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Jetzt erst recht

Schule, Lehre, Studium – als junge Mutter die eigene Ausbildung mit der ­Verantwortung für ein Kind zu vereinbaren, ist nicht immer einfach. Bildungsangebote der SRH helfen, die berufliche Zukunft zu sichern. Zwei Beispiele.

„Und wer passt auf Ihre Tochter auf? So kleine Kinder sind doch dauernd krank!“ – Stefanie Wolks erste Versuche, sich ein Praktikum oder einen Ausbildungsplatz zu organisieren, verliefen ziemlich ernüchternd: „23 Jahre alt, kein Abitur, dafür aber ein Kleinkind und private Probleme – für die meisten Unternehmen war ich nicht gerade erste Wahl“, sagt die heute 24-Jährige. Auch bei der Frage nach einer Teilzeitausbildung winkten sämtliche Betriebe gleich ab. Denn obwohl das Berufsbildungsgesetz seit einigen Jahren ausdrücklich die Möglichkeit einer Ausbildung in Teilzeit vorsieht, haben bisher nur wenige Firmen damit Erfahrung. „Bei der Suche war ich völlig auf mich gestellt und habe nur Absagen kassiert“, berichtet Stefanie Wolk (Bild links, mit ihrer Tochter).
Trotz vieler Hürden hat es die alleinerziehende Mutter geschafft. Vor wenigen Wochen hat sie am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd (BBWN) eine Ausbildung begonnen. „Ich bin kreativ und schreibe gerne“, sagt sie. Kauffrau für Marketingkommunikation heißt deshalb ihr Berufsziel – einer von 40 anerkannten Lehrberufen, in denen das BBWN ausbildet. Das Angebot wendet sich an Jugendliche und junge Erwachsene, die keine klassische betriebliche Ausbildung absolvieren können, etwa aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen, wegen psychischer Probleme oder – so wie Stefanie Wolk – wegen einer schwierigen Lebenssituation. 

Glückliches Ende einer Odyssee 

Denn die junge Frau hat bereits einiges an Tiefschlägen hinter sich: Auf einen guten Realschulabschluss folgen Jahre auf dem Gymnasium voller Mobbing. Statt elter­licher Rückendeckung erlebt der verunsicherte Teenager Pflegefamilie, Depressionen und Selbstverletzungen. Schließlich bricht Stefanie Wolk die Schule ab, beginnt ein Freiwilliges Soziales Jahr. Beim Einsatz in einem Münchner Jugendtreff lernt sie 2012 den Vater ihrer kleinen Anasta­sia kennen, damals selbst noch ein Schüler ohne Einkommen und eigene Wohnung. „Als ich schwanger wurde, war niemand groß begeistert“, gibt sie offen zu. Das katholische Mädchen-Wohnheim setzt die ledige Mieterin trotz Babybauch vor die Tür. Ein Anlauf, als Familie gemeinsam zu leben, scheitert. Der junge Vater, ohne Job, genervt und überfordert, lässt seinen Frust schon bald handgreiflich an Mutter und Kind aus. Nach einer kurzen Zwischenstation im Frauenhaus wird die alleinerziehende junge Mutter im August 2014 im Jugendhilfe-Programm „educare“ des BBWN aufgenommen. Finanziert vom Jugendamt, bezieht sie mit der damals 18 Monate alten Anastasia ein Zimmer im haus­eigenen Wohnheim. Ein Glücksfall: Denn zum Jugendhilfekonzept des BBWN gehört neben gesicherten Wohnmöglichkeiten mit pädagogischer und therapeutischer Betreuung auch die Möglichkeit, eine berufsvorbereitende Maßnahme oder eine Ausbildung zu absolvieren. Diese Chance hat die junge Mutter dankbar angenommen. Die Ausbildung im Haus hat für Stefanie Wolk zum einen organisatorische Vorteile: Der Weg ins Büro ist kurz, die ­Kinderbetreuung perfekt organisiert. Seit Januar besucht Anastasia eine Kita. Ein privat organisierter Fahrdienst bringt sie und einige andere Kinder aus dem BBWN täglich hin und zurück. Demnächst hat die dann Dreijährige einen Platz in einem Kindergarten.

 

 

 

Sanfter Start in die berufliche Zukunft

Noch weitaus entscheidender als die komfortablen Rahmenbedingungen sind für Stefanie Wolk jedoch die Unterstützung und das Verständnis, die man ihr am BBW entgegenbringt: „Ich bin ja viel älter als die meisten Azubis und passe auch nicht zwischen lauter Schlipsträger“, sagt sie über sich. „Außerdem hatte ich Angst, ob ich diesmal der Herausforderung gewachsen bin.“ Doch in der Marketingabteilung des BBW fühlt sich die junge Frau wohl. Vor dem Start der Ausbildung hat sie ihre Chefin und die Kollegen bereits ganz in Ruhe in einem zwei­wöchigen Praktikum kennengelernt, Vertrauen gefasst und sich an den neuen Tagesablauf gewöhnt. Im ersten Jahr findet der Berufsschulunterricht zudem noch im ­vertrauten Umfeld am BBW statt, bevor es später in eine öffent­liche Berufsschule geht.Inzwischen hat Stefanie Wolk keine Angst mehr. „Ich bin heute viel lebensfroher und kann gar nicht mehr nach­vollziehen, dass ich mich früher selbst verletzt habe“, sagt das ehemalige Mobbing-Opfer. Und sie hat endlich ein klares Ziel: „Mit der Ausbildung schaffe ich eine sichere Ba­sis für mich und meine Tochter.“

 

 

„Die ersten Wochen nach der Geburt waren schon stressig, aber inzwischen hat sich alles perfekt eingespielt“

Laura Haase, Studentin der Medizinpädagogik 

 

Flexibel studieren mit Kind

Nicht jede Elternschaft ist so schwierig und belastend wie die von Stefanie Wolk. Dennoch wird eine Schwangerschaft während Schulzeit oder Ausbildung oft als Unglücksfall oder Hindernis betrachtet. Nur wenige Schulen, Ausbildungsbetriebe oder Hochschulen gehen offen und selbstverständlich darauf ein. Ein Fehler, findet Laura Haase (im Bild mit Ehemann und Sohn). Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass ein Kind durchaus zu Bestleistungen motivieren kann – wenn denn das Lernumfeld stimmt. Die 25-jährige Krankenpflegerin studiert seit April 2013 berufsbegleitend Medizinpädagogik an der SRH Fachhochschule für Gesundheit Gera (siehe Kasten rechts). Vor knapp einem Jahr kam Sohn Tim auf die Welt. „Das war absolut nicht geplant, ist aber ein tolles Geschenk“, sagt die junge Mutter. Von ihrem Job in der Notaufnahme des Hegau-Bodensee-Klinikums in Singen hat sie für Tim ein Jahr Elternzeit genommen. Im Studium hat sie dagegen den Turbo eingelegt. Statt sich ein Urlaubs­semester zu gönnen, wird sie ihren Abschluss wohl in acht Semestern anstelle der vorgesehenen neun schaffen.Möglich macht das nicht zuletzt die flexible und familienfreundliche Studienorganisation an der privaten Hochschule. Rund drei Viertel der 430 Studenten am Standort Gera sind Frauen, viele davon wie Laura Haase im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, also in einer Phase, in der sie auch über die Familiengründung nachdenken. „Babybäuche oder Kinderwagen sind hier kein ungewöhnlicher Anblick“, sagt Sabrina Simchen-Schubert. Als akademische Koordinatorin des Präsidiums hilft sie den Studenten in allen organisatorischen Fragen rund ums Studium weiter. „Wir bieten viele berufsbegleitende ­Programme an, deshalb ist die Bereitschaft, individuelle ­Regelungen zu treffen, ohnehin schon sehr hoch“, so Simchen-Schubert.Wer zum Beispiel tatsächlich ein Urlaubssemester einlegen möchte, wird von den Lehrkräften dabei unterstützt, schnell wieder den Anschluss zu finden. Bei Bedarf stellen sie ihm oder ihr den Stoff fürs aktuelle Semester sogar maßgeschneidert zusammen. Auch wer wie Laura Haase einen Zahn zulegen will, kann auf die Unterstützung seiner Professoren zählen. Zudem ist die Teilnahme an Präsenzkursen in den berufsbegleitenden Studiengängen grundsätzlich freiwillig. All diese Freiheiten kommen nicht zuletzt jungen Eltern sehr entgegen. Laura Haase kommt dagegen gerne und regelmäßig. Den Nachwuchs mit auf den Campus zu bringen, ist in Gera kein Tabu: Die Hochschule hat sogar ein Stillzimmer, und niemand schaut schräg, wenn ein hungriges Baby die Mama aus der Vorlesung krakeelt. Auch Tim hat schon friedlich ­neben seiner Mutter im Hörsaal geschlummert. Meistens lässt ihn Laura Haase aber bei ihren Eltern, die praktischer­weise nahe Gera wohnen. Das Studium längere Zeit zu unterbrechen, ist ihr nie in den Sinn gekommen: „Die ersten Wochen nach der Geburt waren schon stressig, aber inzwischen hat sich alles perfekt eingespielt“, sagt sie. Dass ihr Mann ebenfalls berufsbegleitend in Gera studiert, sieht sie dabei als Vorteil an: „Natürlich muss man sich im Alltag absprechen und gut organisieren, aber so ein Stu­dium gemeinsam zu meistern, ist auch Ansporn und Motivation.“ 

 

Text Kirstin von Elm
Fotos Marc Holzner, Andreas Reeg

Laura Haase und ihr Mann studieren beide an der SRH Fachhochschule in Gera. Auch Söhnchen Tim ist schon mal mit von der Partie.

Gesundheit studieren

An der SRH Fachhochschule für Gesundheit Gera lernen an allen Standorten zusammen zurzeit mehr als 800 Studenten in elf Gesundheits- und Therapiestudiengängen. Bachelorabschlüsse lassen sich beispielsweise in Ergo- oder Physiotherapie, Logopädie und Medizinpädagogik machen. Masterstudiengänge sind zum Beispiel Neurorehabilitation, Medizinpädagogik oder Gesundheits- und Sozialmanagement. Daneben bietet die Hochschule Weiterbildungsprogramme etwa für Assistenzärzte oder pflegendes Personal. 
Alle Studiengänge lassen sich in Vollzeit oder berufsbegleitend absolvieren. Deshalb ist die Hochschule sehr flexibel zum Beispiel in Sachen Prüfungstermine oder Anwesenheitspflichten. Hauptsitz und Standort mit den meisten Studiengängen ist Gera. In Kooperation mit den SRH Fachschulen lassen sich einige Fächer aber auch an sechs weiteren Standorten in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen 
studieren.
www.srh-gesundheitshochschule.de 

Das SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd (BBWN) ist spezialisiert auf die außerbetriebliche Berufsausbildung junger Menschen mit individuellem Förderbedarf. Aktuell werden rund 700 Auszubildende unterrichtet. 
www.bbw-neckargemuend.de

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