxhaven kennen. Bereits im ersten Semester gründeten die drei jungen Musiker eine Band.

Unter dem Namen Delta haben sie während ihres Studiums musikalisch schon einiges erreicht. Zum Beispiel überzeugten sie ihre Kommilitonen aus dem Studiengang Medienmanagement von ihren Qualitäten. Mit deren ­Unterstützung konnten sie bei einem gemeinsamen Studienprojekt schon im ersten Semester ihren Song „Hard To Read“ produzieren, ein Musikvideo drehen und ihre Debütsingle auf verschiedenen Streaming- und Downloadplattformen veröffentlichen.

Auf „Hard To Read“ folgten weitere Songs, die sie 2015 als EP (Extended Play) auf eigene Kosten produzierten und veröffentlichten. Das Mini-Album mit fünf Songs ist bis heute als Download erhältlich und hat die Produktionskosten von knapp 2.000 Euro wieder eingespielt.

Auch bei der hdpk Veranstaltungsreihe „Steps Ahead“ waren die drei Studenten dabei: Rund 15 ausgewählte Nachwuchsmusiker erhalten hier die Chance, sich vor Musikredakteuren, Labels und Musikverlagen zu präsentieren und unmittelbares Feedback zu erhalten. Neben Studenten der hdpk nehmen Bands und Musiker aus Berlin und Umgebung teil. „Eine professionelle Außenmeinung kann sehr wertvoll sein“, sagt Michèl Martins Almeida. Als Musiker laufe man stets Gefahr, ge­genüber dem eigenen Sound betriebsblind zu werden. 
Dass ihr Sound – ein leicht melancholischer, gefühlvoll vorgetragener Elektropop – publikumstauglich ist, konnte das Trio beim Berliner Pilsner Music Award (BPMA) beweisen. 2015 gewannen sie den renommierten Nachwuchswettbewerb, an dem jährlich mehr als 350 Bands teilnehmen.

„Eine solide Ausbildung am Instrument ist für Musiker elementar.“

Robert Lingnau, Prorektor und Professor an der hdpk Berlin

Pop-Ambulanz: Erste Hilfe für Musiker

Lampenfieber, Schreibhemmung und Probleme, nach Auftritten abzuschalten – psychische Belastungen, die viele kreative Köpfe kennen. Dazu können körperliche Beschwerden auftreten, die durch die einseitige Belastung beim Spielen eines Instruments oder durch laute Konzerte und kräftezehrende Tourneen verursacht werden.

In Kooperation mit dem Berliner Centrum für Musikermedizin (BCMM) der Charité und den SRH Kliniken hat die SRH Hochschule der populären Künste (hdpk) in Berlin deshalb im Oktober 2017 die deutschlandweit erste Pop-Ambulanz gegründet. In der Pilotphase können zunächst die rund 250 angehenden Musiker der hdpk die Ambulanz nutzen. Ab Herbst 2018 soll sie voraussichtlich Popmusiker aus ganz Berlin unterstützen. „Unser Ziel ist es, ein Modell zu entwickeln, das später auch in anderen Städten umgesetzt werden kann“, sagt Professor Ulrich Wünsch, Gründungsrektor der hdpk, der zusammen mit Kollegen die Idee zur Pop-Ambulanz hatte.

Prof. Dr. Marcus S. Kleiner unterrichtet Kommunikations- und Medienwissenschaften an der hdpk und hat gerade das Handbuch Popkultur herausgegeben.

Auf dem Weg in die Charts?

Der Sieger im Jahr zuvor hieß übrigens Philipp Dittberner, der gerade sein zweites Album veröffentlicht hat. Im Jahr 2015 stürmte der Berliner Newcomer mit der Hit-Single „Wolke 4“ über Nacht die Charts. Dort würden sich auch die drei Studenten des Fachs Musikproduktion gerne irgendwann sehen. In Kürze sind sie fertig mit ihrem Stu­dium an der hdpk und wollen dann als Band gemeinsam richtig durchstarten. Dazu haben sie sich einen neuen Namen verpasst – statt Delta heißen sie jetzt FAID: „Der Klang passt gut zu unserem Sound und im Internet sind wir so besser zu finden“, erklärt Schlagzeuger Almeida. 

Ob es ihre Musik bis an die Spitze schafft, ist noch offen: Am 27. Oktober hat FAID die erste Single mit dem Titel „Where I Was Born“ veröffentlicht. Parallel zur Bachelorarbeit schreibt das Trio an weiteren Songs, die ihre Plattenfirma bis Mitte 2018 als EP herausbringen will. Auch eine Tour ist für 2018 geplant. Unter Vertrag ist FAID bei dem Berliner Independent Label Downbeat Records. „Wir haben uns dieses Mal bewusst dafür entschieden, einen professionellen Partner für die Produk­tion und Vermarktung zu suchen“, erklärt Alex Hauer. So bleibt zwar weniger von den Erlösen für die Band, dafür müssen sie nicht in Vorleistung gehen. 
Ihren Lebensunterhalt verdienen die Bandmitglieder derzeit noch hauptsächlich als Live- und Studiomusiker für andere Künstler: Marco Lesche spielt beispielsweise als Bassist für den Berliner Rapper Teesy, Alex Hauer schreibt Songs und arbeitet mit etablierten Produzenten zu­sammen, Michèl Martins Almeida ist bis vor Kurzem als Schlagzeuger mit dem italienischen Sänger Fil Bo Riva bereits durch Europa getourt.

Von der Schulbank zur Casting-Show

Auf die große Bühne zieht es auch Sophie Inacker: „Der Adrenalinkick und das Gefühl, genau in diesem Moment ganz viele Menschen zu erreichen, das ist einfach großartig“, sagt sie. Die 19-Jährige aus Kleinmachnow bei Berlin studiert an der hdpk im Studiengang Popularmusik – und weiß, wovon sie spricht: Bereits mit 16 Jahren stand sie zum ersten Mal im Rampenlicht. Beim deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC) 2015 kämpfte sie mit ihrem selbst geschriebenen Song „Imperfection“ um den letzten von vier Startplätzen für Nachwuchskünstler.

Die Schülerin erreichte den fünften Platz und setzte sich mit ihrem Song gegen 1.300 andere Bewerber durch. Die Produktionsfirma Brainpool lud sie daraufhin Mitte 2015 ein, bei der Castingshow „Popstars“ mitzumachen, wo Sophie Inacker es ebenfalls unter die Top 10 schaffte. Nach dem Aus plagten sie zunächst Selbstzweifel, doch inzwischen ist sie froh, dass sie es nicht in die gecastete Popstars-Band geschafft hat: Die löste sich näm­lich, ähnlich wie schon so manche Casting-Truppe vor ihr, bereits ein halbes Jahr nach der Show wieder auf und ist längst vergessen.

Castingshows als Abkürzung zum Ruhm steht ­Ro­bert Lingnau skeptisch gegenüber: Um im schnell­lebi­gen Musikbusiness langfristig seinen Platz zu finden, dür­fe man sich nicht auf kurzfristige Erfolge verlassen, rät der Professor. Als nachhaltigere Alternative für eine erfolgreiche Bühnenkarriere hat die hdpk im Herbst 2016 den Studiengang Popularmusik eingeführt. Im Vergleich zum Fach Musikproduktion zielt er inhaltlich stärker auf das Aufführen von Musik live oder im Studio ab. Er vermittelt zudem das nötige Branchenwissen sowie musiktheoretische und tontechnische Grundlagen, um nicht nur als Interpret, sondern auch als Komponist, Arrangeur oder Songwriter seine Brötchen verdienen zu können.

Auch die Jungs von FAID trauen sich heute zu, von ihrer Leidenschaft zu leben: „Der professionelle Blick auf Musik, den das Studium vermittelt, hilft einem sehr, seinen Weg ins Musikgeschäft zu finden“, sagt FAID-Sän­ger Alex Hauer. 

Text Kirstin von Elm Fotos Tobias Kruse

Pop als Kulturgut?

Kommerziell und oberflächlich – ist Pop wirklich eine Form von Kultur? Ja, sagt Prof. Dr. Marcus S. Kleiner, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der hdpk und Herausgeber des soeben erschienenen „Handbuchs Popkultur“. „Man muss nicht promoviert haben, damit ein Popsong wirkt“, so der musikbegeisterte Soziologe, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Popkultur zählt. Eine spontane Vertrautheit und der „Klingt-wie-Eindruck“ zeichnen viele aktuelle Popsongs aus. Als Beispiel nennt Kleiner „One Dance“ von Drake, weltweit einer der erfolgreichsten Songs und mehr als eine Milliarde mal auf Spotify gestreamt. Ein moderner Popsong ohne Tempo- oder Rhythmuswechsel, ohne eingängigen Refrain mit sich durchgängig wiederholender Mini-Melodie. „Musik, die gefällt, ohne aufzufallen“, urteilt der Medienwissenschaftler.

In den letzten Jahren ist auch deutsche Popmusik erfolgreich. Zwischen Helene Fischer und Udo Lindenberg hat sich mit Künstlern wie Andreas Bourani, Mark Forster oder Joris sowie Bands wie Revolverheld, Silbermond oder AnnenMayKantereit eine erfolgreiche Deutsch-Pop-Szene etabliert, die es auf einen Marktanteil von rund fünf Prozent bringt. „Derzeit ist es fast ein Muss für deutsche Bands, auf Deutsch zu singen“, sagt Kleiner. Schließlich lässt sich nichts so unmittelbar verstehen, mitfühlen und mitsingen wie die Muttersprache. Wie lange der Trend anhält, lässt sich allerdings schwer vorhersagen. „Das Musikgeschäft ist schnelllebig und die Bindung der Fans an Bands oder Solokünstler viel schwächer als früher.“

„Der Adrenalinkick und das Gefühl, genau in diesem Moment ganz viele Menschen zu erreichen, das ist einfach großartig.“

Sophie Inacker, Studentin an der hdpk

Die hdpk bietet zehn Bachelor- und zwei Masterstudiengänge für den Einstieg in die Kreativbranche, darunter Popularmusik, Musikproduktion, Audiodesign, Mediendesign sowie Event- und Musikmanagement. Die Studiengänge dauern sieben Semester und starten jeweils zum 1. April (Englisch) oder zum 1. Oktober (Deutsch). Bewerbungsfristen und Informationen zum Auswahlverfahren unter: 
www.hdpk.de

FAID, das sind Sänger Alex Hauer (27), Schlagzeuger Michèl Martins Almeida (22) und Marco Lesche (23) an Bass, Gitarre und Keyboard. Im Ok­tober erschien die erste Single „Where I Was Born“, 2018 sind weitere Veröffentlichungen und Konzerte geplant.
www.faidmusic.com
www.facebook.com/faidband

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